Regen

 

Ich hasste Regen.

Das war nicht immer so. Bis vor Kurzem mochte ich das monotone Tropfen des Regens an den Fensterscheiben, wenn ich im geheizten Wohnzimmer saß, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, in der linken Hand eine Tüte Chips, in der andern die Fernbedienung, mit der ich wahllos durch das Musikprogramm zappte. Es war eine seltsame Stimmung, die das Geräusch von Regen an solchen Tagen verbreitete; Wärme in einem Haus, das sonst immer von Kälte belegt war. An solchen Tagen mochte ich den Regen und das Gefühl der Geborgenheit, das er mir gab, während draußen der Sturm tobte.

Heute hingegen verfluchte ich das Wetter, die Nässe und die Kälte. Ich verfluchte den Gitarrenkasten, der tonnenschwer an meinem Rücken hing, meine Haare, die mir im Gesicht klebten und die durchweichten Turnschuhe – aber vor allem verfluchte ich mich selbst für jene Entscheidung, die mich auf eine gottverlassene Straße mitten im Nirgendwo geführt hatte. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war, aber es musste dem Ende der Welt verdammt nahekommen. Die Straße bestand aus grauem Asphalt, der in der Ferne im Nebel versank, und kilometerlangem Dickicht an beiden Rändern. Keine Spur von Häusern oder Zivilisation oder gar einem Hauch von Leben. Ich hätte vermutlich tot umfallen können und keiner hätte mich je hier draußen gefunden. Also tat ich, was jeder durchnässte Teenager in dieser Situation getan hätte: Ich ließ meinem Frust mithilfe meines beachtlichen Arsenals an Fluchwörtern freien Lauf – und begann dann, Autos zu stoppen.

Wie ich hierhergekommen war? Das war eine lange Geschichte. Eigentlich hatte sie bereits an dem Tag begonnen, an dem ich mich dazu entschieden hatte, von zu Hause – oder der Ort, den ich die letzten siebzehn Jahre meines Lebens so genannt hatte – wegzulaufen. Seitdem hatte mich jede meiner Entscheidungen, jede Nacht, die ich auf Parkbänken und in nach Urin stinkenden U-Bahn-Stationen verbracht hatte, auf diese beschissene Straße geführt. Dabei hatte der heutige Tag eigentlich ganz gut angefangen. Schon gegen Mittag hatte ich mit ein paar Gesangseinlagen genug Geld zusammengekratzt, um mir ausnahmsweise mal ein Frühstück zu leisten, das nicht nur aus alten Kaugummis und Energydrinks bestand. Den Rest der Kohle hatte ich für Notfälle zur Seite gelegt und mich dann auf den Weg in die nächste Stadt gemacht. Das war der Moment gewesen, in dem sich das Blatt gewendet hatte. Nicht nur, dass der Bus plötzlich in eine völlig falsche Richtung gefahren war, nein, der Fahrer hatte mich auch noch beim Schwarzfahren erwischt und kurzerhand hier, am Arsch der Welt, rausgeschmissen. So was konnte echt nur mir passieren.

Als ich meinen Daumen zum gefühlt hundertsten Mal in Richtung Straße ausstreckte, begann mein Herz schneller zu schlagen. Für einen kurzen, vergänglichen Moment flammte Hoffnung in mir auf. Es war nicht so, als wäre ich wahnsinnig scharf darauf gewesen, bei irgendwelchen zwielichtigen Typen ins Auto zu steigen. Aber in dem Moment hätte ich vermutlich alles getan, um von hier wegzukommen.

Der Wagen wurde kein Stück langsamer, als er an mir vorbeizog. Im Gegenteil: Er schien seine Geschwindigkeit nur noch weiter zu erhöhen und ließ mich – ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen – im Regen zurück.

Ich blieb stehen und sah den Rücklichtern des Wagens hinterher, bis sie irgendwo in der Ferne verschwunden waren. Leise seufzend zog ich meinen iPod – Modell: Steinzeit – aus der Jacke und wischte mit der Hand das Wasser von seinem Display. Rasch steckte ich mir die Stöpsel in die Ohren und drehte volle Lautstärke auf. Während mich Hotel California in Endlosschleife zuzudröhnen begann, setzte ich meinen Weg fort.

Wie lange war ich schon unterwegs? Zwei Stunden? Drei? Vielleicht sogar mehr, so genau konnte ich das nicht sagen. Den Eisklötzen nach zu urteilen, die einst meine Finger und Zehen gewesen waren, musste ich auf jeden Fall schon eine ganze Weile hier draußen herumirren.

»Verdammter Mist«, grummelte ich. Da war ich nun also, durchgefroren und durchnässt bis auf die Knochen, mit leerem Magen und schmerzenden Füssen, und sehnte mich nur noch nach einer Packung Paprikachips und einer Wärmeflasche. Wobei mir eine Tasse Tee und ein Bett alleine eigentlich schon gereicht hätten.

Warm smell of colitas… Rising up through the air, ertönten die Gitarrenklänge aus den 70-ern in meinen Ohren. Up ahead in the distance... I saw a shimmering light...

Ich hielt inne. Als wollte der Song mich verspotten, sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich mir aus der Distanz ein Licht näherte. Ich drehte den Kopf und kniff die Lider zusammen, um durch den dichten Nebel besser sehen zu können. Das war ohne Zweifel ein Fahrzeug – noch eins. Verdächtig viel Glück innerhalb von wenigen Minuten. Lag ich vielleicht bereits halb tot in einem Straßengraben und halluzinierte gerade?

Rasch schaltete ich meinen iPod aus und lauschte. Das Brummen eines Motors dröhnte an meine Ohren und ich streckte erneut meinen Daumen in Richtung Straße aus. Der Wagen kam näher. Nun erkannte ich, dass es sich um einen alten VW-Bus handelte – einer der Sorte, die aussahen, als hätten sie schon jeden Flecken dieser Erde gesehen. Das Scheinwerferlicht blendete mich. Ich streckte meinen Daumen noch etwas weiter hinaus, als der Bus auch schon mit enormer Geschwindigkeit an mir vorbeiraste und langsam im Nebel verschwand.

Ich verzog das Gesicht und sah dem Fahrzeug hinterher. Für den Bruchteil einer Sekunde kam es mir vor, als wäre es tatsächlich langsamer geworden, doch mir war klar, dass ich mir das in meiner Verzweiflung nur einbildete.

Dann erstarrte ich. Der Wagen war wirklich langsamer geworden.

Ich rannte auf den Bus zu. Je näher ich kam, desto kleiner wurden meine Zweifel. Die Rücklichter blinkten und ich beschleunigte meine Schritte. Inzwischen war ich so nahe, dass der Nebel mir nicht mehr die Sicht versperrte. Der Bus war tatsächlich stehen geblieben, doch irgendetwas stimmte nicht. Erst auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass der hintere Reifen seltsam verformt auf den Boden gesunken war. Ein Platten? Ich ging vorsichtig in die Hocke und betrachtete den Reifen. Das war ohne Zweifel ein Autoreifen, dem die Luft ausgegangen war. Wäre ja zu schön gewesen, wenn der Wagen tatsächlich für mich angehalten hätte.

»Hey! Was zur Hölle tust du da?«

Ich fuhr herum. Rotblonde Haare, ein Gesicht voller Sommersprossen und Augen, die mich mit einer Mischung aus Überraschung und Abneigung fixierten – das waren die Dinge, die mir an dem Mädchen auffielen, das nun plötzlich vor mir stand. Sie musste etwa in meinem Alter sein, war aber ein wenig kleiner als ich und deutlich schlanker. Die Arme hatte sie vor der Brust verschränkt, während ihr finsterer Blick unbeirrt an mir haftete.

»Hey!«, wiederholte sie, nachdem ich nicht sofort eine Antwort gegeben hatte. »Hast du gehört, was ich gesagt habe?«

»Ich, ähm ...«

»Warst du das etwa?«, fauchte sie mich an. Ich verstand nicht, was sie meinte und musste wohl ziemlich verwirrt ausgesehen haben, denn Rotschopf stieß ein genervtes Schnauben aus und hob das Kinn in Richtung des Autoreifens. »Hast du ein Nagelbrett gelegt oder so?«

»Was? Ich ... nein«, gab ich zur Antwort, auch wenn ich wohl nicht gerade überzeugend klang. Ich konnte gar nicht anders, als das Mädchen anzustarren.

»Und wieso sollte ich dir glauben?«, fragte sie und musterte mich von oben bis unten, als wolle sie sichergehen, dass ich keine Waffe dabei hatte. Das brachte meine Stimme augenblicklich wieder zurück.

»Sehe ich wirklich aus wie ein Verbrecher, der Nagelteppiche auf einsamen Straßen verteilt und Unschuldige ausraubt?«

Stille.

Rotschopf zog eine Braue hoch. Zögernd sah ich an mir hinunter. Zerrissene Jeans, eine viel zu weite Jacke und Turnschuhe, deren Sohlen nur noch an ein paar wenigen Fäden hingen, waren das Bild, das sich mir bot. Ich verzog das Gesicht.

»Okay, vielleicht war das kein gutes Argument. Ich gebe ja zu, dass meine letzte Dusche schon ein paar Tage zurückliegt, aber–«

»Ein paar Tage? Wohl eher ein paar Wochen«, murmelte sie und rümpfte bei meinem Anblick die Nase. Ich ignorierte ihren Kommentar.

»Ich bin kein Krimineller, okay?«, beendete ich schließlich, was ich eigentlich hatte sagen wollen. Rotschopf legte den Kopf schräg und warf mir einen ungläubigen Blick zu. Ich seufzte. »Na schön, zumindest kein Schwerverbrecher«, korrigierte ich mich. »Ein paar gestohlene Energydrinks hier und da, aber das war’s dann auch schon. Leute ausrauben ist nicht wirklich mein Ding. Und selbst wenn ich wirklich Autos auf dieser Straße hätte ausrauben wollen, dann bestimmt nicht die alte Blechdose hier.« Mit dem Kopf wies ich auf den VW-Bus, für den die Bezeichnung Blechdose fast ein Kompliment darstellte. Schrott auf vier Rädern hätte es viel eher getroffen – daran konnte selbst das farbige Graffiti an der Seite nichts ändern. Es war ein Wunder, dass der Wagen mit seinem verrosteten Auspuff und den liebevoll mit Kreppband reparierten Seitenspiegeln überhaupt bis hierhergekommen war.

Rotschopf sah mich an, als würde sie mich in Gedanken gerade bei lebendigem Leibe ausweiden. »Also gut«, sagte sie. »Wenn du nicht hier bist, um mich auszurauben – was willst du dann?«

Mit einer dramatischen Geste streckte ich den Daumen nach oben. »Autostopp«, erklärte ich.

»Ach«, kam es von ihr, als würde sie mir kein Wort glauben. Für einen Moment herrschte Stille zwischen uns. Rotschopf kniete sich nieder und betrachtete den Platten mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck. Nach einer Weile erhob sie sich wieder und drehte sich zu mir um.

»Bist du immer noch da? Ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist, aber wir haben nicht angehalten, um dich mitzunehmen. Also mach endlich die Düse.«

Ich verdrehte die Augen. Das Wort »Freundlichkeit« schien in ihrem Wortschatz offensichtlich nicht zu existieren. Rotschopf kniete sich erneut auf den mit Pfützen übersäten Boden nieder, betrachtete den Platten und kratzte sich leise fluchend am Hinterkopf. Ich fragte mich plötzlich, ob sie alleine mit dem Bus hier draußen war. Sie sah nicht so aus, als würde sie bereits einen Führerschein besitzen.

»Brauchst du Hilfe?«, fragte ich, nachdem ich sie eine Weile lang beobachtet hatte.

»Sehe ich etwa so aus?«

»Na ja, ich dachte nur, dass ich dir vielleicht ein wenig zur Hand gehen könnte. Aber wenn ich dir so zusehe, wird mir natürlich sofort klar, dass meine Hilfe völlig überflüssig wäre. Immerhin scheine ich eine echte Profimechanikerin vor mir zu haben«, spottete ich.

Rotschopf schnaubte laut. »Halt doch die Klappe«, knurrte sie. »Als ob ausgerechnet du dich mit solchen Dingen auskennen würdest.«

»Eigentlich«, sagte ich, »tu ich das tatsächlich. Ich will ja nicht angeben, aber ich habe den ganzen letzten Sommer in einer Autowerkstatt ausgeholfen. Ich bin bestimmt kein Profi, aber ... Einen Reifenwechsel sollte ich hinkriegen.«

Noch bevor sie darauf eine Antwort geben konnte, bemerkte ich, wie sich eine weitere Gestalt in mein Sichtfeld schob. Es war ein Junge in Jeans und einem einfachen Pullover, nicht viel älter als elf oder zwölf, mit nachtschwarzen Haaren und einem blassen, aber freundlich wirkenden Gesicht. Was mir sofort auffiel, waren seine Augen. Nicht nur, weil sie von einem außergewöhnlichen Türkisblau waren, nein, sondern vor allem, weil ich das Gefühl hatte, nicht zum ersten Mal in meinem Leben in diese Augen geblickt zu haben.

»Alles in Ordnung?«, fragte der Junge. Im Gegensatz zu Rotschopf, die sich schnell zu ihm umdrehte, war seine Stimme ruhig und angenehm.

»Verdammt, Nils! Was machst du hier? Ich hab doch gesagt, ihr sollt drinnen bleiben!«

Nils zuckte, beinahe entschuldigend, mit den Achseln. »Ich hab gesehen, dass du mit jemandem redest und da dachte ich, ich schau mal nach.« Seine Augen fixierten mich. »Wer ist das?«

»Irgendein Landstreicher«, gab Rotschopf zur Antwort. »Am besten ignorierst du ihn einfach.«

Nils hob überrascht die Brauen. »Landstreicher?«

»Ich würde mich eher als aufstrebenden Straßenmusiker bezeichnen«, erwiderte ich und verzog die Lippen zu einem notgedrungenen Lächeln. Nils wies mit dem Kinn auf meinen Gitarrenkasten, den ich immer noch am Rücken trug.

»Deine?«

»Jupp«, nickte ich.

»Cool«, sagte Nils und ein bewundernswertes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Ich wollte schon immer mal Gitarre spielen lernen.« Er streckte mir die Hand entgegen. »Ich bin Nils.«

»Marc«, stellte ich mich vor. Als ich seine Hand ergriff, bemerkte ich, dass sie im Gegensatz zu meiner völlig trocken war. Allgemein sah es nicht so aus, als würde der Regen Nils viel ausmachen, denn anders als Rotschopf und ich war er kein Stück nass – fast so, als würde das Wasser einen unsichtbaren Bogen um ihn machen. »Das ist meine Schwester Mirjam«, wandte sich Nils an Rotschopf, die unsere Begrüßung mit finsterem Blick beobachtet hatte. Ich versuchte, mir nicht ansehen zu lassen, wie überrascht ich von der Tatsache war, dass die beiden tatsächlich Geschwister waren. Ähnlich sahen sie sich nämlich ganz und gar nicht: Mirjam mit ihren roten Haaren und dem Gesicht voller Sommersprossen und Nils mit seiner blassen Haut und diesen seltsamen Augen. Vom Charakter mal ganz zu schweigen.

Ohne weiter darauf einzugehen, wandte sich Nils seiner Schwester zu, die den Reifen schon seit gefühlten fünf Minuten mit übertriebener Genauigkeit musterte. »Ein Platten?«

»Scheint so«, gab diese zur Antwort.

»Weißt du, wie man so ein Ding auswechselt?«

»Ich werd’s schon irgendwie herausfinden«, murmelte Mirjam, auch wenn sie nicht gerade hoffnungsvoll klang.

»Oder ich übernehme die Arbeit und ihr seid in einer Viertelstunde wieder weg hier«, schlug ich vor. »Aber du kannst natürlich auch gerne noch länger hier in der Kälte rumsitzen, wenn dir das lieber ist.«

Nils fuhr herum und sah mich erwartungsvoll an. »Du weißt, wie man so was macht? Denkst du, du kriegst das hin?«

»Logo«, gab ich zur Antwort. »Sobald ihr mir sagt, wo ihr den Ersatzreifen und das Werkzeug aufbewahrt, kann ich loslegen.«

Mirjam schnaubte. »Dann mach eben, was du nicht lassen kannst«, grummelte sie.

 

* * *

 

Der Reifen befand sich in einer runden Box oberhalb der Stoßstange auf der vorderen Seite des Busses. Während ich das Rad wechselte – was im strömenden Regen schon echt eine Leistung war –, wurde jede meiner Bewegungen genaustens von den beiden Geschwistern registriert. Mirjam beobachtete mich mit verschränkten Armen und gerunzelter Stirn, während Nils neugierige Fragen zu jedem meiner Schritte stellte.

Nach etwas weniger als zwanzig Minuten hatte ich es schließlich geschafft. Ich kam wieder auf die Beine und streckte meine verkrampften Gliedmaßen. Mit einem breiten Grinsen drehte ich mich zu den Geschwistern um.

»Meine Damen und Herren, ich präsentiere Ihnen: ein perfekt ausgewechselter Reifen«, sagte ich und wies mit einer übertrieben dramatischen Geste auf den neuen Reifen des Wagens. Mirjam war sichtlich unbeeindruckt von meiner Arbeit.

»Und du bist dir sicher, dass du alles richtig gemacht hast?«

Ich nickte selbstsicher. »Mit dem Ding solltet ihr für die nächsten tausend Kilometer bestens ausgerüstet sein«, sagte ich, auch wenn ich ehrlich gesagt keine Ahnung hatte, ob der spröde alte Reifen wirklich so lange hinhalten würde. Aber das musste ich Mirjam ja nicht unbedingt unter die Nase reiben.

Sie selbst stieß nur ein herablassendes »Hmpf« aus und wirkte beinahe skeptischer als noch vor wenigen Minuten. Für sie war wohl alles, was man tat, prinzipiell erst einmal schlecht.

»Nichts zu danken, übrigens«, sagte ich und gab mir nicht einmal Mühe, den sarkastischen Unterton in meiner Stimme zu verbergen. Mirjam hatte immer noch nichts zu sagen, aber Nils strahlte mich euphorisch an, als wolle er mir gleich um den Hals fallen.

»Danke, Marc«, sagte er und seine türkisfarbenen Augen funkelten. »Ohne deine Hilfe hätten wir noch bis Weihnachten hier festgesessen.« Er grinste. Mirjam sagte nichts, sondern durchbohrte mich lediglich mit einem weiteren Todesblick. Der Regen hatte etwas nachgelassen und obwohl Mirjam von oben bis unten durchnässt war, sah Nils immer noch aus, als hätte er keinen einzigen Tropfen Wasser abbekommen.

»Tja, dann ...«, setzte ich schließlich an und fuhr mir etwas unschlüssig durch die Haare, die nass an meinem Kopf klebten. »Ich geh dann mal weiter. War, ähm… interessant, euch kennenzulernen.«

»Du gehst schon?«, fragte Nils und über sein Gesicht huschte ein Anflug von Enttäuschung. »In dem Regen? Bist du sicher? Du könntest doch auch mit uns ein Stück weiterfahren«, schlug er spontan vor. Er drehte sich zu Mirjam um. »Das kann er doch, oder?«

Ich wurde von einem weiteren mörderischen Blick Mirjams getroffen. Ich verzog das Gesicht. So mussten sich wohl Medusas Opfer gefühlt haben, bevor sie zu Stein erstarrt waren.

»Kommt nicht infrage«, sagte sie, kurz und knapp, ohne dabei die Augen von mir abzuwenden. »Lieber laufe ich, als mit diesem Trottel im selben Fahrzeug zu sitzen. Und außerdem«, fügte sie an, »ist es sowieso viel zu gefährlich.«

»Was?« Entgeistert sah Nils seine Schwester an. »Aber er hat den Reifen für uns gewechselt!«

»Ja – damit er von uns mitgenommen wird«, entgegnete sie schnippisch. »Das war seine einzige Absicht, von Anfang an. Nach allem, was wir über ihn wissen, könnte er genauso gut ein psychopathischer Serienkiller sein.«

Ihr Bruder stieß einen genervten Seufzer aus. »Und wenn schon! Wir können ihn nicht einfach hier stehen lassen! Ich finde, wir könnten ihn mindestens bis zur nächsten Stadt mitnehmen«, protestierte er mit sturer Entschlossenheit. Er hielt inne und sah zu mir hinüber, als frage er sich, ob er die nächsten Worte in meiner Gegenwart äußern sollte. Dann senkte er seine Stimme. »Er hat uns vermutlich gerade das Leben gerettet«, flüsterte er – immer noch laut genug, dass ich es hören konnte, aber dennoch so leise, dass ich mir nicht sicher war, ob ich mich vielleicht nicht doch verhört hatte. Das Leben gerettet? Das war dann doch etwas melodramatisch. Ich wollte gerade anmerken, dass ein Reifenwechsel wohl kaum der Rede wert war, als ich auf einmal erstarrte. Mirjam war verstummt und zum ersten Mal seit unserer Begegnung konnte ich einen neuen, unerwarteten Ausdruck auf ihrem Gesicht erkennen.

Es war Angst.

Sie atmete tief durch. »Also gut. Aber nur bis zur nächsten Stadt, verstanden?«

Ich stand da, total perplex, und fragte mich, was um alles in der Welt so plötzlich ihre Meinung geändert hatte. Ihr Blick wanderte zum Wald hinter uns und für einen Moment hatte ich das Gefühl, sie würde zusammenzucken. Ich sah über meine Schulter zurück, aber hinter mir war nichts als eine scheinbar undurchdringbare Wand aus dunklen Bäumen und dichten Büschen.

Wortlos drehte Mirjam mir den Rücken zu und öffnete die Tür des Busses auf der Fahrerseite, nur um kurz darauf im Inneren zu verschwinden. Nils schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln.

»Sorry dafür. Miri ist manchmal ein wenig paranoid. Ich glaub auf jeden Fall nicht, dass du ein psychopathischer Serienkiller bist.«

»Und was, wenn doch?«, fragte ich und grinste.

»Ach, da mach ich mir keine Sorgen«, gab Nils zurück. »Miri würde dir wahrscheinlich den Kopf umdrehen, bevor du uns auch nur einen Finger krümmen könntest.«

Ich lächelte gezwungen. Ich hatte definitiv keine Zweifel daran, dass sie das wirklich tun würde.

Nils öffnete die Hintertür des Wagens. »Du kannst deine Sachen hier reinlegen«, sagte er. Der Innenraum war größer, als er von außen wirkte, und der ganze Boden war mit Matratzen und Kissen überdeckt. Im ganzen Raum waren Klamotten, Lebensmittel, Comichefte und kratzige Wolldecken zerstreut, fast so, als hätte jemand sein ganzes Hab und Gut in einem schnellen Moment einfach hineingeworfen.

Ich stellte meine Sporttasche ab, ließ meinen Gitarrenkasten von den Schultern gleiten – das Ding war im Regen gefühlte zwanzig Kilogramm schwerer geworden – und folgte Nils dann nach vorne. Als ich die Tür öffnete, hielt ich überrascht inne. Auf dem Beifahrersitz saß noch ein weiterer Junge. Er trug einen viel zu großen Kapuzenpullover und starrte auf das Display eines alten Gameboys, ohne mich auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen.

»Das ist Leon«, erklärte Nils. »Mein Zwillingsbruder.«

Der Junge sah auf. Auf den ersten Blick sah er Nils tatsächlich verblüffend ähnlich: dieselben nachtschwarzen Haare, derselbe blasse Hautton und dieselben türkisfarbenen Augen. Im Gegensatz zu denen seines Bruders waren Leons Haare jedoch wild und standen in alle Richtungen ab.

Es dauerte nur wenige Sekunden, bevor Leon seinen Blick abwandte und wieder auf das Display seines Gameboys starrte, ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben. Ihn schien weder zu interessieren, wer ich genau war, noch, was ich eigentlich hier zu suchen hatte. Er brauchte auch gar nicht zu fragen, denn Nils begann bereits – kaum war er in den Wagen gehüpft –, die Ereignisse der letzten halben Stunde in allen Details wiederzugeben.

Ich kletterte in den Bus und lehnte mich im Sitzpolster zurück, während ich das Gefühl von Wärme genoss, das sich im Wagen breitgemacht hatte. Sprungfedern und Schaumstoff ragten aus den Polstern und das Armaturenbrett sah aus, als wäre es seit einem halben Jahrhundert nicht mehr geputzt worden. Die Hälfte der Knöpfe war kaputt und beim Tacho fehlte sogar der Zeiger. Trotzdem fühlte ich mich augenblicklich wohl hier. Man konnte sitzen und war im Trockenen – das war mehr Luxus, als ich in den letzten Monaten gehabt hatte.

»Was ist mit euren Eltern?«, fragte ich, als ich bemerkte, dass der Wagen bis auf uns vier leer war.

»Weg«, antwortete Mirjam, die am Steuer saß. Sie drehte den Zündschlüssel und schob den Schalthebel mit einem lauten Ruck in den richtigen Gang. Der Motor heulte laut auf, als Mirjam die Kupplung springen ließ und der Wagen sich nach vorne bewegte.

»Sag mal, hast du überhaupt einen Führerschein?«, rutschte es aus mir heraus.

Ein weiterer eiskalter Blick traf mich. »Beklagst du dich etwa? Sei froh, dass wir dich überhaupt mitnehmen.«

Ich schluckte und beschloss, dass es wohl für den Rest der Fahrt besser war, keine Fragen mehr zu stellen.

 

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