Prolog
Als das Mädchen an jenem Wintermorgen zum Wurzelnsammeln in den Wald geschickt wurde, war der Schnee noch nicht rot.
Sie huschte zwischen den Bäumen hindurch, hüpfte über nasse Steine und duckte sich vor herabhängenden Ästen. Ihre Stiefel knirschten auf dem halb gefrorenen Untergrund – das Geschenk ihrer Eltern zum Julfest, gefüttert mit feinster Schafwolle und sogar bei Temperaturen wie heute kuschelig warm.
Nach Wochen des Nebels war es der Sonne endlich gelungen, die Wolkendecke zu durchdringen. Die Strahlen kitzelten auf der erkalteten Haut des Mädchens und brachten sie zum Niesen. Der Frühling war noch weit entfernt, aber der stahlblaue Himmel zwischen dem Baumdach und das Glitzern der Schneedecke ließen erahnen, wie der Wald in ein paar Monaten aussehen würde.
Das Mädchen kauerte sich vor einem besonders dicken Stamm nieder. Ihre Finger waren in warme Handschuhe gepackt, sodass sie sich mühelos durch den frischen Schnee graben konnte. Die Wurzeln würden sich irgendwo unter ihr befinden. Vater war auf die Jagd gegangen und das Mädchen hoffte inständig, dass er ein Kaninchen nach Hause bringen würde. Knoblauchsranke mit Kaninchenfleisch schmeckte so viel besser als Mutters öde Kartoffelsuppe.
Während sie weitergrub, begann das Mädchen, leise vor sich hin zu summen. Ihr Bruder hatte ihr gesagt, dass sie vorsichtig sein solle, wenn sie nicht von einem Monster verschluckt werden wollte. Davon gab es hier im Wald viele. Sie trugen die Haut von Menschen und sie sprachen mit denselben Worten, aber sie waren böse und blutrünstig. Man wusste erst, mit wem man es zu tun hatte, wenn es zu spät war.
Der Schnee, der unter dem Körpergewicht des Mädchens schmolz, sog sich langsam im Stoff ihrer Hose fest. Sie sang weiter, bemerkte den Schatten neben ihr erst, als sie das Knacken eines Astes hörte.
Das Mädchen drehte den Kopf. Ein dunkles Augenpaar blickte ihr entgegen. Die Hirschkuh stand nur wenige Meter von ihr entfernt zwischen ein paar Bäumen. Sie musterte das Mädchen, die Ohren zuckend, die Schnauze feucht. Das Mädchen hob eine Hand, winkte dem Tier zu. Mit einem Satz sprang die Hirschkuh ins Gebüsch. Wenige Atemzüge später war sie im Wald verschwunden.
Enttäuscht zog das Mädchen einen Schmollmund. Vergessen war die Knoblauchsranke oder die ihr aufgetragene Arbeit. Das Mädchen ließ sich auf den Hintern zurücksinken, verschränkte die Arme vor der Brust. Warum gab Mutter ihr stets die sinnlosesten Aufgaben? Sie hatte keine Lust auf Wurzeln. Viel lieber würde sie durch den Wald hüpfen wie ein junges Kitz, im Schnee toben und mit ihrer Familie um die Wette rennen!
Im Endeffekt half es nichts. Das Mädchen besaß nur zwei Beine statt vier und zottelige Haare statt eines Fells. Vielleicht würde Mutter ihr ja später erlauben, mit ihren Brüdern im Wald eine Hütte aus Tannenästen zu bauen, wenn das Mädchen die Knoblauchsranken schnell zurückbrachte.
Von neuem Eifer gepackt, setzte sie ihre Tätigkeit fort. Ein Zittern erfasste ihren Körper, als sie die letzte Wurzel in den Korb packte. Die Nässe und Kälte waren längst durch alle Schichten ihrer Kleidung gedrungen. Einmal mehr hatte sich die Sonne hinter einer grauen Wand versteckt, und mit der Abwesenheit ihrer Strahlen verkam der Wald zu einem eisigen, nebelverhangenen Ort.
Das Mädchen stand auf, klemmte sich den Korb unter den Arm und schlug den Weg nach Hause ein. Trotz der kalten Luft hüpfte sie bei jedem ihrer Schritte ein kleines Stück, angefüllt mit Vorfreude auf einen warmen Kamin und eine Tasse Tee.
Da lag etwas vor ihr auf dem Weg. Ein einzelner roter Fleck im Schnee. Das Mädchen blieb überrascht stehen, reckte den Hals. Mehr rote Flecken, wie eine kleine Straße, die tiefer in den Wald hineinführte. Neugierig folgte sie der Spur. Mehr und mehr Flecken tauchten auf, wurden von Flecken zu Spritzern und schließlich zu einer Pfütze. Ein beißender Gestank brannte sich in die Nasenhöhlen des Mädchens. Er erinnerte sie an die Kupferlöffel aus Mutters Küche.
Die Hirschkuh war tot. Das Mädchen war noch klein, aber so viel verstand selbst sie, als sie das Tier entdeckte. Ihr einst braunes Fell hatte sich dunkel verfärbt, der Bauch war aufgerissen und die dampfenden Organe herausgefallen. Nur die dunklen Augen starrten das Mädchen genauso an, wie sie es vor wenigen Minuten noch getan hatten.
Einen Moment war sich das Mädchen nicht sicher, was sie tun sollte. Sie stellte den Korb ab und kauerte sich vor der zerfetzten Hirschkuh nieder. Ein Teil des Blutes war gefroren, der Rest quoll nach wie vor aus dem Körper des Tieres heraus.
Zwischen den blattlosen Büschen bewegte sich etwas. Das Mädchen sah neugierig auf. Die Kreatur, die sich in den Baumreihen verbarg, war schwer zu beschreiben: ein langgliedriges Ding mit einem massigen Körper. Ein Gesicht hatte die Kreatur keins, bloß astartige Hörner, kleine Funken als Augen und eine feine Linie als Mund.
»Hallo«, sagte das Mädchen.
Die Kreatur legte den Kopf mit einem Knacken schief. Die feine Mundlinie öffnete sich, wurde zu einem klaffenden Loch mit mehreren Reihen an scharfen Zähnen. Einzelne Überreste der Hirschkuh steckten noch dazwischen und beim Öffnen des Mundes zogen sich Fäden von Blut von einer Seite der Lippen zur nächsten.
Das Mädchen kam nicht einmal dazu, zu schreien, als das Monster sich auch schon auf sie stürzte.
Ein Knäuel aus Rot kollidierte seitlich mit der Kreatur, die Bewegungen schneller, als es menschenmöglich gewesen wäre. Das Mädchen fiel auf das Steißbein zurück, beobachtete mit weit aufgerissenen Augen, wie die Kreatur mit einem Krächzen gegen einen Baumstamm geschleudert wurde. Eine Frau hatte sich vor der Bestie aufgebaut, eine Riesin mit breiten Schultern und einem roten Umhang, der sich hinter ihr aufbauschte. In der Hand trug sie die größte Axt, die das Mädchen in ihrem kurzen Leben je gesehen hatte.
Der Kampf dauerte nicht allzu lange. Die Frau im roten Umhang rannte auf das Monster zu. Dieses hob die Arme, ließ sie wie Zweige nach vorne schießen, während es nach der Frau schnappte. Sie wich jedem Angriff mühelos aus, überwand die Distanz zwischen ihr und der Bestie in wenigen Atemzügen. Die Axt kollidierte mit dem Körper des Monsters, woraufhin es einen erstickten, animalischen Laut von sich gab. Schlag um Schlag hackte die Frau auf die Bestie ein, bis ihr Gebrüll leiser wurde und schließlich vollends erstarb. Mit einem Grunzen ließ die Frau ihre Axt ein letztes Mal niedersausen. Der Kopf der Kreatur rollte einige Meter über den Boden, bevor er vor dem Mädchen liegen blieb. Das Maul war selbst im Tod noch aufgerissen, die spitzen Zähne glänzend mit rotem Sabber.
Die Frau hatte dem Mädchen den Rücken zugewandt. Ihre Schultern bebten unter ihren schweren Atemzügen. Langsam drehte sie sich um. Die Augen der Frau waren schwarz, genau wie die Haare, die an der Seite eng an den Kopf geflochten waren. Sie war größer als der Vater des Mädchens und zweifellos muskulöser. Von ihrer Kleidung und ihrem Gesicht tropften frisches Blut und zermatschte Einzelteile der Kreatur, welche die Frau soeben erlegt hatte. Weitere Überreste spuckte sie gerade neben sich in den Schnee.
Das Mädchen sah vom Monster zur Frau und dann zurück. Fast fiel es ihr schwer, die beiden voneinander zu unterscheiden.
Die Frau wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht, was lediglich darin resultierte, dass sie die einzelnen Blutspritzer noch weiter verschmierte. »Bist du verletzt?«
Das Mädchen schüttelte schnell den Kopf.
»Gut. Lebst du hier in der Gegend?«
Ein Nicken.
»Dann los. Lauf so schnell zurück nach Hause, wie du kannst. Keine Pause. Wo das herkam«, die Frau gestikulierte mit der Spitze der Axt auf den abgetrennten Monsterkopf, »treiben sich meist noch mehr rum.«
Das Mädchen kam hoch, ihr Herz bis in ihren Hals klopfend. Als sie schon fast in die Baumreihen eingetaucht war, drehte sie sich noch einmal um. »Wer seid Ihr?«
»Niemand«, antwortete die Frau knapp. »Ich bin niemand.«
Sie schulterte ihre Axt und verschwand zwischen den Bäumen. Das Mädchen sah ihr hinterher, bis der rote Umhang vom Dunkel verschluckt worden war.
Kapitel 1: Rot
Der eiserne Geschmack von Blut beißt nach wie vor in meinem Mund. Mit den Fingernägeln kratze ich einen Fetzen Fleisch weg, der sich zwischen den Zähnen verfangen hat, und spucke aus. Verdammte Waldschrate. Ganze vier Stück hab ich in den vergangenen Wochen in der Gegend erledigt, den Kopf von Nummer fünf trage ich gerade in der rechten Hand. Den Rest des Körpers habe ich im Wald zurückgelassen. Sollen sich die Wölfe und Luchse darum kümmern. Für meine Belohnung reicht das Haupt allemal.
Jede Muskelfaser in meinen Beinen brennt, während ich durch den hohen Schnee stapfe. Der rote Mantel hinter mir ist das einzige Fleckchen Farbe in der kargen Landschaft. Meine Knochen und Gelenke schreien schon lange nach einer Pause, die Axt schlägt bei jedem Schritt unangenehm gegen meinen Rücken. Die letzten Tage habe ich hier draußen verbracht, um die Spuren des Schrats zu verfolgen, hab unter Bäumen und zwischen kahlen Büschen geschlafen. Nicht, dass meine Schlafplätze unter gewöhnlichen Umständen viel bequemer wären. Als Monsterschlächterin schläft man normalerweise nicht auf Rosen gebettet.
Die Luft riecht nach frisch gefallenem Schnee und nassem Nebel, der in faserigen Schwaden zwischen die Baumreihen kriecht. Winter ist die beste Jahreszeit für die Jagd. Wenn die Bergpässe geschlossen und die Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten sind, wird die Nahrung für alle knapp, auch für Monster. Angriffe auf Menschen häufen sich, was wiederum bedeutet: Mein Geldbeutel füllt sich. Wo Blut vergossen wird, gibt es Arbeit. Keine sonderlich gut bezahlte oder gar respektvolle Arbeit, aber beschweren will ich mich nicht. Die Monsterjagd ist das Beste, worauf jemand wie ich zu hoffen wagt.
Ich erreiche die Taverne an der Wegkreuzung, als der Himmel den Schnee bereits pink verfärbt hat. Mit der freien Hand stoße ich die schwere Holztür auf. Noch bevor ich über die Schwelle getreten bin, haben das Gelächter und die Gespräche der Anwesenden meinen Gehörgang geflutet. Es stinkt, wie es das an solchen Orten immer tut, Noten von Schweiß, Rauch und Alkohol, so eng ineinander verwebt, dass es schwer ist, die einzelnen Gerüche voneinander abzutrennen. Nach all den Stunden, die ich in der Kälte verbracht habe, lässt die warme Luft mein Gesicht glühen. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Ich hebe den Kopf des Waldschrats hoch und schleudere ihn durch den Raum. Er rollt ein Stück weit, zieht blutige Striemen über den Holzboden, bevor er schließlich vor den Füßen eines stämmigen Mannes landet, der gerade einen Tisch mit neuen Bierkrügen bestückt.
Plötzlich wird es still im Raum. Wie Nadeln stechen die Blicke der Anwesenden auf meiner Haut. Ich muss keine Gedankenleserin sein, um genau zu wissen, was sie denken. Was sie in mir sehen. Die blutüberströmte Wilde, die nach Innereien und nassem Schlamm riecht. Kaum ein Mensch, schon gar nicht eine Frau. Mein alleiniger Anblick reicht, um die Abscheu in ihren verengten Augen sichtbar zu machen. Gut. Dann lassen sie mich hoffentlich in Ruhe.
»Du bist zurück.« Siegfried, dem ich den Monsterkopf zugeworfen habe, stellt die Bierkrüge auf dem Tisch ab und wischt sich seine Hände an der Schürze trocken.
»Die Waldschrate sollten euch keine Probleme mehr bereiten«, sage ich.
»Das sind fantastische Neuigkeiten, meine Liebe. Aber war es wirklich notwendig, mir einen Monsterkopf vor die Füße zu schleudern, um diese frohe Botschaft zu verkünden?«
Nein. Aber dieser ganze Raum ist voll von potenziellen Auftraggebenden, also kann ich die Gelegenheit genauso gut nutzen, um meine Fähigkeiten zu demonstrieren. Außerdem verschwende ich nie eine Chance, Siegfried zu fuchsen. Sein Gesichtsausdruck, als er den Kopf des Schrats mit gespreizten Fingern aufhebt, ist fast mehr Belohnung als all die Taler, die ich heute für meine Beute einstecken werde.
»Entschuldigt bitte«, ruft er der eingeschüchterten Menge zu. »Diese Monsterschlächterin hier war wohl etwas übereifrig bei der Arbeit. Trinkt, speist! Die nächste Runde geht auf mich.«
Sofort löst sich die Spannung in der Luft. Die Anwesenden prosten einander zu. Mit einer schnellen Bewegung des Kinns gibt Siegfried mir zu verstehen, dass ich ihm folgen soll.
Obwohl die Taverne bis auf den letzten Platz gefüllt ist, brauche ich mir nicht meinen Weg durch den Raum zu bahnen. Die Anwesenden weichen automatisch von mir zurück. Raunen und Geflüster gehen durch die Reihen, aber ich ignoriere es. Es gibt nichts, was ich nicht schon hundert Mal zuvor gehört hätte.
Ich folge Siegfried durch die Hintertür nach draußen. Er wirft den Kopf des Waldschrats in Richtung der Baumreihen, wo er sogleich im hohen Schnee versinkt.
»Du verbrennst das Ding besser.« Ich lehne mich gegen den Türrahmen zurück. »Sonst zieht der Geruch noch Kobolde an.«
»Ich weiß mit einem Waldschrat umzugehen.« Er dreht sich zu mir um. »Was bei allen guten Geistern machst du hier, Rot?«
»Bloß, wofür du mich angeheuert hast.«
»Ich bezahle dich nicht dafür, meinen teuren Eichenboden mit Waldschratblut zu besudeln«, antwortet Siegfried.
»Dann kauf dir eben einen neuen. Bist du nicht sowieso ein Königssohn oder so?«
»Meine royalen Titel wurden mir schon vor Jahren aufgrund meines«, er pausiert, scheint nach dem richtigen Wort zu suchen, »unglücklichen Zustands abgesprochen. Und überhaupt ist das hier nicht das Thema. Ich dachte, ich hätte dir gesagt, dass du diskret sein sollst.«
»Und ich dachte, dass du mich gut genug kennst, um zu wissen, wie ich arbeite.«
»Ich weiß, dass du auf die Meinung anderer pfeifst, aber selbst du solltest inzwischen verstanden haben, dass es eine schlechte Idee ist, unnötig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.« Er setzt seine Brille ab, wischt sie sich an seiner Schürze sauber. Kurz leuchten seine Augen in einem goldenen Glanz und unter seinen Lippen lugen die Spitzen von scharfen Zähnen hervor. »Ganz besonders für solche wie wir.«
Die Predigt muss ich mir jedes Mal anhören, wenn ich herkomme. »Ich kann gut auf mich selbst aufpassen.« Ich tue es immerhin schon, seit ich überhaupt denken kann.
Siegfried schiebt sich die Brille zurück auf seine Nase. »Das habe ich nie angezweifelt. Aber sei vorsichtig da draußen, ja? Erst letzte Woche ist die Jagd hier durchgezogen.«
All meine Organe verknoten sich gleichzeitig. »Die Jagd? Bist du sicher?«
»Die Leute in der Taverne reden. Mir entgeht nichts, was sich hier in der Gegend abspielt.«
»War die Jagd nicht erst vor einem Monat das letzte Mal hier? Ich dachte, die wären längst weitergezogen.«
»Scheinen wohl nach etwas zu suchen.«
Oder jemandem. Siegfried spricht die Worte nicht aus, aber sie wiegen auch so schwer zwischen uns.
»Vielleicht ist es besser, wenn du dich in nächster Zeit bedeckt hältst«, fährt er fort. »Zumindest so lange, bis die Jagd endgültig aus der Gegend verschwunden ist. Ich könnte dir ein Zimmer anbieten. Du könntest dich als Kellnerin nützlich machen, bis der Frühling kommt.«
Ich lache heiser. »Lieber hebe ich eigenhändig ein Nest von Sumpfkrabblern aus, als dass ich irgendwelchen betrunkenen Vollpfosten Bier an den Tisch bringe.«
»Vielleicht würde es dir guttun, ein wenig unter Gesellschaft zu kommen. Bekanntschaften zu schließen. Ein normales Leben zu führen, statt …« Er beendet den Satz nicht, weist einfach an meinen blutverklebten Haaren und der schmutzigen Kleidung hinab.
Manchmal hasse ich Siegfried dafür, wie leicht ihm all das fällt. Sich eine Maske überzuziehen und so zu tun, als wäre er einer von denen. Vielleicht ist es für ihn einfacher, weil er nicht so geboren wurde. Seine zweite Gestalt habe ich nie zu Gesicht bekommen, aber auch so kann ich die Macht spüren, die in seinen Knochen vibriert. Die Leute in der Taverne müssen ihm wie Ameisen vorkommen, und trotzdem steht er hier und mimt den gutmütigen Schankwirt.
»Ich bin nicht wie du«, stelle ich klar. Bekanntschaften, ein normales Leben, ein Ort, an dem man zu Hause ist: Solche Dinge sind nicht für mich gemacht.
Siegfried seufzt, doch er lässt das Thema glücklicherweise fallen. Das ist etwas, was ich in den letzten Jahren an ihm zu schätzen gelernt habe: Er weiß, wann es keinen Wert hat, eine Diskussion weiterzuführen. Kurz macht er sich am Beutel an seinem Gürtel zu schaffen, dann zieht er ein paar Taler hervor und lässt sie in meine offene Handfläche fallen.
»Das ist zu viel«, realisiere ich.
Er hat den Beutel bereits wieder zugezurrt. »Wag es ja nicht, dich zu beschweren.«
»Ich bin nicht dein Wohltätigkeitsfall.«
»Nein«, brummt Siegfried. Er legt mir eine Hand auf den Arm. »Aber was für ein Freund wäre ich denn, wenn ich dich in diesem kalten Winter einfach erfrieren lassen würde?«
Etwas regt sich in mir, warm und weich um mein Herz. Demonstrativ trete ich einen Schritt von Siegfried zurück. Die Taler stecke ich ohne weiteren Widerspruch ein.
»Pass auf dich auf, hörst du?« Siegfried drängt sich an mir vorbei ins Innere der Taverne. »Ich will nicht, dass mir dein Kopf entgegenrollt, wenn die Jagd das nächste Mal hier vorbeizieht.«
*
Die Menge hat längst das Interesse an mir verloren, als ich wenig später in die Taverne zurückkehre. Ich hole mir einen Krug Bier von der Schenke, dann verziehe ich mich in eine schlecht beleuchtete Ecke des Raumes. Siegfried hat mir ein Bett für die Nacht bereitgestellt. Für heute reicht es, aber spätestens in der Morgendämmerung werde ich weiterziehen. Wie es Siegfried aushält, von frühmorgens bis spätabends in diesem stickigen, warmen Raum mit all diesen betrunkenen Tunichtguten eingesperrt zu sein, werde ich nie verstehen. Je mehr ich mich von Menschen fernhalte, desto besser. Für sie und für mich.
Ich nippe an meinem Krug und tunke meinen Löffel lustlos in die Suppe. Karla, die Schankmaid, hat sie herbringen lassen, vermutlich auf Siegfrieds Anweisung hin. In der trüben Brühe schwimmen sogar Brocken von Fleisch. Wild, dem Geruch nach zu urteilen. Närrischer alter Mann! Verschwendet sein teures Fleisch für mich, statt es seiner Kundschaft anzudrehen und seinen Geldbeutel zu füllen.
Es ist nicht das erste Mal, dass er mir angeboten hat, hierzubleiben, und es wird auch nicht das letzte Mal sein. An manchen Tagen bin ich versucht, mich zu ergeben. Das Monsterschlachten sein zu lassen und diese stickige Taverne mein Zuhause zu nennen. Aber ich weiß, dass das nur ein naiver Traum ist. Jedes Mal, wenn ich aufhöre zu rennen, wenn ich zu lange an einem einzigen Ort verweile, holt die Finsternis mich ein. Das tut sie immer, früher oder später, und wenn es so weit ist, zerrt sie nicht nur mich, sondern auch alle um mich herum in die Schatten hinein.
Nein, ich gehöre nicht hierher. Nicht einmal Siegfried tut das, nicht wirklich. Selbst vor seinen eigenen Angestellten versteckt er sich, vom Rest des Dorfes ganz zu schweigen. Der Mann, den sie alle lieben, ist in Wahrheit kein Mann, bloß ein Schauspiel, eine Theateraufführung, damit die Leute nachts besser schlafen können.
Widerwillig schiebe ich mir ein paar Löffel Suppe in den Mund. Nach den Tagen im Wald, in denen ich kaum Zeit zum Jagen gefunden habe, zieht sich mein Magen bei dem Geschmack vorfreudig zusammen. Die Kraft kehrt in meine erkalteten Glieder zurück. Endlich erlaube ich es meinem Körper, die Erschöpfung zu spüren, die schwer in meine Muskeln gesunken ist.
»Entschuldigt, werte Frau. Ist hier noch frei?«
Ein hagerer Mann ist vor meinem Tisch stehen geblieben. Er besitzt ein spitzes, rattenähnliches Gesicht und ein paar wenige Streifen Haare, die er sich in einem Versuch, das letzte Stück seiner Würde zu retten, über den kahlen Schopf gekämmt hat.
»Nein«, antworte ich auf seine Frage hin.
Der Mann beäugt den leeren Stuhl mir gegenüber und richtet den Kragen seines Hemds. Der obere Knopf ist zu eng und ein Teil seiner Halslappen drückt sich über den Stoff hinaus. Der penetranten Parfümwolke, die ihn umgibt, und seinem piekfeinen, großkotzigen Erscheinungsbild nach zu urteilen, stammt er nicht aus diesem Teil des Königreichs.
»Ihr müsst Fräulein Rot sein, richtig?«, fährt er fort.
»Kommt darauf an, wer fragt.«
Er zieht den Stuhl heran und lässt sich darauf nieder. »Richter, mein Name. Armin Richter.« Der Mann streckt mir seine knochigen Finger entgegen. Seine Hand ist klein, die Gelenke mit einem feinen Haarflaum bedeckt. Ich stelle mir vor, wie einfach es wäre, sie mit der Axt vom Rest seines Arms abzutrennen.
Als ich seine Hand nicht ergreife, zieht Richter sie rasch zurück und räuspert sich. »Das war eine beeindruckende Vorführung vorhin. Ich kann mir gar nicht vorstellen, welch Geschick und Talent es erfordert, einen solch fürchterlichen Waldschrat zu erledigen!«
»Es ist ein uraltes, streng geheimes Handwerk«, erwidere ich zustimmend. »Nennt sich zuschlagen und abhacken.«
Richter entweicht ein heiseres Lachen. »Humor. Eine Eigenschaft, die Euresgleichen nur selten erhalten bleibt.«
»Eine, die ich sehr schnell verliere, wenn ich von Adeligen mit gebutterten Ärschen bedrängt werde«, antworte ich und ziehe die Lippen zurück, um meine Zähne zu zeigen. Alle davon.
Der Mann schreckt für einen Moment zurück. Wenigstens ist er klug genug, um die unausgesprochene Warnung zu verstehen. Einmal mehr zupft er an seinem Hemdkragen herum.
»Mir wurde zu Ohren getragen, dass Ihr eine der begnadetsten Monsterschlächterinnen in der Gegend seid«, sagt er. »Und dass Ihr keinem Auftrag abgeneigt seid, egal wie beschwerlich.«
Ich lehne mich in der Bank zurück, nehme einen Schluck aus meinem Krug. »Solange der Preis stimmt.«
»Oh, ich kann zahlen«, beteuert Richter, und ich glaube ihm sofort. »Diese Angelegenheit ist jedes Goldstück wert, das kann ich Euch versichern. Gern kann ich auch eine Anzahlung leisten.« Er zieht einen klingenden Lederbeutel hervor und schiebt ihn über den Tisch. »Reichen zweihundert Taler für den Anfang?«
Fast hätte ich den Schluck in meinem Mund ausgespuckt. Das ist mehr Geld, als ich den gesamten letzten Winter verdient habe. Ich stelle den Krug ab und wiege den Lederbeutel in meiner Handfläche.
»Gerade so«, antworte ich. Scheiße. Dieser Richter ist nicht nur reich, er ist stinkend reich. Rasch stecke ich den Lederbeutel ein. »Also. Was soll ich umlegen? Eine Sumpfschnepfe? Einen Wolpertinger? Einen Eis-Greifen?«
»Ihr missversteht mich«, erwidert Richter. »Ich benötige Eure Dienste nicht, um ein einfaches Monster zu erlegen. Ihr sollt jemanden befreien.«
»Ach?«
Er zieht ein zerknittertes Stück Pergament hervor. Darauf sind die Umrisse einer jungen Frau abgebildet. Lange Locken, kurviger Körperbau, hübsches Gesicht.
»Ich bin im Auftrag des Barons von Blumberg hier«, erklärt Richter. »Seine Tochter, Kassandra, ist von einer Gruppe Räuber entführt und verschleppt worden. Meine Nachforschungen haben ergeben, dass sich ihr Lager hier in der Nähe befindet, jenseits des Waldes.«
»Und Ihr wollt, dass ich sie zurückbringe.«
»Exakt. Wir brauchen jemanden, der präzise und diskret arbeitet. Natürlich soll auch Baroness Kassandra kein Haar auf dem Kopf gekrümmt werden. Ihr Vater macht sich große Sorgen um sie.«
Das ist definitiv anders als die Aufträge, mit denen die Leute normalerweise zu mir kommen. Ich bin keine Söldnerin – meine Axt vergießt meistens nur Monsterblut. Aber ich will nicht wählerisch sein. Mit dem Geld, das Richter mir anbietet, könnte ich mich für den Rest des Winters zur Ruhe setzen. Mich irgendwo in eine Hütte im Wald zurückziehen und die nächsten Monate mit niemandem mehr ein Wort wechseln. Der Gedanke ist zu verlockend, um ihn nicht in Betracht zu ziehen.
»Also gut«, willige ich deshalb ein.
Richters Gesicht hellt sich augenblicklich auf. »Wunderbar! Dann erwarte ich Eure Rückkehr in den nächsten Tagen, gemeinsam mit Baroness Kassandra.«
Er verbringt die nächsten zehn Minuten damit, mir alles über diese Räuberbande zu erzählen, was er herausfinden konnte, und ihr Lager auf einer Karte der Umgebung einzuzeichnen. Schließlich verabschiedet er sich ins Bett, hüpft beinahe die Treppe hinauf, seine Erleichterung deutlich. Als ich mich das nächste Mal meiner Suppe zuwende, ist sie kalt geworden.
Kapitel 2: Rot
Die Wolkendecke am Himmel ist aufgerissen. Zwischen den kargen Ästen blitzen eisig blaue Flecken auf und vereinzelt dringen sogar feine Sonnenstrahlen auf mein Gesicht. Die Wärme prickelt, aber sie vermag die Kälte nicht zu vertreiben, die längst durch meine Kleidung gesickert ist. Ich schlinge meinen Mantel enger. Die Kapuze habe ich hochgezogen, die Armbrust gespannt.
Der Hase hat mich nicht bemerkt. Sein weißes Fell verschmilzt fast vollständig mit seiner Umgebung. Die langen Ohren zucken und seine Schnauze huscht immer wieder witternd hoch, während er mit den Pfoten im Schnee wühlt. Selbst aus der Distanz höre ich das schnelle Klopfen seines kleinen Herzens.
Der Pfeil schießt durch die Luft und findet sein Ziel. Jegliches Leben, das der Hase in seinem weichen Körper festgehalten hat, entweicht in einem einzigen, letzten Atemzug. Ich stapfe durch den Schnee, hebe den Hasen hoch und binde ihn mir auf den Rücken. Das wird für heute Abend reichen.
Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr. Ich drehe den Kopf in die Richtung, eine Hand bereits am Griff meiner Axt. Jede Muskelfaser in meinem Körper ist zum Bersten gespannt. Im Unterholz knurrt etwas und in den Schatten blitzen helle Augen auf.
In einem einzigen Wimpernschlag ist die Kreatur nach vorn gehechtet. Ich falle auf den Rücken in den Schnee. Zwei mächtige Pfoten drücken mich nieder, sodass ich im ersten Moment keinen richtigen Atemzug mehr nehmen kann.
Eine gigantische, weiße Wölfin hat sich über mir aufgebaut, die Zähne gefletscht, die Ohren zurückgelegt und die gelben Augen warnend verengt. Ich berühre das Tier auf beiden Seiten des Kopfes, spüre das weiche Fell unter meinen Fingern. Vorsichtig lehne ich mich nach vorne, lasse zu, dass die feuchte Schnauze mein Gesicht berührt.
»Ich hab dich auch vermisst«, wispere ich.
Lune stupst mich an. Ein Knurren entweicht ihrer Kehle. Es klingt nicht bedrohlich, eher vorwurfsvoll.
»Mach dir nicht immer so viele Gedanken. Ich wusste doch, dass du es bist.« Lune tritt ein paar Schritte zurück, sodass ich mich aufsetzen kann. Mein Rücken ist nass vom Schnee. »Wo warst du so lange?«
Sie sagt nichts, mustert mich bloß.
»Ich war auf der Jagd«, antworte ich auf ihre unausgesprochene Frage hin. »Waldschrate. Siegfried wollte, dass ich mich um sie kümmere.«
Ein weiteres Knurren.
»Ich weiß, ich weiß. Aber ich brauche das Geld. Wir können nicht alle frei und wild den ganzen Tag im Wald herumrennen.« Ich kraule Lune hinter dem Ohr. Sie schmiegt sich in die Bewegung hinein. »Keine Sorge. Wenn dieser Auftrag vorbei ist, brauch ich eine Weile gar nichts mehr zu tun.«
Lune spitzt die Ohren, schaut mich fragend an.
»Nichts allzu Spannendes.« Ich winke ab. »Die Tochter irgendeines reichen Arschlochs wurde von einer Räuberbande entführt. Ich soll sie da rausholen.« Lune winselt. »Keine Beschwerden! Die Belohnung ist gut. Mit ein paar einfachen Menschen komm ich schon klar. Und der Auftraggeber hat mir sogar einen Vorschuss gegeben.« Ich klopfe gegen den Lederbeutel an meinem Gürtel. »Damit kann ich dir eimerweise Frischfleisch kaufen.«
Als ich Lune das nächste Mal am Kopf kraulen will, weicht sie mit einem Knurren zurück.
»Oh, schau mich nicht so an. Natürlich vertraue ich ihm nicht.« Ich komme hoch und klopfe mir den Schnee von der Hose. »Wenn es hart auf hart kommt, tauch ich eben unter. Der Vorschuss allein ist genug, um mich die nächsten Wochen über Wasser zu halten.«
Lune tapst auf mich zu, leckt mit der Zunge über meine Hand.
»Ich pass schon auf mich auf«, verspreche ich ihr.
Fast genauso lang, wie ich mich erinnern kann, habe ich mich allein durchgeschlagen. In all den Jahren habe ich immer einen Weg gefunden, den nächsten Sonnenaufgang zu erleben. Das wird auch bei diesem Auftrag nicht anders sein.
*
Der Mond ist ein silbernes Loch am schwarzen Nachthimmel. Ich husche zwischen ein paar Baumreihen hindurch, bedacht darauf, möglichst keine Geräusche zu machen. Der gefrorene Schnee knirscht unter meinen Schritten. Irgendwo in den Schatten rechts von mir huscht Lune durch das Dickicht. Ich höre das leise Tapsen ihrer Pfoten, das sanfte Schnauben ihrer Atemzüge. Sie ist stets bei mir, selbst dann, wenn ich sie weder sehen noch riechen kann.
Ich schiebe einen Ast zur Seite. Schnee rieselt zu Boden. Vor mir öffnet sich der Wald und plötzlich finde ich mich an der Kante einer Klippe wieder. In der Ferne erstreckt sich das Land, Meilen um Meilen an Bäumen, Seen und Hügeln, die irgendwann zu steilen Bergen heranwachsen. Nur vereinzelt sind die warmen Lichter einiger verstreuter Siedlungen zu erkennen. Wir sind weit weg von der nächsten Stadt, weit weg von jeglichen Anzeichen der Zivilisation. Sogar die Jagd verirrt sich nur äußerst selten in diesen Teil des Königreichs. Die Einsamkeit ist meine Sicherheit.
Während ich mich an einem Baumstamm festhalte, lehne ich mich etwas vorwärts und linse über den Klippenrand. Vielleicht zehn, fünfzehn Längen bis zum Boden. Das ist schaffbar. Darunter kann ich das Schlucken und Gurgeln eines Flusses ausmachen, genau so, wie es auf Richters Karte vermerkt ist. Perfekt. Zwar kann ich im Licht des Vollmonds nicht ganz in den Schatten verschwinden, aber die Geräusche des Flusses werden meine Ankunft hoffentlich trotzdem unbemerkbar machen. Das Lager der Räuberbande ist nur unweit vom rauschenden Wasser entfernt, eine Handvoll Zelte und ein halb erloschenes Lagerfeuer im Zentrum. Ich kneife die Augen zusammen. Eine Wache beim Feuer, ein zweiter Mann auf Patrouille rund um das Lager. Das ist schon fast zu einfach.
Ich schlinge das Seil um einen Baumstamm, prüfe den Knoten ein paar Mal, indem ich mich mit meinem gesamten Gewicht reinlege. Schließlich schultere ich meinen Rucksack und stoße mich vom Klippenrand ab. Die Sohlen meiner Stiefel finden nicht sofort auf dem vereisten, glatten Stein Halt und ich rutsche ein Stück ab, bevor ich mein Gleichgewicht wiedererlange. Langsam, Länge für Länge, seile ich mich ab, angeleitet lediglich vom Mondlicht. Unten angekommen, sinke ich in weichen Matsch. Vor mir plätschert der Fluss.
Kurz gehe ich am Ufer entlang, bis ich schließlich eine Stelle finde, die einigermaßen passierbar aussieht. Ich nehme Anlauf, springe von Stein zu Stein. Zwischen meinen Füßen schäumt der Fluss.
Ich erreiche die andere Seite, ohne mir meine Stiefel nass zu machen. Noch einmal prüfe ich, ob meine Axt an der richtigen Stelle an meinem Rücken hängt und der Köcher gefüllt ist. Schließlich lege ich einen Bolzen in die Armbrust, spanne sie auf und kauere mich halb in die Uferböschung hinein. Schnee drückt gegen meine Knie. Der Mann, der gerade auf Patrouille ist, umrundet das Lager in einiger Distanz. Ich ziele.
Leise saust der Bolzen durch die Luft, findet sein Ziel. Der Mann bricht zusammen, ohne einen Laut, ohne ein Geräusch. Ein sauberer Kopfschuss. Ich krieche aus meinem Versteck hervor, nähere mich dem Lager ein Stück, bevor ich den zweiten Schuss abgebe. Der Mann am Lagerfeuer geht so schnell nieder wie sein Kollege. Ich atme aus, klopfe mir den Schnee von der Kleidung. So weit, so gut. Jetzt muss ich nur noch diese Baroness finden.
Mein Atem rollt als weißer Nebel über meine Lippen, als ich mich mit vorsichtigen Schritten dem Lager nähere. Gefrorene Gräser knacken unter meinen Sohlen. Ich schleiche zwischen den Zelten vorbei bis zum Lagerfeuer. Mit der Fußspitze drehe ich den Mann auf den Rücken. Seine Augen starren ins Leere, zwischen seinen Brauen steckt ein Bolzen. Zweifellos tot.
Ich lege den Kopf in den Nacken, schließe die Augen und konzentriere mich. Der Rauch des Feuers überdeckt fast alle anderen Gerüche. Aus der Richtung der Zelte nehme ich den Gestank von Schweiß, alter Kleidung und ungewaschenen Füßen wahr. Dazwischen, schwach und schon fast vergangen, eine feine, blumige Note. Prunkwinden, wenn mich nicht alles täuscht. Ein Parfüm?
Ich öffne die Augen wieder, folge dem Geruch zu einem Zelt am Rand des Lagers. Darin muss sich die kleine Prinzessin befinden. Fast lache ich. Das werden die am einfachsten verdienten Taler des ganzen Winters.
Ich höre das leise Zischen, bevor der Dolch an meinem Ohr vorbeizieht, nahe genug, dass ich den Wind spüren kann. Meine Instinkte nehmen in einem Wimpernschlag überhand. Ich fahre herum, die Axt gezogen, die Beine angespannt.
Der blonde Mann, der soeben den Dolch nach mir geworfen hat, hat bereits das nächste Messer erhoben und rennt auf mich zu. Er hat Mumm, so viel muss man ihm lassen. Wenn er nicht gerade versuchen würde, mich umzubringen, würde ich ihn beinahe respektieren.
Ich laufe los. Bei meiner Geschwindigkeit weiten sich die Lider des Mannes überrascht. Er hat keine Zeit zum Reagieren. Ein einziger Schlag und sein Kopf trennt sich von seinem Hals. Der verwirrte Ausdruck ist immer noch darauf verewigt, als er zu Boden fällt.
Der Krach ist genug, um auch den Rest der Räuberbande zu wecken. Einer nach dem anderen rennen sie aus ihren Zelten auf mich los. So viel zu meinem Plan, unbemerkt zu bleiben.
Dann wird’s eben blutig.
Ich komme den Angreifenden entgegen. Menschen funktionieren nicht viel anders als Monster. Der einzige Unterschied ist, dass sie noch viel zerbrechlicher sind. Ich trenne mit meiner Axt Arme von Schultern, ducke mich unter Säbelklingen durch und weiche fliegenden Pfeilen aus. Hitze pumpt von meinem Herz durch meinen ganzen Körper, brennt in meinen Adern. Auf einmal nehme ich alles nur noch durch einen Tunnelblick wahr, meine Sinne so geschärft, dass ich jeden hektischen Puls und jeden erschrockenen Atemjapser hören kann, als meine Axt durch die Menge schlitzt. Etwas in mir springt und jauchzt mit jedem Blutstropfen, der den Schnee unter mir färbt. Bald brennt es in meiner Nase, und dennoch will ein Teil von mir mehr. Mehr Blut. Mehr Gewalt. Mehr Fleisch.
Ich schlage den Dolch eines Mannes aus seiner Hand, dann packe ich ihn am Kragen und zerre ihn zu mir, meine Zähne gebleckt. Er wimmert in meinem Griff. Um mich herum hat der Rest der Bande die Flucht ergriffen, rennt hinab zum Fluss. Das Lager ist zur Grabstätte geworden.
»Bitte …«, fleht der Mann vor mir.
Ich kann die Angst an ihm riechen, und etwas in mir erfreut sich daran.
Ein Stein trifft mich an der Schulter. Der Schmerz ist kaum wahrnehmbar.
»Verfluchtes Monster!«, schreit ein bärtiger Kerl von der anderen Seite des Lagers.
Die Hitze in meinen Venen versiegt schlagartig. Erst jetzt wird mir klar, wie schwer ich atme. Wie viel Blut an meinen Armen und auf meiner Kleidung klebt. Ich lasse den Mann in meinem Griff fallen. Er kriecht ein paar Meter auf allen vieren davon, bevor er von einem Kollegen auf die Füße gezogen wird. Ich laufe ihnen nicht nach, als sie zwischen den Baumreihen verschwinden.
Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr. Eine junge Frau mit langen Locken und einem blauen Kleid flieht gerade in Richtung der Bäume. Zwischen dem metallischen Blutgeruch kristallisiert sich ein blumiges Parfüm heraus. Verdammt.
Ich laufe los. Als sie mich bemerkt, rennt die Frau schneller. Weit kommt sie nicht. Noch bevor sie den Wald erreicht, stolpert sie über ihre Füße und fällt der Länge nach hin. Sie kämpft sich hoch, rutscht auf dem Hintern ein Stück zurück und prallt mit dem Rücken gegen einen Baumstamm. In ihrer Verzweiflung greift sie nach einem abgebrochenen Ast und hält ihn von sich wie eine Waffe.
»Keinen Schritt weiter!«, droht sie.
Ich verlangsame mein Tempo, will sie nicht weiter erschrecken. Ihre Locken sind zerzaust, als wären sie seit Tagen nicht mehr in Kontakt mit Wasser gekommen, das blaue Kleid ist schlammbedeckt, ihr Gesicht und ihre Hände sind mit unzähligen Schrammen und Kratzern übersät. Was auch immer diese Bande mit ihr angestellt hat, diese Frau hat es nicht kampflos über sich ergehen lassen. An den Handgelenken kann ich halb verheilte, rote Abdrücke erkennen – vermutlich von Fesseln, die sich etwas zu tief in die Haut gedrückt haben. Bei dem Anblick regt sich etwas in mir. Verdammte Bestien.
Die Frau sieht zu mir auf, gibt sich offenbar Mühe, ihre Angst zu verbergen. Doch das sichtbare Auf- und Abwippen ihrer Hände spricht eine klare Sprache.
Vorsichtig kauere ich mich vor ihr nieder. »Ich bin nicht hier, um dir wehzutun. Ich will dir helfen.«
Ihre Finger schlingen sich enger um den Ast. Sie sieht an mir hinab, versteift sich beim Anblick des Blutes, das von meinen Fingern tropft.
Ich ziehe meine Mundwinkel hoch – der schiefe Versuch eines Lächelns, das hoffentlich über den Rest meiner abschreckenden Erscheinung hinwegtäuschen kann. Rasch reibe ich mir die Hand an meiner Hose sauber, bevor ich sie nach der Frau ausstrecke. »Alles ist gut. Du brauchst keine Angst mehr zu haben. Ich will dich nicht ver–«
Ich bringe den Satz nicht einmal zu Ende, bevor sie mir den Ast gegen das Gesicht schmettert.
Sterne explodieren in meinem Sichtfeld. Ich weiche zurück, halte mir fluchend die Stelle an meiner Nase, die sie getroffen hat. Hat sie etwa gerade …? Zwischen den Baumreihen höre ich Schritte, die sich schnell entfernen. Scheiße.
Ich springe hoch, mache mir dieses Mal nicht die Mühe, mich zurückzuhalten. Während die junge Frau vor mir ungeschickt im Halbdunkeln durch den Wald stolpert, dauert es nur wenige Sekunden, bis meine Augen sich an das schwache Licht gewöhnt haben. Ich hechte zwischen den Bäumen hindurch, überhole die Frau in wenigen Wimpernschlägen, und versperre ihr den Weg. Sie japst erschrocken auf, taumelt ein paar Schritte zurück. Den Ast hat sie in ihrer Panik fallen gelassen.
»Du bist Kassandra, richtig? Tochter des Barons von Blumberg?«
Sie sagt nichts, aber sie weicht auch nicht weiter zurück.
»Ich wurde geschickt, um dich nach Hause zu bringen«, erkläre ich.
Endlich hält sie inne. Ihre Finger schlingen sich um den Anhänger an ihrem Hals. Ein religiöses Symbol? Verdammte Menschen und ihr Aberglauben.
»Geschickt? Von wem?« Ihr Blick ist ununterbrochen auf mich fokussiert.
»Von deinem Vater«, antworte ich. »Er hat gehört, was passiert ist. Er sorgt sich um dich und will, dass du nach Hause kommst.«
»Das hat er gesagt?«
Ich mache vorsichtig einen Schritt vorwärts. Kassandra zuckt zusammen, bleibt aber an Ort und Stelle stehen. »Er wollte, dass ich dich aus den Klauen dieser Räuberbande befreie.«
Sie starrt mich an. Für einen Moment flattern ihre Augenlider. Ich bin mir nicht sicher, ob sie verstanden hat, was ich gerade gesagt habe. Ihr Blick hat sich irgendwo im Nichts verloren und sie saugt abwesend an ihrer Unterlippe.
Ein paar Wimpernschläge verstreichen, aber nichts geschieht. Keine Reaktion, keine Antwort, kein Anzeichen dafür, dass sie überhaupt noch anwesend ist. Sie starrt in die Luft. Es ist, als wäre sie mitten in unserer Unterhaltung eingeschlafen.
»Hallo?«, frage ich.
Schweigen.
Plötzlich fokussiert sie sich wieder auf mich, redet weiter, als wäre nichts geschehen. Seltsam.
»Ich hab gesehen, was du mit den Männern im Lager angestellt hast.« Ihre Stimme bricht. »Wie du sie …« Sie erschaudert.
»Denen solltest du nicht nachtrauern.« Einmal mehr fällt mein Blick auf die Wunden an ihren Handgelenken. »Nicht nach dem, wie sie dich behandelt haben.«
Sie zögert. »Woher weiß ich, dass ich dir trauen kann?«
»Ganz einfach: Du stehst noch lebend vor mir.«
Ich bin mir nicht sicher, ob das den gewünschten Effekt hat. Wenn überhaupt, dann weicht bei meiner Antwort noch mehr Farbe aus ihrem Gesicht als sowieso schon. Egal. Solange es dafür sorgt, dass sie mir folgt, soll es mir recht sein.
Ich lasse meine Axt zurück an ihren Platz an meinem Rücken gleiten. »Komm. Verschwinden wir von hier, bevor der Blutgestank noch irgendwelche Raubtiere anzieht.«
