Leseprobe: Killing the Beast

Kapitel 1: Jade

Tosender Applaus dringt an meine Ohren, als ich die Trainingsarena an diesem Morgen betrete. Ich blinzle in das Licht der Fackeln, welche die Arena zu beiden Seiten erleuchten. Dahinter, im Halbdunkel der Schatten, erkenne ich die Umrisse und Gestalten der anderen Anwärterinnen auf den Bankreihen. Einige von ihnen sind von ihren Plätzen aufgestanden, um mir motivierende Worte zuzurufen. Andere haben die Kapuzen ihrer Mäntel hochgezogen, deutliche Sorge in ihre Gesichter gezeichnet.

Es gibt keinen Grund dafür. Nicht wirklich. Ich habe schon so oft in dieser Arena gestanden, dass ich längst zu zählen aufgehört habe. Das ist mein Leben, meine Routine, der Sinn und Zweck von allem, was ich die letzten Jahre getan habe.

Beim Anblick der zahlreichen Mädchen und jungen Frauen, die sich in der Arena versammelt haben, schleicht sich ein feines Grinsen auf meine Lippen. Es sind so viele Zuschauerinnen, dass sie sich auf den Bankreihen aneinanderpressen müssen, um überhaupt Platz zu finden. Manche Gesichter sind neu, erst vor Kurzem von der Gilde gefunden und hergebracht worden, um die Ausbildung zur Chasseuse anzutreten. In ihren runden, kindlichen Gesichtern erkenne ich ein Stück von mir selbst. Mir blickt dieselbe Angst entgegen, wie ich sie auch an meinem ersten Tag hier verspürt habe. Damals saß ich auf einer derselben Bankreihen, nicht mehr als Haut und Knochen. Ich erinnere mich daran, wie ich gezittert habe, während eine der Anwärterinnen in der Arena einen Tatzelwurm tötete und ausweidete. Später habe ich mich beim Mittagessen im Gemeinschaftsraum übergeben, weil der Gestank von Blut und Exkrementen immer noch in meiner Nase brannte.

Manchmal kommt mir das junge Mädchen von damals wie eine Fremde vor. Ich bin nicht mehr die schwache, unscheinbare Jade von vor sechzehn Jahren. Nein, heute bin ich eine Chasseuse. Heute stehe ich aus einem einzigen Grund in dieser Arena: um ein Monster zu töten.

»Ruhe!«, donnert eine Stimme durch die Arena. Das Raunen und Flüstern der Anwärterinnen verstummt augenblicklich. Ich sehe zum Balkon am anderen Ende hoch, wo sich die schlanke Gestalt der Chasseuse Principale, unserer Anführerin, abzeichnet. Ein von Falten geprägtes Gesicht blickt auf mich hinab, die dunklen Augen fast vollständig hinter dicken Brauen versteckt. »Jade Labelle, bist du bereit, dich deiner vorletzten Herausforderung zu stellen und deine Fähigkeiten als Monsterjägerin unter Beweis zu stellen?«

»Ich bin bereit«, bestätige ich ohne Zögern.

Sechzehn Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet. Sechzehn Jahre habe ich geschwitzt und geblutet und geweint, um nun hier in dieser Arena zu stehen. Wenn ich diese Prüfung bestehe, dann wartet nur noch eine letzte Herausforderung auf mich, bevor ich in die Gilde aufgenommen werde.

Die Chasseuse Principale nickt zufrieden. Mit ihrem langen, gewundenen Stab zeigt sie in Richtung des Gitters am anderen Ende der Arena. Dahinter kann ich einen Schatten ausmachen und das Funkeln von mehreren Augenpaaren, die mir aus der Finsternis entgegenblicken.

»Jade Labelle, deine vorletzte Aufgabe besteht darin, deine Finesse unter Beweis zu stellen«, erklärt sie. Ihre Stimme donnert durch die Arena und lässt einige der Mädchen in den vorderen Reihen zusammenzucken. »In der letzten Prüfung hast du uns bereits deine Stärke und dein Wissen gezeigt. Jetzt möchten wir dein Geschick auf die Probe stellen. Im Käfig vor dir haben unsere Chasseuses eine Bestie gefangen, die dir nur allzu bekannt sein sollte: der Mantikor. Stiehl einen Tropfen seines Gifts und überreiche es mir, um dich als Chasseuse zu beweisen. Nimmst du diese Aufgabe an?«

Kaum sind ihre Worte verklungen, geht leises Tuscheln durch die Reihen der Anwärterinnen. Manche schauen mich mit weit aufgerissenen Augen an, andere ziehen bloß herausfordernd die Brauen hoch, das Interesse an meinem Vorgehen deutlich größer als die Möglichkeit meines Todes.

Ich verneige mich vor der Chasseuse Principale. »Das tue ich.«

»Nun denn.« Sie macht eine wegwerfende Bewegung in Richtung des Käfigs. »Lasset die Prüfung beginnen.«

Zwei junge Chasseuses ziehen von einem Podest aus an einer Kurbel, mit der die Gitterstäbe langsam nach oben wandern. Ich lasse meine Schultern rollen, atme durch und ziehe mein Schwert. Mit beiden Händen halte ich es fest, die Füße breitbeinig auf dem Boden verwurzelt, der Blick zielsicher auf das Monster gerichtet, das sich im Innern des Käfigs verbirgt.

Ein Brüllen ist das Erste, was die Bestie von sich gibt – laut genug, um den sandigen Boden der Arena zum Beben zu bringen. Aus dem dunklen Tunnel am anderen Ende tritt eine vierbeinige Kreatur hervor. Sie reißt das mit Zähnen bewaffnete Maul auf. Sabber verfängt sich in ihrer goldenen Mähne und die ledrigen, schwarzen Flügel wippen bei jeder Bewegung auf und ab. Doch meine Aufmerksamkeit gilt einzig und allein dem Skorpionstachel, welcher sich drohend über der Bestie erhoben hat, der Giftsack prall gefüllt mit der Essenz, die ich suche.

Es wäre ein Leichtes, den Mantikor zu töten. Sie sind bedrohliche, aber unglaublich schwerfällige Wesen. Ein paar Hiebe an der richtigen Stelle und ich könnte den Kopf des Monsters der Sammlung im Gemeinschaftsraum hinzufügen. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Ich soll das Gift des Mantikors extrahieren – und das muss geschehen, solange er noch am Leben ist. Hat er seine letzten Atemzüge schon genommen, verliert auch das Gift seine tödliche Wirkung.

Genau das ist der Clou dieser Aufgabe: Ich muss nicht schnell oder stark sein, sondern geschickt. So lange überleben, bis ich bekommen habe, was ich suche.

Der Mantikor stößt ein weiteres Brüllen aus und wirft seine Mähne zurück, dann rennt er los. Sand wirbelt auf, als er auf mich zurast, das Maul weit aufgerissen. Ich unterdrücke den Drang, sofort auszuweichen, sondern warte ein paar Atemzüge ab. Erst dann springe ich zur Seite. Der Mantikor – träge wie er ist – donnert in vollem Tempo gegen die Stützsäulen der Arena. Ein Zittern geht durch die Bankreihen und einige der Mädchen schreien auf. Ich strecke das Schwert vor meinem Gesicht aus und gehe in Angriffsposition über.

Es dauert nicht lange, bis sich der Mantikor erholt hat. Er schüttelt sich einige Holzspäne aus der Mähne und brüllt erneut auf. Jetzt, aus der Nähe, sehe ich die zahlreichen Narben und frisch verheilten Wunden, die sein Gesicht zieren. Die müssen ihm die Chasseuses zugefügt haben, als sie ihn gefangen und zur Gilde gebracht haben.

Freilebende Mantikore sind nicht die grausamen Monster, wie ihr Äußeres vermuten lassen würde. Sie leben einzelgängerisch in abgelegenen Bergtälern oder auf schneebedeckten Gipfeln, ernähren sich von Gämsen oder Steinböcken, die ihren Weg kreuzen. Erst wenn sie zu nahe an menschliche Siedlungen geraten und einen Geschmack für Menschenfleisch entwickeln, greifen wir ein. Das ist unsere einzige, simple Aufgabe als Chasseuses: Wir töten Monster und schützen Menschen.

Erneut geht der Mantikor auf mich los. Er schlägt mit den Flügeln, aber die Arena ist zu klein, um genug Geschwindigkeit für einen Flug aufzubringen. Dieses Mal weiche ich nicht aus. Stattdessen kralle ich meine Finger enger um den Griff meines Schwerts und renne ihm entgegen.

Eine Pranke, so groß wie mein Gesicht, rast auf mich nieder. Ich ducke mich darunter hinweg. Der Stachel schießt hinab und ich lasse mich zu Boden fallen, um vorbeizurollen. Dann springe ich wieder auf die Beine und durchtrenne im Rennen den rechten Flügel der Bestie.

Ich schlittere keuchend zu einem Halt. Der Mantikor schreit auf – ein dröhnendes Geräusch, das wie der Widerstand, wenn zwei Schilde aufeinandertreffen, durch meinen Körper vibriert. Es war ein präziser Schnitt, der Flügel fein säuberlich am Ansatz abgetrennt. Blut rinnt aus der Wunde zu Boden und verklebt sich mit dem hellen Sand.

Für ein paar Wimpernschläge siegt der Schmerz der Bestie über ihren Selbsterhaltungstrieb. Sie reißt den Kopf herum in Richtung der Wunde, die ich ihr soeben zugefügt habe. Ich nutze den Moment, um mich wieder in Bewegung zu setzen. Ein Schritt, zwei Schritte, drei, dann habe ich das Monster erreicht. Ich stoße mich vom Boden ab, meine Oberschenkel brennend von der Anstrengung. Mit einer Hand umfasse ich mein Schwert, mit der anderen kralle ich mich im Fell der Bestie fest, als ich auf ihrem Rücken lande.

Ich kann hören, wie die Anwärterinnen auf ihren Bankreihen erschrocken Luft einatmen, gefolgt von einigen überraschten Rufen aus den oberen Reihen. Der Mantikor schlägt um sich, während er verzweifelt versucht, mich von seinem Rücken abzuwerfen. Ich halte mich an seinem Fell fest, meine Gliedmaßen zitternd, meine Muskeln in Flammen gesetzt. Mit so viel Kraft, wie ich aufbringen kann, drücke ich meine Beine gegen seinen Körper, als würde ich ihn wie ein Pferd reiten. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass das Biest den Skorpionstachel hebt. Ich habe nur eine einzige Chance. Eine einzige Möglichkeit, um diese Herausforderung zu bestehen – oder zu sterben.

Ich schlinge meine Hände um mein Schwert und schlage zu.

Im selben Moment, als der Stachel auf mich niederfährt, erreicht die Klinge meines Schwerts den Nacken des Monsters. Sie durchtrennt Fell und Haut und Muskeln, schlägt sich durch Fleisch und Knochen, bis ich sie ruckartig stoppe und zurückziehe. Blut spritzt mir ins Gesicht, hinterlässt einen bitteren Geschmack auf meinen Lippen. Der Mantikor erstarrt augenblicklich. Der Stachel sackt kraftlos zurück. Mit einem leisen Stöhnen sinkt die Bestie zu Boden, die Bewegung beinahe genug, um mich von ihrem Rücken zu werfen.

Ich lehne mich nach vorne. Der Mantikor ist komplett erstarrt. Für ein paar Sekunden befürchte ich, dass ich zu weit gegangen bin. Dass mein Schwert sich zu tief in seinen Nacken gebohrt und ihn tatsächlich getötet hat. Doch dann spüre ich seine schweren Atemzüge unter meinem Körper: langsam, unregelmäßig, aber zweifellos da.

Er ist noch am Leben. Das Schwert hat seine Wirbelsäule durchtrennt, nicht aber seinen Nacken. Mein Plan ist aufgegangen.

Erleichtert atme ich aus. Ich lasse mich von seinem Rücken hinabgleiten und nähere mich dem Stachel, der zu Boden gesunken ist. Das Schwert stecke ich zurück in die Scheide. Stattdessen ziehe ich ein kleines Fläschchen aus dem Gürtel an meiner Hüfte und halte es unter die Stachelspitze, während ich mit der anderen Hand am Giftsack drücke. Ein einzelner Tropfen löst sich und sammelt sich im Fläschchen. Die grüne Farbe bestätigt mir, dass es wirksam ist. Tödliches Gift, gesammelt von einem lebenden Mantikor.

Kurz trifft mich der Blick der Bestie. Die großen, gelben Augen sind geweitet, die Atemzüge kommen nur noch hechelnd hervor und der Körper ist sichtbar verkrampft, die Krallenspitzen tief in den sandigen Boden der Arena gegraben. Fast glaube ich, etwas Flehendes im Ausdruck des Monsters erkennen zu können: Schmerz, vermischt mit Angst, mit Panik. Etwas regt sich in meiner Brust, aber ich schlucke es schnell herunter.

Mit einem Grinsen auf den Lippen drehe ich mich zum Balkon um, auf dem die Chasseuse Principale sitzt, und halte das Fläschchen hoch.

»Das Gift eines Mantikors«, verkünde ich. »Ganz wie Ihr es Euch gewünscht habt.«

Sie nickt anerkennend. Ich meine sogar, so etwas wie ein sanftes Lächeln auf ihren runzeligen Lippen sehen zu können, auch wenn ich mir sicher bin, dass das lediglich Einbildung ist. Sie erhebt sich von ihrem Stuhl.

»So sei es, Jade Labelle«, lobt sie mich. »Deine vorletzte Prüfung ist bestanden.«

Tosender Applaus rollt über die Arena wie eine Donnerwelle. Die Anwärterinnen springen von ihren Bankreihen auf, jubeln und schreien meinen Namen. Ich grinse ihnen entgegen, meine Lederrüstung besprengt mit Blut, jeder Muskel in meinem Körper schmerzend, aber glücklich.

Nur noch eine Prüfung. Dann bin ich so weit.

 

*

 

»Du bist kein Mensch«, sagt Clémentine kopfschüttelnd, als ich eine Stunde später, frisch gebadet und in sauberer Kleidung, im Speisesaal sitze. »Du bist ein verdammtes Ungeheuer.«

Ich lache auf. In meinen Ohren rauscht der Applaus aus der Arena immer noch nach und das Kribbeln, das ich jedes Mal nach einem Kampf verspüre, prickelt nach wie vor über meine Arme und Beine. »Jetzt übertreib mal nicht. Meine Schwert-Technik war definitiv verbesserungswürdig. Ich hatte bloß Glück.«

»Glück?« Meine beste Freundin starrt mich an, dann nimmt sie ihren Löffel aus der Suppenschüssel und lässt ihn auf meine Handfläche niedersausen.

»Autsch!«, empöre ich mich und reibe mit gespieltem Schmerz über die Stelle, die sie gerade getroffen hat. »Wofür war das denn bitte?!«

»Für deine falsche Bescheidenheit«, erwidert Clémentine und verschränkt die Arme vor der Brust. »Jede hier im Raum weiß, dass du eine der Besten bist. Wem spielst du was vor?«

Ich will widersprechen, aber dann bemerke ich die Blicke, die auf mir lasten, Mädchen und ältere Anwärterinnen, die ständig wieder verstohlen zu unserem Tisch hinübersehen oder hinter gehobenen Händen mit ihren Freundinnen tuscheln. Sie starren alle in unsere Richtung. In meine Richtung. Jede Einzelne von ihnen hat gesehen, was ich in der Arena getan habe.

»Du hast recht«, sage ich und lehne mich auf der Bank zurück. »Ich bin eine der Besten.«

»Na also.« Clémentine beginnt zu grinsen. »Da ist die Jade, die ich kenne.«

»Aber meine Schwert-Technik war dennoch verbesserungswürdig«, füge ich an, woraufhin Clémentine erneut den Löffel hebt. »Was? Es ist wahr!«

»Du bist unglaublich, weißt du das?« Erneut schüttelt sie den Kopf. »Deine Technik ist nahezu perfekt.«

»Nahezu, ja«, stimme ich ihr zu. »Aber wenn ich wirklich irgendwann zu den besten Chasseuses der Gilde gehören will, dann reicht nahezu nicht aus.«

»Ich verstehe immer noch nicht, weshalb dir das so wichtig ist«, meint Clémentine und schiebt sich ein Stück Brot in den Mund. Ihre nächsten Worte gehen in ihren Kaugeräuschen und dem Stimmengewirr, das den Speisesaal ausfüllt, beinahe unter. »Die Chasseuse Principale liebt dich sowieso schon. Und es ist ja wohl klar, dass du die letzte Prüfung mit links meistern wirst.«

»Hast du irgendeine Ahnung, welche Aufgabe sie mir stellen werden?«, weiche ich ihrer eigentlichen Frage aus.

Clémentine schluckt herunter, bevor sie weiterspricht. Einige Brotkrumen kleben an ihrem Kinn und in ihren dunklen Haaren. »Vielleicht ein Gargoyle oder eine Wasserhexe«, mutmaßt sie achselzuckend. »Nichts, was du nicht meistern könntest.«

Ich schweige. Vermutlich hat sie recht. Die letzte Prüfung wird nur ein kleines Hindernis auf meinem Weg zur Chasseuse sein. Sobald ich sie bestanden habe, werde ich offiziell Teil der Gilde sein und den Pfad meiner Zukunft einschlagen, der schon vor Jahren für mich entschieden wurde. Dennoch kann ich nicht verhindern, dass sich beim Gedanken daran ein mulmiges Ziehen in meiner Magengrube breitmacht. Wahrscheinlich nur Aufregung. Mein ganzes Leben habe ich auf diesen Moment hingearbeitet und nun ist er plötzlich nur noch wenige Wochen entfernt. Kein Wunder, dass sich das unwirklich anfühlt.

Clémentine öffnet den Mund, um noch mehr zu sagen, als auf einmal die mächtige Doppeltür zum Speisesaal aufgeht. Gespräche verstummen schlagartig, Mädchen erstarren und plötzlich sind alle Blicke nur noch auf die junge Frau gerichtet, die soeben durch die Tür gekommen ist.

Inès Durand bewegt sich mit einer Eleganz und einem Selbstvertrauen, als wäre sie eine Göttin unter Sterblichen. Sie ist groß gewachsen, fast einen Kopf größer als ich, obwohl ich keinesfalls klein geraten bin, mit langen, muskulösen Beinen, einem durchtrainierten Oberkörper und einem von Narben übersäten Gesicht. Eine Hand liegt wie immer an ihrem Schwert, umklammert stolz den Griff der Waffe, die sie als vollwertiges Mitglied der Gilde auszeichnet.

Für ein paar Sekunden ist es, als würde der gesamte Speisesaal gleichzeitig den Atem anhalten. Ich spüre, wie mir bei Inès’ Anblick Hitze ins Gesicht schießt, und starre in meine Suppe hinein.

Clémentine stößt mich mit dem Ellbogen in die Seite. »Jade! Jade, jetzt schau doch hin!«

Zögernd hebe ich den Kopf und kann nur mit größter Mühe einen aufkommenden Schrei unterdrücken. Inès ist nur wenige Meter von unserem Tisch entfernt – und sie steuert zielstrebig auf uns zwei zu.

Die Hitze in mir verstärkt sich, brennt wie ein Feuer und lähmt nicht nur meine Gliedmaßen, sondern auch jegliche Fähigkeit, klare Gedanken zu fassen.

Mit einem Lächeln auf dem Gesicht bleibt Inès vor unserem Tisch stehen. Sie sieht mich direkt an. »Jade Labelle.«

Ich bringe kein Wort hervor, zu perplex bin ich von der Tatsache, dass sie meinen Namen kennt. Nur entfernt nehme ich wahr, wie das Tuscheln im Speisesaal wieder angefangen hat, wie erneut alle Blicke auf mich gerichtet sind.

»Beeindruckende Leistung heute in der Arena«, merkt Inès an. »Ich freue mich schon, wenn wir dich offiziell in unseren Rängen begrüßen dürfen. Du wirst eine tolle Ergänzung sein.«

Endlich fließt das Blut zurück in meinen Kopf und ich erinnere mich daran, wie man Worte formt. »Dankeschön.«

Inès lächelt mich noch einmal an, dann geht sie an Clémentine und mir vorbei zum Tisch der anderen Chasseuses im hinteren Teil des Raumes. Kaum hat sie uns den Rücken zugedreht, wendet meine beste Freundin sich mir zu, über beide Ohren grinsend. »Eine tolle Ergänzung, was?«

»Ich … hab’s gehört«, antworte ich, auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich es auch wirklich verarbeitet habe.

Clémentine hält mich an den Schultern fest. »Wieso das lange Gesicht? Du himmelst Inès doch schon an, seit du das erste Mal in der Trainingsarena gestanden hast.«

»Psst!«, ermahne ich sie. »Das muss doch nicht gleich jede hier drin erfahren!«

»Das weiß sowieso jede hier drin. Du bist nicht ganz so unauffällig, wie du es gerne wärst, ma chère.« Sie zwinkert mir zu. »Und wer weiß, vielleicht hast du jetzt ja eine echte Chance bei Inès. So als vollwertige Chasseuse.«

»Halt die Klappe«, grummle ich, kann aber nicht verhindern, dass mein Herzschlag sich bei dem Gedanken beschleunigt.

 

*

 

»Das war eine beeindruckende Leistung heute«, sagt die Chasseuse Principale.

Sie hat mich nach dem Abendessen zu sich in ihr Arbeitszimmer zitiert. Das Feuer im Kamin knackt leise und lässt meine Wangen glühen. Ich sitze ihr gegenüber auf einem Stuhl beim Schreibtisch, die Hände in meinem Schoß zusammengefaltet, um das Zittern zu unterdrücken. Jetzt wird sie mir offenbaren, was meine letzte Prüfung sein wird. Ich atme durch, um ruhig zu bleiben, auch wenn ich am liebsten aus dem Stuhl springen würde.

»Danke, Eure Obrigkeit«, sage ich.

»Auch wenn es bei Weitem nicht nötig gewesen wäre, deine Fähigkeiten so zur Schau zu stellen«, fügt sie hinzu und zieht vorwurfsvoll eine Braue hoch. »Wir sind eine Gilde, kein Zirkus.« Sie lässt mir keine Zeit, zu widersprechen, sondern redet unbeirrt weiter. »Dir ist bewusst, weshalb wir tun, was wir tun, nicht wahr?«

»Wir beschützen die Menschen«, antworte ich.

Sie nickt. »Ganz genau. Wir tun das nicht für Ruhm oder Ehre oder Anerkennung. Wir tun es, weil es das Richtige ist. Die Welt da draußen ist voll von Monstern. Es ist unsere Aufgabe, sie zu finden und zu töten. Dies ist unser Dienst an der Menschheit. Vergiss das nie.«

Ich senke den Blick. Natürlich weiß ich, was die Aufgabe von uns Chasseuses ist. Wie oft habe ich diese Worte in den letzten Jahren schon gehört? Es ist mehr als eine gewöhnliche Arbeit, eine Chasseuse zu sein. Es ist eine Berufung. Eine Verpflichtung, den Menschen für den Rest seines Lebens im Dienst zu stehen.

Ein Lächeln huscht über die Lippen der Chasseuse Principale. »Wir waren alle mal jung«, meint sie, ihre Stimme deutlich sanfter als eben noch. »Es liegt keine Schande darin, das zu lieben, was man tut. Solange man den eigentlichen Sinn nicht aus den Augen verliert.« Sie zwinkert mir zu.

Ich atme aus. »Ich will eine Chasseuse werden. Das ist alles, was ich je im Leben wollte.«

Die Chasseuse Principale legt ihre Fingerspitzen aneinander, stützt ihre Ellbogen auf dem Tisch ab und sieht mich lange an. »Erinnerst du dich noch an deinen ersten Tag hier?«

Nun kann auch ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. »Wie könnte ich den je vergessen?«

»Du warst ein Kind damals. Gerade mal ein paar Sommer alt und dünner als jeder Knochenhund, den ich in meinem Leben gesehen habe. Wenn ich ehrlich sein will, hatte ich nicht viele Hoffnungen für deine Zukunft, als die Chasseuses dich hergebracht haben«, gesteht sie mit einem Seufzer. »Noch in der Woche deiner Ankunft bist du im Krankenflügel gelandet. Und weshalb? Weil du dir eingebildet hast, bereits zu den Großen zu gehören, und dich allein einem Korndämon gestellt hast. Es ist ein Wunder, dass du bei dieser Begegnung überhaupt mit dem Leben davongekommen bist.«

Gedankenverloren berühre ich meine rechte Braue. Sie ist zweigeteilt an der Stelle, an der die Narbe beginnt. Sie zieht sich knapp an meinem Auge vorbei, hinab über meine Wange und das Kinn bis zum Schlüsselbein. Mein Ohr ziert eine ähnliche Narbe – ebenfalls ein Überbleibsel der Krallen, mit denen mir der Dämon versucht hat, das Gesicht aufzureißen. Die Chasseuse Principale hat recht: Meine Leichtsinnigkeit hätte mich an diesem Tag gut und gerne umbringen können.

»Und trotzdem bin ich noch hier«, sage ich und schmunzle bei der Erinnerung.

»Und trotzdem bist du noch hier«, stimmt die Chasseuse Principale mir zu. »Nicht nur am Leben, sondern eine unserer vielversprechendsten Anwärterinnen seit Jahren. Du hast mir bewiesen, wie falsch ich mit meinen Befürchtungen lag. Es kommt nicht oft vor, dass mich jemand zu überraschen vermag. Nicht, wenn man schon so alt ist wie ich.« Sie lacht. »Manchmal sehe ich dich an, Jade, und erkenne mich selbst in dir. Eine jüngere und ehrgeizigere Version von mir. So voller Leben und Zielstrebigkeit.«

Meine Brust schwillt an. Ihre Worte erfüllen mich mit Stolz. Ich habe schon lange keine Mutter mehr, aber die Chasseuse Principale hat mich großgezogen. Sie war immer für mich da, wenn ich sie gebraucht habe. Eine der größten Chasseuses, die die Gilde je gesehen hat. Obwohl ihre Muskeln inzwischen erschlafft sind und ihr Gesicht mit Falten überzogen ist, glüht nach wie vor eine stählerne Stärke in ihren grauen Augen, der ich hoffentlich eines Tages mal gerecht werden kann.

»Ich schätze, es wird Zeit, dass du dich endlich deiner letzten Prüfung stellst«, meint die Chasseuse Principale. Mein Herzschlag beschleunigt sich, als sie eine Schublade ihres Schreibtischs öffnet und ein Stück Papier herauszieht. Vorsichtig faltet sie es auf und legt es vor mir ab. »Ich habe eine letzte Herausforderung für dich.«

Ich weiß, was es ist, ohne auf das Papier zu blicken. Die letzte Prüfung ist immer gleich: Die jungen Anwärterinnen müssen die Gilde verlassen, um ihren ersten, richtigen Auftrag zu erledigen. Keine Monsterkämpfe mehr in der Arena. Keine endlosen Trainingsstunden in den schwülwarmen Kellergemäuern der Gilde. Keine Chasseuses, die eingreifen können, falls etwas schieflaufen sollte. Bei meiner letzten Prüfung werde ich ganz auf mich allein gestellt sein.

»Das ist das Beauprince-Anwesen«, erklärt die Chasseuse Principale und zeigt auf das Haus, das auf dem Stück Papier abgebildet ist. »Früher gehörte es dem angesehenen Grafen von Beauprince, der gemeinsam mit seiner Familie auf tragische Art und Weise von einer Bestie getötet wurde. Seitdem steht das Gebäude leer. Vor ein paar Monaten hat sich ein reicher Adeliger aufgemacht, das Grundstück aufzukaufen. Allerdings verschwanden seine Kundschafter beim Auskunden spurlos. Einige Bauern haben ihre Überreste später flussabwärts gefunden.«

»Klingt, als würde diese Bestie immer noch ihr Unwesen auf dem Anwesen treiben«, schließe ich.

»Das ist auch mein Eindruck, ja. Deshalb wurde unserer Gilde der Auftrag gegeben, das Biest zu finden und zu töten«, erklärt die Chasseuse Principale. »Deine letzte Prüfung ist einfach: Bring mir den Kopf dieses Monsters.«

Fast hätte ich zu lachen begonnen. Nächtelang habe ich mir ausgemalt, wie mein erster Auftrag aussehen wird. Ich dachte an einen Greifen, der die Bauern in der Gegend tyrannisiert, oder ein Kelpie, das sich Kinder am Seeufer geholt hat. Stattdessen muss ich eine Bestie töten, die sich auf einem verlassenen Anwesen eingenistet hat, weit weg von Menschenleben, die in Gefahr geraten könnten, während ich meinen Dienst erledige. Ich kann mich voll und ganz auf meine Arbeit konzentrieren.

Das wird ein Kinderspiel.

»Ich werde Euch nicht enttäuschen, Eure Obrigkeit«, verspreche ich. Nur mit Mühe kann ich meine Aufregung im Zaum halten. »Ich werde Euch den Kopf dieses Biests bringen, noch bevor der Mond überhaupt damit beginnen kann, sich zu leeren.«

Die Chasseuse Principale mustert mich mit einem sorgenvollen Ausdruck. »Unterschätze diese Aufgabe nicht, Jade. Du hast keine Ahnung, welches Unheil dich in diesem Anwesen erwartet. Wer weiß, welche Kreatur hinter diesen Mauern lauert.«

»Spielt es denn eine Rolle? Ein Monster ist ein Monster«, erwidere ich, bevor ich mich bremsen kann. »Im Endeffekt haben sie alle keine Chance gegen die Klinge meines Schwertes.«

 

*

 

Ich reite am nächsten Morgen los. Eine Traube von Anwärterinnern und Chasseuses hat sich im Innenhof versammelt, als ich mein Pferd sattle. Ein paar von ihnen wünschen mir Glück für die Aufgabe, andere beobachten mich lediglich mit ernsten Blicken. Viele Anwärterinnen sind nie von ihrer letzten Prüfung zurückgekommen. Ich beabsichtige nicht, zu ihnen zu gehören.

»Pass auf dich auf«, sagt Clémentine, als ich auf mein Pferd steige.

»Das tue ich immer«, erwidere ich mit einem Grinsen.

Sie nimmt meine Hand und sieht mich mit einer Sorge im Blick an, die mich innehalten lässt. »Ich meine es ernst. Du musst zu mir zurückkommen, hörst du?«

»Mach dir keinen Kopf«, entgegne ich und drücke ihre Hand. »Das wird ein Kinderspiel. Ich bin schneller zurück, als du mich überhaupt vermissen kannst.«

Mit einem Seufzer löst Clémentine ihre Hand von mir und lässt sie sinken. »Versprich mir, dass du keine Dummheiten machen wirst.«

»Versprochen.«

Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und drückt mich noch einmal kurz an sich. Dann setze ich mich in Bewegung und lasse die Gilde hinter mir.

Der Weg zum Beauprince-Anwesen verläuft durch einen verlassenen Wald, nicht weit von den Gebäuden der Gilde entfernt. Ich reite den ganzen Tag durch und lege nur kurze Pausen ein. Je schneller ich mein Ziel erreiche, desto besser.

Irgendwann nachmittags zieht ein dicker, nasser Nebel aus dem Norden auf. Er lässt die Schemen und Formen der kargen Bäume am Rand des Weges verschwimmen, raubt mir die Sicht auf das, worauf ich zureite. Der Wind ist kälter geworden, gleitet mit eisigen Berührungen über mein Gesicht und meine Finger, die schon fast taub geworden sind. Obwohl sie nur im Schritttempo geht, keucht und schnauft Colette unter mir. Jedes Mal, wenn sie die Nüstern bläht, steigt Dampf nach oben und vermischt sich mit dem Weiß an meinen Sichträndern.

Ich tätschle die Stute zärtlich am Hals. »Nicht mehr lange, ma belle«, flüstere ich. Als hätte sie mich verstanden, stößt Colette ein leises Schnauben aus. Sie schüttelt ein paar Wasserperlen ab, die sich in ihrer hellen Mähne gesammelt haben, und geht zielstrebig weiter.

Wir folgen dem Weg für ein paar Minuten. Ohne den Blick zu dem vom Nebel verdeckten Himmel zu heben, spüre ich, dass der Einbruch der Nacht unmittelbar bevorsteht. Die Schatten im Wald sind länger geworden, die Luft beißender als sowieso schon.

Colettes Schritte schmatzen im Schlamm unter ihren Hufen, der sich in den Pfützen und Schlaglöchern des Weges angesammelt hat. Neben unseren Atemzügen ist es das einzige Geräusch, das die Stille durchdringt. Je näher ich dem Anwesen komme, desto mehr scheint das Leben aus diesen Wäldern zu weichen – so, als wüssten die Tiere, die hier normalerweise im Gebüsch wühlen und kratzen, dass es besser ist, sich fernzuhalten. Ich bin umringt von kahlen, fast blattlosen Bäumen, die längst ihr Kleid für den kommenden Winter angezogen haben. Beinahe kommt es mir vor, als wäre ihr Anblick eine Warnung. Eine Vorahnung auf das, was mich am Ende des Pfades erwarten wird: ein Ort, der nur noch Platz für Tod und Zerstörung bietet.

Ich zügle Colette, bis sie stehen bleibt, und gleite dann vorsichtig von ihrem Rücken. Jeder Muskel in meinen Beinen und meinen Hüften schmerzt, als meine Stiefel auf dem schlammigen Boden aufkommen. Ich löse die Schnallen der Satteltasche und ziehe die Karte hervor, welche die Chasseuse Principale mir mitgegeben hat. Sie zeigt den Wald, in dem ich mich gerade befinde, und den schmalen Pfad durch die Bäume hindurch bis zum Anwesen.

Ich bin fast da.

Sorgfältig falte ich die Karte wieder zusammen und stecke sie zurück in die Satteltasche. Dann überprüfe ich einmal mehr den Inhalt, auch wenn ich weiß, dass er sich seit meiner Abreise kaum verändert hat. Proviant für mehrere Tage, Verbandszeug, leere Fläschchen und Dutzende von Tinkturen und Cremes – einige zur Wundheilung, die meisten aber zu kämpferischen Zwecken. Salbei gegen Schleimbeutler, Salz gegen Geister, gemahlene Alraunwurzel gegen böse Zauber. Die wichtigste Regel der Gilde ist es, stets auf alles vorbereitet zu sein.

Nachdem ich mich versichert habe, dass mein Inventar vollständig ist, steige ich zurück auf mein Pferd. Colette setzt sich ohne Zögern in Bewegung, als ich sie antreibe. Sie scheint genauso willens zu sein wie ich, unseren Zielort noch vor Einbruch der Nacht zu erreichen. Auf sie wird dort eine wohlverdiente Pause warten. Auf mich der Kampf, auf den ich mich mein gesamtes Leben vorbereitet habe. Sobald ich die Bestie getötet und ihren Kopf zurück zur Gilde gebracht habe, werde ich offiziell in die Ränge der größten Chasseuses des Landes aufgenommen werden, mich mit ewigem Ruhm und Ehre und Anerkennung schmücken dürfen.

Die Chasseuse Principale liegt falsch. Ich unterschätze diese Aufgabe nicht – nein, ich habe seit Jahren darauf gewartet. Es ist unbedeutend, welches Monster mich am Ende des Weges erwartet. Ich bin fest entschlossen, es mit allem aufzunehmen. Und ich werde erst wieder zurückkehren, wenn ich den Kopf dieser Bestie sauber von ihrem Körper getrennt habe.

 

Kapitel 2: Louise

Das Monster kommt.

Ich kann es spüren. Es versteckt sich in den alten Gängen und Wänden des Anwesens, wartet hungrig darauf, seine Krallen und Klauen in mein Bewusstsein zu schlagen. Wenn ich lange genug in die Stille hineinlausche, dann bilde ich mir ein, seinen Herzschlag hören zu können.

Regungslos starre ich gegen die hölzerne Zimmerdecke über mir. Es sind ein paar neue Löcher hinzugekommen, seit ich das letzte Mal hier war. Zumindest glaube ich das. Aus einem der Löcher tropft Wasser hinab und versickert irgendwo in den Rissen am Boden. Ein stetes, regelmäßiges Geräusch. Der Rhythmus eines Liedes, das ich nicht kenne.

Tropf. Tropf. Tropf.

Es ist beruhigend. Eine Konstante in den endlosen Fluren dieses Hauses. Etwas Greifbares in den Tagen, die zu Wochen und zu Monaten und zu Jahren verschmelzen. Wie lange bin ich schon hier? In diesem Raum? Wie lange schon in diesem Haus? Ich weiß es nicht. Es spielt keine Rolle. Es hat alles schon vor sehr langer Zeit aufgehört, eine Rolle zu spielen.

Etwas kratzt in meinem Inneren. Ein siebter Sinn. Ein leiser Ruf meines Instinkts, der beißende Geruch von Gefahr in der Luft. Das Monster kommt, und ich weiß, dass ich nicht länger weglaufen kann. Ich habe es versucht. Mehr als einmal. Das Monster hat mich immer wieder gefunden.

Die Matratze des Betts unter mir knarzt und quietscht, als ich mich langsam aufrichte, meine Gliedmaßen steif, die Welt vor meinen Augen ein farbloses Gemisch aus Grau und Weiß. Ich blinzle ein paar Mal, bis meine Sicht sich aufklart. Das trübe Grau verschwindet nicht. Weißer Nebel klebt an den Fensterscheiben, verwandelt die Bäume im Garten zu schwarzen Schemen und Schatten. Am liebsten würde ich das Fenster aufreißen und springen, mich vom Weiß empfangen lassen, darin ertrinken, bis ich genauso zu einer schwarzen, verblassten Silhouette werde.

Es würde nichts verändern. Nicht wirklich. Ich habe schon lange aufgegeben, den Wänden dieses Anwesens zu entfliehen. Ich bin eine Gefangene, meine Welt nicht viel mehr als ein paar Felder und Bäume und ein altes Haus, gefüllt mit Erinnerungen, die allesamt in Blut und Schmerz getränkt wurden.

Es gibt keinen Ort, an den ich fliehen könnte. Nirgendwo, wo ich mich verstecken könnte. Das Monster findet mich überall.

Mein Kleid schleift am Boden nach, als ich das Zimmer verlasse. Gemälde und alte Porträts zieren die Wände im Flur. Mit den Fingern fahre ich über die zerknitterte Tapete. Ein paar Flocken segeln zu Boden, vermischen sich dort mit dem Staub, der sich wie ein feiner Teppich über das Haus gelegt hat.

Ich gehe weiter. Wohin, das weiß ich selbst nicht so genau. Ich lasse mich treiben von meinen Füßen, als könnte ich so auch dem leisen Kratzen in meinem Kopf entkommen. Die schweren Atemzüge des Monsters scheinen in den verlassenen Gängen des Anwesens widerzuhallen. Es kommt näher. Sobald die Sonne, verborgen hinter einem Meer aus weißem Nebel, vom Horizont verschluckt wurde, wird es die Türen des Hauses eintreten. Für eine Nacht wird das Grundstück ihm gehören, und ihm allein.

Ich bin dabei, die Treppe ins Erdgeschoss hinabzusteigen, als ich die Bewegung aus meinem Augenwinkel wahrnehme. Es ist genug, um mich zusammenzucken zu lassen. Ich bin allein hier. Das Monster hat alles in meiner Nähe vertrieben, hat jegliches Leben aus diesem Ort hinausgesaugt, bis nur noch Knochen und Staub übrig waren. Da sollte nichts sein, das sich bewegt. Nichts, das noch am Leben ist.

Ich drehe den Kopf. Durch das Fenster, das zum Vorplatz zeigt, erkenne ich eine Gestalt. Ein Reiter auf dem Weg zum schmiedeeisernen Tor des Anwesens. Es ist ein surrealer Anblick. Früher sind hier täglich Dutzende Kutschen und Reiter aus dem ganzen Land angereist. Jetzt hingegen kann ich mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal eine Menschenseele aus nächster Nähe gesehen habe.

Das Monster ist nahe. Ich höre seine Atemzüge in der Stille des Anwesens, das unruhige Knurren. Es will ausbrechen aus seinem Käfig. Sich das holen, was es für das Seine hält. Sein Hunger nach Zerstörung ist unersättlich, und ich weiß, dass der unbekannte Reiter am Ende des Weges das nächste Opfer sein wird.

Ich könnte losrennen. Könnte barfuß über die alten Teppiche und Dielen des Anwesens eilen, hinab die Treppe, die in den großen Saal führt, und dann weiter über den blank polierten Boden, meine Schritte ein leises Trippeln inmitten der Stille.

Ich könnte versuchen, den Reiter zu warnen. Schneller zu sein als das Monster – nur dieses eine Mal. Doch ich weiß, dass es zwecklos wäre.

Stattdessen wallt Ärger in mir auf – das einzige Gefühl, das die Schwärze in meinem Inneren durchbricht und an die Oberfläche gelangt. Was um alles in der Welt könnte einen Menschen dazu bewegen, sich diesem Anwesen zu nähern? Weiß er nicht, was ihn hier erwartet? Weiß er nicht, was das Monster hier vor so vielen Jahren angerichtet hat?

Nur kurz hält die Frustration mich im Griff, lässt zu, dass ich die Zähne aufeinanderbeiße und die Hände an den Seiten zu Fäusten balle. Dann verblasst sie wie alle Gefühle, die in mir aufkommen, und wird stumm verschluckt von der Leere in meiner Brust.

Meine Fragen sind irrelevant. Es spielt keine Rolle, was den Reiter hierher verschlagen hat. Es ist bereits zu spät. Das Monster brüllt auf – ein unmenschliches, gurgelndes Geräusch, welches durch die Stille im Inneren des Anwesens reißt. Es ist zurück, und es wird seinen Hunger stillen, indem es ein weiteres Menschenleben in Blut und Angst beendet. Es gibt nichts, was ich dagegen tun könnte. Nichts, was ich ihm entgegensetzen könnte. Diesen Kampf habe ich vor langer, langer Zeit aufgegeben.

Als ich das nächste Mal einen Atemzug nehme, Hitze und Schmerz durch mich hindurchflutend, bleibt mir nur noch zu hoffen, dass der Tod des Reiters wenigstens ein schneller sein wird.

 

Kapitel 3: Jade

Das Beauprince-Anwesen erhebt sich wie ein schwarzer Schlund aus dem Nebel heraus, ein mehrstöckiges Ungetüm mit imposanten Fenstern und kunstvollen Dachschrägen. Ich bin mir sicher, dass es früher einmal eindrucksvoll gewesen sein muss, als Reiche und Adelige hier noch ein und aus gingen. Jetzt hingegen ist es nur noch ein Schatten seines einstigen Prunks.

Je näher ich komme, desto mehr wird mir bewusst, in welch desolatem Zustand das Gebäude ist. Die Fassade hat Einbuchtungen und Risse, wo sie zu bröckeln begonnen hat, an einigen Stellen des Dachs wurde die oberste Schicht vom Wind abgetragen und die wohl früher mal strahlende Farbe ist verblichen, weggewaschen vom Regen und Schnee der letzten Jahre.

Vor dem schmiedeeisernen Tor beim hohen Zaun, welches den weitläufigen Garten umgibt, zügle ich Colette und steige ab. Eine Hand an ihrem Hals, die andere am Griff des Schwertes, lasse ich meinen Blick über das Anwesen schweifen. Hinter dem Anwesen, das Dutzende von Chasseuses ohne Probleme hätte beherbergen können, entdecke ich Felder, die so weit reichen, dass ich ihr Ende von meinem Standpunkt aus nicht erkennen kann.

Ich führe Colette an den Zügeln mit mir. Vorsichtig stoße ich das Tor auf. Es ist nicht abgeschlossen und gibt ohne Widerstand nach. Ein leises Quietschen hallt über das Gelände, ansonsten bleibt es still.

Nebel wabert über die breite Pflasterstraße, die zum Vorplatz des Anwesens führt. Inzwischen ist nur noch spärliches Tageslicht vorhanden und ich muss die Augen zusammenkneifen, um Umrisse und Schatten im Dämmerlicht ausfindig machen zu können. Aufmerksam lausche ich in die Stille hinein. Da ist nichts zu hören – weder von einem Monster noch von einem sonstigen Anzeichen von Leben.

Als ich das Tor durchschreite, durchläuft mich ein eiskalter Schauder. Instinktiv ziehe ich meinen Umhang etwas enger. Colette gibt ein leises Wiehern von sich, dann sträubt sie sich auf einmal gegen meinen Griff und schlägt mit dem Kopf zur Seite.

»Alles gut«, flüstere ich ihr zu und tätschle ihr beruhigend den Hals. Doch sie zerrt nach wie vor an ihren Zügeln, die Augen weit aufgerissen, die Nüstern gebläht. Sie scheint genau zu spüren, was im Inneren des Hauses auf mich wartet.

Zärtlich lasse ich meine Hände durch ihre Mähne gleiten, dann binde ich sie an einem Zaunpfosten fest. Sie scharrt mit den Hufen im nassen Gras und reißt den Kopf immer wieder in Richtung des Anwesens hinüber.

»Ich bin bald wieder zurück«, verspreche ich ihr, eine Hand immer noch ihren Hals tätschelnd. Mit der anderen ziehe ich einen Apfel aus meiner Tasche, den sie mit ein paar wenigen Bissen verschlingt. »Mach dir keine Sorgen, ma belle.«

Ich lasse meinen Rucksack zu Boden gleiten. Ich werde später ein Lager aufschlagen, aber erst einmal muss ich mir einen Überblick über die Lage machen. Möglicherweise finde ich bereits erste Hinweise auf die Bestie, die sich hier in der Nähe verbergen soll. Je besser ich vorbereitet bin, desto schneller werde ich diese Sache hinter mich bringen können.

Colette stößt ein hörbares Wiehern aus, als ich mich langsam von ihr wegbewege. Ich zwinge mich, meinen Blick von ihr zu lösen und meinen Weg auf der Pflasterstraße fortzusetzen. Ich lasse sie nicht gerne zurück, aber das ist die einzige Möglichkeit, um sie in Sicherheit zu wähnen.

Statuen säumen den Weg links und rechts von mir, einige davon kopflos oder mit fehlenden Gliedmaßen, gestohlen von der Witterung und dem Zahn der Zeit. Diejenigen, die ihre Augen noch haben, scheinen auf mich hinabzusehen, ihre Blicke drohend und warnend, die Münder zu stummen Worten verzogen, als wollten sie sagen: Komm ja nicht näher!

Ein Prickeln säuselt über meine Arme und ich verstärke den Griff um mein Schwert. Um mich von meinen eigenen Gedanken abzulenken, stelle ich mir vor, wie auf dieser Straße früher Kutschen und Gefährte auf den großen Platz vor dem Haus gefahren sind, voll mit jungen Adeligen, die sich für das nächtliche Fest schick gemacht haben. Ein ausgetrockneter Brunnen steht vor den Treppenstufen, die zum Eingang hochführen. Laub und Vogelkot haben sich in seinem Inneren angesammelt, von seiner ehemaligen Schönheit ist nur noch eine schwache Erinnerung übrig.

Vorsichtig steige ich die Treppenstufen zur Flügeltür hoch, die den Haupteingang des Gebäudes darzustellen scheint. Meine Lederrüstung reibt bei jeder Bewegung an meinem Körper – eine dumpfe Erinnerung daran, weshalb ich hier bin. Ich ziehe mein Schwert, dann öffne ich die Tür.

Ich finde mich in einer großen Halle wieder, von der mehrere weitere Türen abzweigen. Eine geschwungene Treppe führt auf die Galerie ins Obergeschoss. Die Halle ist von einer Stille ausgefüllt, die mich augenblicklich erschaudern lässt. Sie hört sich an wie die Stille, wenn man für ein paar Sekunden den Atem anhält, die Stille, bevor jemand schlechte Nachrichten überbringt, die paar Augenblicke, bevor ein Neugeborenes seinen ersten Atemzug nimmt.

Langsam wage ich einen ersten Schritt ins Dunkel der Halle. Meine Muskeln sind angespannt, mein Blick immer wieder von links nach rechts huschend, um irgendwelche Bewegungen zu registrieren. Doch da ist nichts. Die Halle ist genauso verlassen wie der Rest des Gebäudes.

Ich atme aus. Am liebsten würde ich mich der Erschöpfung, die nun in jeden Winkel meiner Gliedmaßen kriecht, hingeben und es mir auf dem blank polierten Boden der Halle gemütlich machen. Doch ich widerstehe dem Drang. Ich muss wachsam bleiben.

Es ist unerwartet warm im Inneren, als hätte jemand vor Kurzem hier ein Feuer entfacht, obwohl ich weiß, dass das unmöglich sein sollte. Das Anwesen ist seit Jahren verlassen.

Als ich mich tiefer in die Halle hineinwage, gehen auf einmal die Kerzen an den Wänden an. Die Flammen schießen einfach empor und ich hebe instinktiv das Schwert, die Sehnen in meinem Nacken zum Zerbersten gespannt. Durch eine unsichtbare Hand wird ein Kerzenleuchter nach dem anderen erhellt, bis der ganze Eingangsbereich auf einmal in ein warmes Orange gehüllt ist. Das Blut in meinen Ohren rauscht und mein Herz drückt sich rasend gegen meinen Brustkorb.

»Wer ist da?«, rufe ich und drehe mich einmal um die eigene Achse. Nichts passiert. Die Kerzen leuchten weiter, ihre Flammen tanzende Schatten an die Wände werfend.

Magie ist mir nicht fremd. Jede Anwärterin lernt in der Gilde die Grundlagen von Ritualen und einfachen Zaubern, die uns im Kampf gegen Monster helfen. Aber wir sind keine Magierinnen. Wir sind nicht in der Lage, etwas aus nichts zu erschaffen. Diese Art von Magie ist reserviert für alte Hexen und durchtriebene Zauberer, welche einzig und allein daran interessiert sind, den Menschen Schaden zuzufügen. Nicht selten endet das Herumpfuschen an dunklen Mächten auf dem Scheiterhaufen. Die Gilde selbst hat unzählige Zaubernde diesem Schicksal überführt.

Ein schmerzhaftes Ziehen geht durch meinen Körper, ausgelöst von der Anspannung, die mich beinahe lähmt. Ich zwinge mich, tief durchzuatmen und meinen Herzschlag zu verlangsamen, wie ich es im Training gelernt habe. Einen kühlen Kopf zu bewahren, ist unabdingbar auf einer Jagd. Nie das Ziel aus dem Blick zu verlieren. Ruhig zu bleiben, ganz gleich, was passiert. Panik führt zu Fehlern und Fehler führen zum Tod.

Für ein paar Sekunden schließe ich die Augen und lausche in die Stille hinein. Wenn ich mich konzentriere, kann ich das leise Heulen des Windes hören, der die alten Balken und Holztüren des Gebäudes zum Knarzen bringt. Dazwischen mischt sich ein weiteres, zischendes Geräusch. Erst halte ich es ebenfalls für den Wind, aber dafür ist es zu tief, zu regelmäßig.

Das ist nicht der Wind. Das sind Atemzüge.

Ich reiße die Lider auf und lege den Kopf in den Nacken. Jetzt sehe ich es endlich: Dort, an der hohen Decke des Saals, hängt etwas Langes, Schwarzes unter dem Dach. Ich war so fokussiert auf das, was vor mir liegt, dass ich es beim Eintreten gar nicht wahrgenommen habe. Nun allerdings kann ich meinen Blick nicht mehr losreißen.

Das Ungetüm ist riesig: ein langer, schuppiger Körper, ähnlich wie der einer Schlange, aber mit zwei kräftigen Vorderbeinen, ledrigen Flügeln und gehörntem Kopf. Es hat die Augen geschlossen, atmet tief ein und aus, als würde es schlafen. Ein gleichermaßen majestätischer wie furchteinflößender Anblick, der das Blut in meinen Adern schlagartig in Eiswasser verwandelt. Ich habe von diesen Kreaturen gelesen, in staubigen Büchern in der Bibliothek der Gilde. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass sie tatsächlich noch existieren – geschweige denn, dass ich jemals einem gegenüberstehen würde.

Ein Wyvern.

Etwas klumpt sich in meinem Magen zusammen. Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, was es ist, weil es schon so lange her ist, seit ich es in einem Kampf verspürt habe: tiefe, erschütternde, lähmende Angst.

Instinktiv trete ich einen Schritt zurück. Ich brauche einen Plan. Bessere Waffen womöglich und ein ganzes Arsenal an Tränken und Tinkturen, die mich im Kampf unterstützen werden. Ein Schwert ist eine ideale Waffe gegen Gnome, Ghule oder Wiedergänger. Aber ich bezweifle, dass es den dichten Schuppen eines Wyvern gewachsen ist.

Verflucht noch mal.

Ich trete einen weiteren Schritt zurück, der Blick immer noch auf das schlafende Monster über meinem Kopf gerichtet. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Von allen Kreaturen, die mich auf diesem Anwesen hätten erwarten können, musste es ausgerechnet eine sein, die ich längst für ausgestorben hielt.

Vielleicht ist das eine Chance. Vielleicht ist das meine Möglichkeit, in die Geschichte einzugehen. Jade, die Wyvern-Schlächterin. Ich mag, wie das klingt.

Ich wage einen weiteren Schritt zurück. Als mein rechter Fuß auf dem Boden ankommt, gibt meine nasse Schuhsohle auf dem glattpolierten Marmor ein matschiges Quietschen von sich. In der Stille der Halle hört es sich an, als hätte ich gerade einen Schrei von mir gegeben.

Ich unterdrücke einen Fluch, werfe panisch einen Blick in Richtung der Tür hinter mir und sehe dann wieder hoch zum Wyvern.

Dieses Mal blickt mir ein gelbes Augenpaar entgegen.

Der Atemzug bleibt mir im Hals stecken. Für ein paar Wimpernschläge scheint die Zeit selbst stehenzubleiben, scheint nur noch Platz für mich und die Bestie über meinem Kopf zu haben.

Dann lässt sich das Monster fallen.

 

*

 

Ein Donnern geht durch das Anwesen, als der massive Körper des Wyverns auf dem Boden ankommt. Die Bestie reißt ihr Maul auf, zwei Reihen spitzer Zähne, eine lange, gespaltene Zunge und ein schwarzer Schlund, in dem ich mit einem einzigen Bissen hätte verschwinden können. Heißer Atem schlägt mir entgegen, vermischt mit Spucketropfen, und raubt mir für ein paar Sekunden den Atem, während ihr Brüllen meine Ohren ertauben lässt.

Ich hebe das Schwert vor mich, verfluche mich insgeheim dafür, dass ich meinen Schild beim Rucksack gelassen habe, und drücke es der Pranke entgegen, die auf mich niedersaust. Lange, scharfe Krallen verfehlen mein Gesicht nur um Zentimeter, als der vordere Fuß der Bestie die Klinge meines Schwertes trifft. Doch die Waffe schneidet nicht ins Fleisch, drückt sich lediglich ein wenig in die schuppige Haut des Monsters, ohne überhaupt Blut zu lösen.

Meine Füße schlittern über den Boden. Ich schreie auf, als der Druck gegen meine Waffe immer größer und größer wird und meine Arme zu zittern beginnen. Blitzschnell trete ich zur Seite und ziehe mein Schwert zurück, versuche nach hinten auszuweichen, als mich plötzlich etwas Schweres an der Seite trifft.

Mein Halt entgleitet mir. Ich segle durch die Luft, bevor ich mit dem Rücken gegen eine der Säulen am Rand der Halle knalle. Die Kollision faltet meinen Körper zusammen wie ein Stück Papier, drückt mir jegliche Luft mit einem erstickten Keuchen aus den Lungen und lässt schwarze Flecken in meinem Sichtfeld aufplatzen. Ich sinke zu Boden, höre das entfernte Schlittern meines Schwertes, während ich verzweifelt nach Atem schnappe. Mein Brustkorb hebt und senkt sich, doch der erlösende Luftzug bleibt aus.

Durch das Fleckenfeld vor meinen Augen erkenne ich die Umrisse der Kreatur. Gelbe Reptilienaugen, die mich aus dem Halbdunkeln ansehen, der Kopf schief gelegt, fast so, als wäre das Monster enttäuscht darüber, wie zerbrechlich ich bin.

Ich sauge Luft ein. Schmerz explodiert in meinem Brustkorb, aber ich nehme ihn nur entfernt wahr. Sogleich überfällt mich ein Hustenanfall. Ich spucke Blut und Speichel auf den Boden vor mir, die schwarzen Flecken in meinem Sichtfeld dichter werdend.

Bevor ich die Möglichkeit habe, mich zu sammeln, schießt der Wyvern mit einer Geschwindigkeit nach vorne, die seinem träge wirkenden Körper nicht gerecht wird. Der schwarze Schlund kommt näher und im nächsten Moment rast betäubender Schmerz durch meinen Oberkörper. Einmal mehr verliere ich den Boden unter den Füßen, aber dieses Mal fliege ich nicht. Dieses Mal werde ich ruckartig nach oben gerissen, gefangen zwischen den spitzen Zähnen des Ungetüms. Ein Meter, zwei Meter – und dann, am höchsten Punkt, lässt mich das Monster fallen.

Die Welt um mich herum dreht sich, Galle in meinem Hals brennend, mein Mund gefüllt mit dem beißenden Geschmack von Blut. Dumpf nehme ich wahr, wie weit ich vom Boden der Halle entfernt bin, wie mein Körper durch die Luft gleitet, viel zu schnell, viel zu schnell – und dann kollidiere ich ruckartig mit etwas und das Drehen hört abrupt auf.

Ein Klirren reißt durch meinen Gehörgang, Scherben von allen Seiten auf mich hinabregnend, und auf einmal wird es dunkel. Die Wärme der großen Halle ist verpufft, ersetzt durch eisige Kälte, die sich in meinen Körper frisst. Ich falle immer noch, überzeugt davon, dass der nächste Aufprall mein letzter sein wird. Doch es ist nicht Boden, auf dem ich lande, sondern ein weicher Untergrund, Gestrüpp und Dornen und Äste, die sich in meine Haut bohren.

Ich bleibe liegen. Für ein paar Sekunden bin ich mir sicher, dass die Dunkelheit mich holen wird, dass ich der verführerischen Taubheit der Bewusstlosigkeit verfallen werde. Doch schließlich bemerke ich das langsame Heben und Senken meiner Brust, spüre, wie das Gefühl in meine betäubten Gliedmaßen zurückkehrt, der Schmerz immer noch gedämpft vom Rausch des Kampfes, aber dennoch da, brennend und ziehend und pochend unter meiner Lederrüstung.

Schmerz ist ein gutes Zeichen. Solange ich den Schmerz noch spüre, bin ich am Leben.

Ich blinzle gegen die schwarzen Flecken in meinem Blickfeld an, presse die Zähne aufeinander und vertreibe das Gefühl der Panik, das versucht, sich in mir breitzumachen. Wie lange ist es her, seit eine Bestie mich so sehr überwältigt hat? Jahre? Jahrzehnte?

Konzentriere dich. Bewahre einen kühlen Kopf. Wer panisch wird, der stirbt.

Die Worte der Chasseuse Principale hallen wie ein Mantra durch meinen Kopf. Stöhnend richte ich mich auf meinen Armen auf. Ich liege in einem überwachsenen Garten, umrahmt von ein paar dichten Büschen, die den Großteil meines Falls abgefangen haben müssen. Doch meine Erleichterung hält nur wenige Augenblicke an, denn im nächsten schiebt sich bereits ein langer Schatten aus dem zerbrochenen Fenster im zweiten Geschoss.

Das Monster krallt seine Klauen in das Fenstersims, die Scherben und Glassplitter rundherum nicht in der Lage, seine Schuppen zu durchdringen. Im dumpfen Mondlicht, das sich durch den Nebel drückt, glänzen sie silbern, hüllen die Bestie in einen Mantel aus purem Licht.

Ich fluche, bevor ich mich zur Seite drehe und versuche, wieder auf die Beine zu kommen. Die Dornen und Äste reißen an meiner Kleidung, aber das nehme ich nur entfernt wahr. Mein Blick huscht über den Garten vor mir, panisch auf der Suche nach meinem Schwert.

Doch es ist nicht hier.

Der Wyvern gibt ein weiteres Brüllen von sich, bevor er die ledernen, schwarzen Flügel ausstreckt und vom Fenstersims abhebt. Mit ein paar wenigen Flügelschlägen hat er sich bereits über das Dach des Anwesens erhoben und kreist nun über dem Garten, die gelben Augen auf mich fixiert wie ein Raubvogel, der auf den richtigen Moment wartet, um sich auf seine Beute zu stürzen.

Ich renne los. Es ist die einzige Möglichkeit, die mir bleibt. Ich habe keine Waffe und ich habe keinen Plan. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, dass es so weit kommen würde, aber: Am Leben zu bleiben, ist das Einzige, was momentan zählt.

Ein spürbarer Windstoß fegt durch die Luft, als der Wyvern hinabsaust. Ich treibe meine Schritte weiter an, auch wenn ich bereits so schnell laufe, wie ich laufen kann. Ich wage es nicht, den Blick vom Garten vor mir wegzureißen. Vielleicht gibt es hier irgendwo einen Schuppen oder einen Keller, wo ich mich verstecken kann, bis ich …

Mir entgleitet ein Schrei, als die Krallen der Bestie sich in meine Schultern drücken. Sie vermögen es nicht, sich durch meine Lederrüstung zu bohren, aber dennoch bekommen sie genug Stoff zu fassen, um mich vom Boden zu heben. Höher und höher reißt das Biest mich in die Luft, weg von der Sicherheit des Gartens, der immer kleiner unter mir wird. Dieses Mal, so fürchte ich, werden selbst die Büsche nicht genug sein, um meinen Fall zu bremsen.

Instinktiv greife ich nach dem kleinen Dolch, den ich an meinem Gürtel befestigt habe, und ramme ihn der Kreatur in den Unterkörper. Sie schreit auf. Schwarzes Blut löst sich aus der kleinen Wunde, die ich ihr in die weiche Unterseite ihrer Gestalt geschnitten habe.

Eine Schwachstelle.

Fast hätte ich zu lachen begonnen, doch mein Triumph hält nur wenige Sekunden an, denn der Wyvern hält mich nach wie vor fest in seinen Klauen. Das Blut aus der Wunde tropft auf mich hinab, zischt, als es auf das Leder an meinem Arm trifft und sich binnen Sekunden durch das Material frisst.

Ich stoße erneut zu. Ein weiterer Schrei. Der Wyvern gerät ins Schwanken, schlägt schwerer mit den Flügeln, beginnt zu fallen. Mein Magen sinkt in die Tiefe, während sich der Boden des Gartens einmal mehr nähert. Ein weiterer Schnitt, eine weitere Wunde, und dieses Mal ist es genug, dass die Bestie eine Klaue aus meiner Schulter löst. Mein Körper sackt herunter. Ein Schrei löst sich aus meiner Kehle, als meine Beine für ein paar Meter über den Boden des Gartens geschleift werden, bevor der Wyvern endlich vollends von mir ablässt. Mein Schienbein prallt gegen etwas Hartes und ich beginne zu fallen. Da ist kein Gras mehr unter mir, sondern nur noch endlose Schwärze. Dann tauche ich in eiskaltes Wasser ein und plötzlich wird es still.

In meinen Ohren rauscht es. Die Finsternis ist allgegenwärtig, hat mich komplett verschlungen. Die Kälte kommt so unerwartet, so abrupt, dass ich in ihr völlig erstarre. Ich sinke, doch nicht endlos. Meine Finger berühren etwas Weiches unter mir. Ein Boden.

Mit den Füßen stoße ich mich ab und Sekunden später durchbreche ich die Wasseroberfläche, japse keuchend nach Luft. Die Finsternis wird durchbrochen von etwas Hellem, das auf mich hinabscheint. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich begreife, was es ist: das gedämpfte Licht des Mondes, das durch den Nebel drückt.

Links und rechts von mir türmen sich hohe Wände hoch. Das Wasser ist so tief, dass es mir gerade zum Kinn reicht, wenn ich darin stehe. Es saugt sich an meinen Klamotten fest, sickert in meine Wunden und kühlt sie, bis ich sie kaum mehr wahrnehme. Die Kälte klart meinen Verstand und lässt mich endlich wieder denken, nicht nur handeln.

Das muss ein alter Brunnenschacht sein. Aufgefüllt mit Regenwasser oder Quellwasser, das noch nicht abgesickert ist. Seine Ränder so überwachsen, dass ich ihn vermutlich deswegen nicht eher im Garten entdeckt habe.

Ich höre ein Brüllen über mir und als ich den Kopf hebe, schiebt sich ein schwarzer Schatten vor das dämmrige Mondlicht, das den Schacht erleuchtet hat. Die gelb leuchtenden Augen des Wyverns erfassen mich, die Pupillen geweitet, die Nüstern gebläht. Er reißt das Maul auf, schießt mit gebleckten Zähnen auf mich zu. Dieses Mal weiß ich, dass ich nicht entkommen kann.

Ich schließe die Augen, erwarte die Dunkelheit, die mich zweifellos empfangen wird. Doch der Schmerz kommt nicht. Stattdessen spüre ich ein Beben unter mir und als ich die Lider das nächste Mal öffne, ist der Wyvern immer noch über mir gebeugt. Er versucht, seinen langen Körper in den Brunnenschacht hinabzudrücken, doch jedes Mal stößt er mit dem Kopf gegen die Ränder, sein Schädel zu groß, um in den engen Schacht zu passen. Er tritt einen Schritt zurück und angelt mit seiner Klaue in die Tiefe. Instinktiv presse ich mich weiter hinab. Die scharfen Krallen stoppen, kurz bevor sie mich erreichen. Das Bein ist zu kurz, der Schacht zu tief. Das Monster gibt ein frustriertes Brüllen von sich, als es zur selben Erkenntnis zu kommen scheint wie ich in diesem Moment: Es kann mich nicht erreichen.

Ich lege den Kopf in den Nacken und atme durch. Dann beginne ich zu lachen. Es ist ein verzweifeltes Geräusch, das nicht zu dem Rattern in meinem Brustkorb und dem schmerzhaften Pochen unter meiner Lederrüstung passt. Aber ich kann gar nicht anders. Es ist das Einzige, das dieser Situation auch nur annähernd gerecht wird. Ich komme nicht aus dem Schacht hinaus, und der Wyvern kommt nicht in den Schacht hinein. Was bedeutet, einer von uns wird früher oder später aufgeben müssen. Der Kampf gegen ein Monster, auf den ich mich eigentlich vorbereitet habe, wird nun auf eine simple Frage hinauslaufen: Wer von uns beiden hält länger durch?


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