1
Vessa, 10 Jahre zuvor
»Glaubst du, er wird sterben?« Halgers Stimme war nur ein Windhauch in der Endlosigkeit der Halle, die sich vor ihnen erstreckte. Das ferne Licht am Ende des Raumes spiegelte sich in seinen dunklen Augen wider. Da war ein Eifer in ihnen, der nicht zur Anspannung passte, welche die Luft schwängerte; die kindliche Aufregung eines Jungen, der noch nicht ganz verstand, welcher Schrecken sich sogleich vor ihnen entfalten würde. Vor ein paar Monaten hatte er Vessa beim jährlichen Medicus-Besuch zum ersten Mal um ein paar Zentimeter überragt. Eine Tatsache, die sie mehr ärgerte, als sie jemals zugegeben hätte. Nicht nur, weil ihr kleiner Bruder nun größer war als sie, sondern auch deshalb, weil Halger keine Gelegenheit ausließ, ihr das unter die Nase zu reiben. Seitdem waren rote Punkte auf seiner Wange und der Nase aufgetaucht und manchmal quietschte seine Stimme wie eine schlecht geölte Tür. Vater hatte gesagt, dass Halger nun langsam ein Mann werde und dass er stolz auf ihn sei. Solche Dinge sagte er nie zu Vessa. An den meisten Tagen weigerte er sich, sie überhaupt anzusehen, hatte bloß Augen für Halger. Immer nur für ihn.
»Vater hat gesagt, Devin ist stark«, antwortete sie auf Halgers Frage. »Vermutlich wird er überleben.«
»Schade. Es ist jedes Mal spannender, wenn sie sterben.«
Das war ebenfalls etwas, was sich in den letzten Monaten verändert hatte. Halger sagte nun solche Dinge. Manchmal fiel es Vessa schwer, zu verstehen, dass der Junge vor ihr derselbe Junge war, der vor wenigen Jahren noch bei Gewitter in ihren Armen geweint hatte.
Ihr Blick war auf die Gesellschaft gerichtet, welche die Treppenstufen in die Hauptkammer hinabstieg. Ganz vorne, gestützt auf einen Gehstock und umringt von seinen beiden Leibwächtern, ging Fürst Winterloh. Hinter ihm folgte Devin, der junge Mann, der heute seine Synthese durchleben würde. Er war der jüngste Sohn einer der Familien, die dem Haus Winterloh angehörten. Vessa kannte ihn kaum, hatte ihn nur ein paar Mal in den Ställen des Anwesens gesehen. Er war groß gewachsen und muskelbepackt – der ideale Kandidat für die Synthese, auch wenn Vessa wusste, dass das allein nicht immer entscheidend war. Irgendwo in der Menge, die Devin folgte, entdeckte sie das strenge Gesicht ihres Vaters. Instinktiv drückte sie sich tiefer in die Schatten hinein. Kinder waren bei der Synthese nicht erlaubt, aber Vessa und Halger hatten Regeln noch nie sonderlich interessiert.
Die Schritte der Gesellschaft hallten an den Felswänden der Halle wider, als sie vorbeizog. Kaltes Wasser tropfte von den Stalaktiten an der Decke. Vessa schlang ihren Mantel etwas enger um sich.
Plötzlich setzte sich Halger in Bewegung.
»Was tust du denn da?«, raunte Vessa ihm zu.
»Ich will besser sehen«, antwortete er.
Auf leisen Sohlen schlich er sich im Halbdunkeln vorwärts. Vessa zögerte einen Moment, bevor sie es ihm gleichtat. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, bedacht darauf, auf dem nassen Boden nicht auszurutschen. Sie folgte ihrem Bruder hinter einen Stalagmiten, hinter dem sie nun beide hervorlinsten. Die Gesellschaft hatte inzwischen die zusammengekauerte Gestalt am Ende der Halle erreicht. Regungslos hing sie an den dicken Ketten, die mit Haken in die Felswände eingeschlagen worden waren.
Ystra war die Größte unter den Ewigen, zumindest, wenn man den Geschichten glaubte, die Vessa im Unterricht gelernt hatte. Sie überragte die Versammelten um mehrere Köpfe und ihre milchige Haut pulsierte mit dem Licht ihrer Macht. Einst hatte sie mit ihren Brüdern und Schwestern die Lüfte beherrscht und die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Nun war sie Dutzende von Metern unter der Erde eingesperrt, weit weg vom Licht der Sonne und den Himmeln, die sie einst ihr Reich nannte, ihre vier Arme und die beiden Beine gefesselt. Ein Monster, gezähmt und in die Knie gebracht vom allerersten Fürsten Winterloh höchstpersönlich.
Einer der Leibwächter war der Erste, der nach vorne trat. Die Klinge eines gekrümmten Säbels glänzte in seinen Händen. Kurz bevor er Ystra erreichte, kam Regung in die Ewige. Sie hob den Kopf, so langsam, als würde ihr die alleinige Bewegung alle Kraft abverlangen. Ihre Gesichtszüge waren nicht menschlich, nicht wirklich, aber dennoch leuchtete in diesem Moment etwas in ihren vielen Augen auf, das man beinahe mit Furcht hätte verwechseln können. Doch Vessa wusste so gut wie jedes Kind auf dem Grund, dass die Ewigen nicht zu wahren Emotionen in der Lage waren. Sie spürten keine Angst, keinen Schmerz, keine Liebe. Das, was sich auf Ystras Zügen abzeichnete, war nicht viel mehr als ein letzter, verzweifelter Versuch der Bestie, die Menschen zu täuschen.
Halger rückte etwas weiter nach vorne, gefährlich nahe an den äußeren Rand des Lichtkegels, der seine und Vessas Präsenz sofort entblößen würde. Aber das schien ihren Bruder nur wenig zu interessieren, zu fokussiert war er auf den Säbel und das, was sich sogleich ereignen würde.
Die Klinge der Waffe fand ihr Ziel, kollidierte mit der Brust der Ewigen. Die milchige, gläserne Haut zerbrach im selben Moment, als Ystra aufschrie. Das Geräusch jagte durch Vessas Knochen, schien regelrecht in ihnen zu vibrieren.
Sogleich begann der Mann mit der Arbeit. Sorgfältig schnitt er mit der Spitze des Säbels ein traubengroßes Stück aus der Haut der Ewigen heraus, während Ystra sich unter der Berührung krümmte und verkrampfte. Risse und sichtbare Löcher waren auf ihrer steinartigen Haut zu erkennen; Narben vergangener Synthesen, die ihren Körper geläutert hatten.
Sorgfältig schloss der Mann die Finger um das Steinstück, bevor er es mit einem Ruck aus Ystras Brust entfernte. Eine dünne, schwarze Flüssigkeit sickerte aus dem Loch, das er hinterlassen hatte. Die Ewige sank schwerfällig zurück in ihre Ketten.
»Nun denn«, erklang Fürst Winterlohs Stimme. Er drehte sich zu Devin um, der dem Blick des alten Herrn mit strammer Brust standhielt. »Devin Kaltblut, Vertreter der Familie Kaltblut, bist du bereit, deine Stärke unter Beweis zu stellen?«
»Ja, mein Fürst.«
»Dann verbinde dich mit der Kraft, die das Haus Winterloh und all seine verbündeten Familien seit Jahrhunderten stärkt.«
Devin streckte seine offenen Handflächen aus. Fürst Winterloh ließ den Stein hineinfallen, dann trat er zurück. Devin sah in die Runde der Anwesenden, bevor er den Stein langsam zu seinen Lippen führte. Vessa drückte sich weiter nach vorne, presste sich eng an Halger. Das war der Moment, auf den sie gewartet hatten. Devin ließ den Stein in seinem Mund verschwinden und schluckte.
Für ein paar Atemzüge geschah gar nichts. Alle Beteiligten warteten – auf eine Reaktion, ein Zeichen, ein Zucken. Devin zog die Schultern hoch. Sein Rücken verkrampfte sich und im selben Augenblick verzog er das Gesicht. Fürst Winterloh beobachtete ihn, aufmerksam und kalkuliert. Vessas Vater trat einen Schritt nach vorne, berührte den jungen Mann vorsichtig am Arm.
»Devin?«, fragte er.
Der Schrei hielt nur wenige Sekunden an, bevor er sich in ein feuchtes Gurgeln verwandelte. Vessas Vater sprang zurück, die Leibwächter zogen Fürst Winterloh zur Seite. Devin sank auf die Knie. Seine Haut platzte auf, darunter kam ein weißes Leuchten zum Vorschein. Er schrie nach wie vor, aber seine Stimme ertrank in der dicken Flüssigkeit, die er gleichzeitig hochhustete. Mehr und mehr riss seine Haut auf.
»Er stößt es ab!«, rief Vessas Vater. »Weg hier, allesamt!«
Die Versammelten rannten los. Devin sank auf alle viere. Das Leuchten unter seiner Haut wurde stärker, nahm an Intensität zu, bevor es plötzlich so grell wurde, dass Vessa die Augen zukneifen musste. Dann erlosch es schlagartig. Devin sackte zur Seite weg. Er blieb bewegungslos liegen.
»Zu schwach«, murmelte Halger. Er klang fast enttäuscht.
Er hatte recht. Devin war schwach gewesen. Er hatte gegen Ystras Macht verloren und dafür mit dem Tod bezahlt. Vessa fasste seinen regungslosen Körper ins Auge. Niemals, so nahm sie sich in diesem Moment vor, würde sie, Vessa Flintlauf vom Haus Winterloh, je so enden wie er.
2
Dell
Dell fiel. Für einen Moment peitschte ihr der Wind so heftig ins Gesicht, dass sie keinen richtigen Atemzug mehr nehmen konnte. Die Welt um sie herum verschmolz, während sie ungebremst auf den Boden unter ihr zuraste. Einige Herzschläge lang schloss sie die Augen, ließ sich einnehmen vom berauschenden Gefühl ihres eigenen Pulses in den Ohren und der Art und Weise, wie ihr Magen bei jedem Auf und Ab in ihren Hals zu rutschen schien. Ihr ganzes Leben flog Dell schon, aber nie fühlte sie sich freier, als wenn sie fiel.
Sie drehte sich auf den Bauch, sodass sie ihre Arme wie Flügel von sich strecken konnte. Unter sich wurde der Rochenschwarm sichtbar, dazwischen die grün-gelben Felder auf dem Grund. Dell konzentrierte sich, ruderte mit den Beinen, um sich in die richtige Position zu manövrieren. Je näher sie den Himmelsrochen kam, desto größer wurden die anmutigen Tiere, überragten Dell um mehrere Körperlängen. Zu dieser Jahreszeit waren sie oft in Gruppen wie diesen rund um die Trümmer unterwegs, um zu ihrem Geburtsort zurückzukehren.
Dell tauchte in den Schwarm ein, das direkte Sonnenlicht auf einmal geblockt von mehreren massigen Körpern. Ihr Blick und ihre Gedanken fokussierten sich. Sie bekam den Stachel eines Rochens zu fassen, fiel mit ihm gemeinsam ein Stück in die Tiefe, bevor das Tier die Kontrolle zurückerlangte. Rasch zog sich Dell am Stachel vorwärts und schwang sich mit einem Satz auf den Rücken des Rochens. Um sie herum flatterten die Brustflossen der restlichen Schwarmmitglieder, verkamen zu einem Rhythmus ohne Lied. Dell verharrte einen Moment auf allen vieren, während sie das Gleichgewicht wiedererlangte. Die Haut des Rochens war warm vom heutigen Sommertag, unter ihren Handflächen spürte Dell seine regelmäßigen Atemzüge.
»Du bist wundervoll«, wisperte sie.
Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Nur unweit von ihr entfernt kletterte eine junge Frau gerade ebenfalls auf den Rücken eines Rochens. Der Wind bauschte ihren Afro und die Ärmel ihres Overalls auf.
»Zu langsam«, rief Dell ihr zu.
Orlana richtete die Brille mit den roten Gläsern, die sie sich über die Augen gezogen hatte. »Oh, halt deine verdammte Fressluke! Wir sind noch lange nicht angekommen!« Mit einem sanften Klaps spornte sie ihren Rochen an. Die beiden sackten ab, verschwanden innerhalb von Sekunden in den Tiefen des Schwarms.
Dell lachte, bevor sie es der anderen Frau gleichtat. Ihr Rochen flitzte gekonnt zwischen seinen Artgenossen hindurch. Für einen Moment tauchten sie in eine Wolke ein, die sich feucht und nass in Dells Gesicht drückte, bevor der Himmel wieder aufklarte. Neben Dell schoss Orlana durch die Lüfte, hatte die Arme triumphierend hinter dem Kopf verschränkt.
»Wenn du noch langsamer fliegst, fliegst du bald rückwärts«, spottete sie.
Sie waren nicht mehr weit vom Schiff entfernt. Dell konnte die hochgezogenen Segel zwischen ein paar schwebenden Inselbrocken entdecken. Sie lehnte sich nach vorne.
»Ich schenk dir eine Extraportion Regenkrabben, wenn wir es zuerst aufs Schiff schaffen«, flüsterte sie dem Rochen zu. Seine nach oben gewandten Augen fixierten sie. »Haben wir eine Abmachung?«
Der Rochen schlug heftig mit den Brustflossen. Er zog an Orlana vorbei, welche diese Tatsache mit einem weiteren Schimpfwort quittierte. Kurz darauf wurde auch sie schneller, obwohl klar war, dass Orlanas Moment der Unaufmerksamkeit ihr längst den Sieg geraubt hatte. Als die beiden Rochen über das Deck des Schiffes schossen, ließ Dell sich fallen. Einen Wimpernschlag später fanden ihre Füße auf dem Holz Halt. Der vertraute Schmerz blühte in ihrem Rücken auf, wanderte über die Wirbelsäule bis hoch zum Hals, wo er pochend-heiß endete.
Orlana kam neben ihr auf dem Deck auf. Ihr Metallbein knickte ein wenig bei der Landung ein, doch sie schaffte es schnell, das Gleichgewicht wiederzufinden. »Das war Betrug!«, beschwerte sie sich. »Glaub ja nicht, dass ich nicht bemerkt hätte, dass du deinen Rochen bestochen hast!«
»So viel verschwendete Atemluft, wenn du einfach zugeben könntest, dass du eine schlechte Verliererin bist.«
»Pass bloß auf. Beim nächsten Mal werde ich dich auseinandernehmen wie ein Fischer seinen ersten Fang. Gedärme inklusive.«
Dell grinste. »Wenn du so weitermachst, krieg ich tatsächlich Angst.«
Orlana versetzte ihr einen Stoß gegen den Oberarm, woraufhin Dell auflachte. Als ihr Rochen über ihr hinwegzog, warf sie ihm die Regenkrabben zu, die sie in ihrer Manteltasche aufbewahrte. Er fing sie mit der Mundöffnung auf, dann machte er sich eilig daran, zu seinem Schwarm zurückzukehren. Sein Freund, der soeben von Orlana mit einem getrockneten Fisch beglückwünscht worden war, folgte ihm. Augenblicke später waren sie zwischen ein paar zerfransten Wolkenbüscheln verschwunden.
Orlana schlang einen Arm um Dells Schultern. »Lust auf eine Revanche?«
Sie verdrehte die Augen, während sie sich in Bewegung setzten. »Nicht heute.«
»Was? Angst vor einer Blamage?«
»Nein«, stellte Dell klar. »Aber hast du den verdammten Berg an Arbeit vergessen, den ich noch erledigen muss?«
»Du bist Käpt’n, meine Liebe. Du musst gar nichts.«
»Ich glaube, das sieht da drüben jemand ganz anders.«
Von der anderen Seite des Decks stapfte eine Frau auf sie zu. Trotz des Windes, der auf dieser Höhe nie ganz nachließ, trug sie ihre dunklen Haare offen. Sie überragte sowohl Dell als auch Orlana um ein ganzes Stück – ein Eindruck, der durch die hohen Absätze ihrer Lederstiefel nur noch weiter verstärkt wurde.
»Da seid ihr ja endlich«, schnauzte sie die beiden Frauen an.
Als Dell Fallon das erste Mal getroffen hatte, hatte sie sie für ein lebendig gewordenes Ölgemälde gehalten: die rosigen Lippen voll, die Haut glatt wie Marmor, die Kleidung um ihre breite Hüften und den üppigen Körper eng genug, um nur wenig der Fantasie zu überlassen. Es hatte seinen guten Grund, weshalb sie in jungen Jahren als Sirene der Lüfte bekannt gewesen war: Fallon hatte in ihrer Zeit als Schmugglerin mehr Männer in ihr sicheres Verderben gestürzt, als man an seinen Händen abzählen konnte. Dell hätte gelogen, wenn sie behauptet hätte, dass sie Fallon anfangs nicht auch komplett verfallen wäre. Nach all den Jahren sah sie immer noch wie ein Ölgemälde aus. Nur eine deutlich grummeligere, schlecht gelaunte Version davon.
»Wo warst du?«, verlangte sie von Dell zu erfahren. Bevor diese antworten konnte, kam Fallon ihr allerdings bereits zuvor: »Nein, schon gut, ich will es gar nicht wissen. Wir haben hier ein Problem.«
»Ein Problem?«, wiederholte Dell, aber da hatte Fallon sie schon am Arm gepackt und mit sich gezogen. Über die Schulter sah Dell zu Orlana zurück, die bloß mit der Schulter zuckte, als wolle sie sagen: Hört sich nach einem Problem für dich an, Käpt’n.
»Hey, jetzt mach mal langsam«, protestierte Dell, während Fallon sie die Treppe zum Kanonendeck hinabzog. »Wieso bist du gestresst? Da haben wir einmal einen freien Tag und du kannst trotzdem nicht entspannen.«
Fallon schnaubte. »Während du und Orlana euch entspannt habt«, zischte sie, »war ich damit beschäftigt, einen Verräter ausfindig zu machen.«
»Was?«
Sie waren vor einer Kabine stehen geblieben. Fallon riss die Tür auf. In dem kleinen Raum dahinter hockte ein junger Mann auf dem Boden, die Arme und Beine gefesselt, der Mund geknebelt. Als er Dell entdeckte, entwich ihm ein gedämpfter Protestlaut.
»Den hab ich heute Morgen erwischt, als er sich davonmachen wollte«, erklärte Fallon. Sie lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. »Hatte die Hosentaschen bis zum Bersten voll mit Gold. Hat nur ein paar lächerliche Fingernägel gedauert, bis er geredet hat. Offenbar hat er unsere Position schon seit Wochen den Schwingen verraten.«
Dell versteifte sich. Das erklärte wohl, weshalb sie in letzter Zeit in so viele Konfrontationen verwickelt gewesen waren. Mehr als eine davon hätte sie fast den Hals gekostet.
»Ich wollte warten, bis du zurück bist, bevor wir entscheiden, was wir mit ihm machen«, sagte Fallon.
Dell sah auf den Mann zu ihren Füßen hinab. Die Luft war schwer von der Anspannung, die den Raum geflutet hatte. Wäre Romulus noch am Leben, hätte er den Verräter vermutlich an einen der Masten gefesselt und den Blutschwimmern überlassen. Romulus hatte stets jene kalte Wut mit sich getragen, die nur dann an die Oberfläche gedrungen war, wenn jemand einen seiner Verbündeten verletzt hatte. Nicht zum ersten Mal wünschte sich Dell, er wäre hier.
Sie zog den Verräter grob auf die Füße, was er mit einem weiteren Protestgeräusch kommentierte. Rasch zerrte sie ihn aus der Kabine und die Treppenstufen hoch, ignorierte sein Wimmern und seine Schmerzenslaute, als seine Schienbeine mit den Holzkanten kollidierten. Auf Deck angekommen, ließ Dell ihn fallen wie einen nassen Lappen.
»Du da«, wandte sie sich an einen jungen Matrosen, der gerade die Seile entwirrte. »Lös seine Fesseln.«
Der Matrose zögerte, bevor er seine Arbeit schließlich fallen ließ. »Natürlich, Käpt’n.«
»Was hast du vor?«, fragte Fallon, die inzwischen zu Dell gestoßen war.
Dell antwortete nicht. Sie wartete ab, bis der Matrose den Mann befreit hatte, dann packte sie ihn am Hemdkragen. »Lordan, richtig?«
»J-ja, Käpt’n«, stotterte er.
Durch den Aufruhr hatten sich nun alle Blicke der auf dem Deck arbeitenden Crew-Mitglieder auf die beiden gerichtet. Gut. Alle hier sollten das sehen. »Magst du mir erklären, was du mit all dem Gold anfangen wolltest, das du von den Schwingen eingesteckt hast, hm?«
»Es tut mir leid«, brach es aus Lordan heraus. »Bitte töte mich nicht!«
»So, wie du versucht hast, uns zu töten, meinst du?«
Ihm entwich ein Wimmern. »Ich dachte nicht, dass sie euch tatsächlich wehtun würden. Du weißt genauso gut wie ich, wie inkompetent die Schwingen sein können. Ich kann das Geld mit euch teilen!«, fügte er schnell an.
»Ich verlange nicht viel von jenen, die Teil dieser Crew sind«, sagte Dell. »Schon gar nicht Geld. Es gibt nur etwas, was ich von jedem auf diesem Schiff haben will. Weißt du, was es ist, Lordan?«
»W-was?«
»Treue.«
Dell stieß Lordan grob von sich, sodass er mit der Reling kollidierte. Das Schiff schwankte sanft im Wind. »Was wirst du mit mir tun?«, krächzte er.
»Ich überlege noch.«
»Wirst du mich Pekke zum Fressen vorwerfen?« Beim Gedanken überschlug sich seine Stimme. »Bitte verschone mich vor dieser Bestie!«
»Mach dich nicht lächerlich. Pekke isst bloß Krill.« Dell näherte sich dem Mann. Sie spürte die Blicke auf sich. In den letzten Monaten waren sie ihr überallhin gefolgt, stumme Nadeln in ihrem Rücken, die jeden ihrer Schritte begleitet hatten.
»Nein«, sagte Dell und schüttelte den Kopf. »Pekke ist nicht an lächerlichen Verrätern wie dir interessiert. Genauso wenig wie ich.«
Die Augen des Mannes weiteten sich. Er hatte nicht einmal Zeit, zu reagieren. Dells Fußsohle kollidierte mit seinem Brustkorb und beförderte ihn über die Reling, noch bevor er überhaupt schreien konnte.
