Kapitel 1

Jennifer

 

Ich saß im Schneidersitz und beobachtete, wie das Eis über den Boden des Zimmers kroch. Unter meiner Haut glühten blaue Symbole, die sich wie ein gigantisches Tattoo über meinen Körper erstreckten. Ihr sanftes Leuchten vermischte sich mit den schmalen Lichtstreifen, welche durch die halb offenen Rollläden in den Raum fielen. Dort, wo das Licht auf der dünnen Eisschicht brach, glitzerte das Parkett wie tausend winzige Diamanten.

Der Anblick war jedes Mal atemberaubend. Dennoch durfte ich mich nicht vom Farbenspiel am Boden ablenken lassen. Ich riss meinen Blick vom Eis los und wandte mich dem Notizbuch zu, das ich auf meinem Schoss aufgeschlagen hatte. Mit einer Hand schnappte ich mir den Zollstock, mit der anderen drückte ich auf den Clip meines Kugelschreibers. Schnell klappte ich den Zollstock auf, bis ich mit seiner Spitze den Rand des Eisfeldes berührt hatte, das vom Mittelpunkt meines Körpers ausging.

»38 Zentimeter«, sagte ich zu mir selbst und schrieb die Zahl ins Notizbuch unter die 36 Zentimeter von gestern. Die Kälte sorgte dafür, dass kaum noch Tinte aus dem Kugelschreiber kam und meine Schrift neben den anderen Resultaten fast gänzlich verblasste. Dennoch wusste ich, dass ich soeben einen neuen Rekord aufgestellt hatte. Seit ich mit dem Training begonnen hatte, wurden meine Kräfte mit jedem Tag stärker. Mächtiger. Unkontrollierbarer.

Der Gedanke ließ meinen Puls in die Höhe schnellen und verstärkte die Kälte, die wie eine Welle aus Eiswasser durch meinen Körper flutete. Panisch beobachtete ich, wie sich die Eisschicht auf dem Boden weiter ausdehnte. Sie kroch über die Wandsockel nach oben und fraß sich in die Ritzen des alten Holzes. Mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken beobachtete ich die physikalischen Prozesse, die durch den Einsatz meiner Kräfte ausgelöst worden waren. Nebel waberte durch das Zimmer, weil durch das plötzliche Absinken der Temperaturen nicht mehr so viel Feuchtigkeit in der Luft gelöst war. Die Wände knarzten durch das Zusammenziehen. Die Blumenvase auf dem Sims bekam Risse und drohte auseinanderzubrechen, während das Eis langsam durch das offene Fenster nach draußen kroch.

Instinktiv wandte ich meinen Blick dem digitalen Thermometer zu, das über meinem Bett hing, und erstarrte. Minus 5 Grad – und die Temperatur sank im Sekundentakt weiter.

Etwas Kaltes fiel von oben auf mein Gesicht. Ich legte den Kopf in den Nacken und sah zur Decke. Durch das matte Licht im Zimmer dauerte es ein paar Sekunden, bis ich realisierte, woher das Funkeln in der Luft kam. Das waren Schneeflocken – winzig kleine Schneeflocken, die in der Luft tanzten und langsam zu Boden fielen.

Vorsichtig streckte ich die Hand aus und spürte, wie das gefrorene Wasser auf meiner Haut landete. Ich wartete, doch es schmolz nicht, wie es die Natur eigentlich verlangte. Stattdessen behielten die Schneeflocken ihre Form und verharrten regungslos in meiner Handfläche. Ich hielt den Atem an. Fasziniert betrachtete ich die Gebilde aus Schnee und Eis und konnte zum ersten Mal in meinem Leben die feinen Muster erkennen, die diese Kristalle so einzigartig machten. Es kribbelte in meinen Fingerspitzen.

Wo vorhin noch Chaos gewesen war, veränderte sich der Wirrwarr in meinem Inneren nun in etwas Beständiges, etwas, das weit über wissenschaftliche Neugier hinausging. Mein Herz raste immer noch, aber nun aus Freude und Aufregung. Das, was sich im Inneren des Zimmers gerade abspielte, widersprach jeglicher Vernunft, jeglichen Regeln, die diese Welt im Inneren zusammenhielten. Es war erschreckend falsch – und dennoch wohnte ihm eine Schönheit inne, der ich mich nicht entziehen konnte.

Als würden meine Fähigkeiten auf meinen Gefühlswandel reagieren, zog sich das Eis, das beinahe schon die Decke berührt hatte, allmählich zurück. Der Nebel wurde dünner und die Schneeflocken verwandelten sich in feine Regentropfen, die zu Boden prasselten. Ich atmete durch. Das Flackern meiner Symbole wurde schwächer, bis es irgendwann zusammen mit dem Rest der Eisschicht verschwand.

Mit zitternden Fingern klappte ich das Notizbuch auf. Erneuter Kontrollverlust, schrieb ich als Fazit unter das heutige Datum. Es reihte sich wunderbar in die lange Liste der Resultate, die allesamt fast ausnahmslos das Wort Kontrollverlust in sich trugen. Bei ihrem Anblick spürte ich eine seltsame Leere in mir drin.

Magie. So nannte sich die unerklärliche Macht in meinem Inneren, die ich seit Wochen zu bändigen versuchte. Sie war älter als die meisten Zivilisationen und durchflutete jedes Lebewesen auf der Erde, wenn auch nicht zu gleichen Teilen. Die Epic waren wohl die erste Kultur gewesen, die sich die Magie zunutze gemacht hatte. So zumindest stand es in den Büchern, die Direktor Charlestons Vorfahren in der unterirdischen Bibliothek gesammelt hatten.

Wie viel von all dem tatsächlich der Wahrheit entsprach, wusste ich nicht. Es spielte auch keine Rolle, brachte es mich doch in meinen Nachforschungen keinen Schritt weiter. Ich fand einfach keine Möglichkeit, die Kälte der Magie in meinem Inneren zu bändigen. Aber das bedeutete nicht, dass es keine gab. Jeder großen Entdeckung der Menschheit waren unzählige ergebnislose Experimente und gescheiterte Versuche vorausgegangen. Ich musste nur dranbleiben.

Ich war so vertieft in meine Gedanken, dass ich gar nicht bemerkte, dass sich die Tür zum Zimmer öffnete. Erst, als jemand meinen Namen rief, zuckte ich zusammen und hätte beinahe das Notizbuch fallen gelassen.

Meine Mitbewohnerin Caroline stand am anderen Ende des Raumes und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Einige ihrer braunen Stirnfransen, die sie mit einem Bandana zurückhielt, hingen ihr in Strähnen ins Gesicht und umrahmten ihre Augen.

»Was machst du da?«, wollte sie wissen und zog dabei skeptisch die Brauen hoch. Schnell klappte ich mein Notizbuch zu und erhob mich.

»Nichts«, antwortete ich wahrheitsgetreu.

Caroline setzte zu einem weiteren Kommentar an, hielt dann jedoch inne und rieb sich fröstelnd die Arme. »Mann, Jennifer. Hast du schon wieder das Fenster offengelassen? Hier drin sind es mindestens minus dreitausend Grad.«

»Tut mir leid«, entschuldigte ich mich und eilte rasch zum Fenster hinüber, um es zu schließen. Ich hatte es mit Absicht offengelassen, bevor ich mein Training begonnen hatte. Wie sonst hätte ich Caroline die Kälte im Zimmer erklären können? »Ich wollte nur ein wenig frische Luft hereinlassen«, fügte ich an.

Caroline nahm ein Fläschchen Make-Up-Entferner von ihrem Nachttisch und drehte es auf den Kopf. Die Flüssigkeit im Inneren verharrte an Ort und Stelle.

»Frische Luft«, wiederholte sie trocken. »Ist klar.«

»Okay, okay. Vielleicht hab ich mich ein wenig in Gedanken verloren.«

Kopfschüttelnd warf Caroline das Fläschchen hinter sich aufs Bett, wo es achtlos auf der Matratze liegen bleib. »Ich verstehe nicht, wie du diese Kälte immer aushältst.«

»Ich bin eben ein Wintermensch«, versuchte ich mich an einer, zugegeben wenig überzeugenden, Ausrede.

»Du schläfst bei fünf Grad Außentemperatur und einer kaputten Heizung in deiner Unterwäsche«, bemerkte Caroline. »Nur in deiner Unterwäsche.«

Sie hatte recht. Das war ein weiterer, höchst seltsamer Effekt, den ich seit Beginn des Trainings bemerkt hatte: Ich hatte eine Art Immunität gegen Kälte entwickelt. Zumindest konnte ich sie nicht mehr genauso wahrnehmen, wie ich es zuvor noch getan hatte, und ich war mir nach wie vor nicht sicher, ob das etwas Gutes war.

Weil ich Caroline sowieso keine zufriedenstellende Antwort liefern konnte, zuckte ich lediglich mit den Schultern. »Das sind vermutlich bloß die Hormone.«

Meine Mitbewohnerin zog eine ihrer markanten Augenbrauen in die Höhe. »Ich verstehe ja nicht viel von Biologie, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Hormone dich nicht in den Yeti verwandeln sollten.«

»Ich kann dich beruhigen: Der übermäßige Haarwuchs lässt bis jetzt noch auf sich warten.«

Caroline hatte einen ganz bestimmten Gesichtsausdruck, den sie immer aufsetzte, wenn ich einen besonders schlechten Witz gerissen hatte – eine Mischung aus Fremdscham und Mitleid – und der war nun deutlich in ihrer Mimik zu lesen. Ich war froh, dass sie nicht weiter nachfragte. Stattdessen beendete sie die Diskussion mit einem leisen Seufzer und ließ ihren Blick prüfend durchs Zimmer schweifen.

»Du hast nicht zufälligerweise meine weiß-schwarz gepunktete Leggins irgendwo gesehen?«

Ich überlegte kurz und öffnete dann die Schranktür, um das gewünschte Kleidungsstück herauszunehmen. »Sie ist versehentlich auf meiner Seite gelandet«, erklärte ich entschuldigend und streckte meiner Mitbewohnerin die Leggins hin. Anfangs hatten wir den Platz im Schrank noch strikt getrennt, aber seit ein paar Wochen waren die Grenzen der unsichtbaren Schranke allmählich verschwommen.

Dankend nahm Caroline die Hose entgegen und stopfte sie in die Reisetasche, die auf ihrem Bett stand. Sie war so voll, dass meine Mitbewohnerin sie vermutlich locker auf eine Weltreise hätte mitnehmen können. Dabei dauerten die Weihnachtsferien gerade mal zwei Wochen.

»Oh, das hätte ich ja fast vergessen.« Caroline huschte zu ihrem Nachttisch, öffnete die oberste Schublade und zog ein Päckchen hervor, das sie mir feierlich überreichte. »Frohe Weihnachten, Jennifer.«

Erstaunt nahm ich das Päckchen entgegen. »Aber, Caroline … Ich habe gar nichts für dich«, stammelte ich beschämt.

»Es ist nur etwas Kleines«, winkte Caroline unbeirrt ab und sah mich erwartungsvoll an. »Jetzt mach es schon auf.«

Zögerlich zupfte ich an der pinken Schleife, die um das Paket gewickelt war, und zog die Klebelaschen weg. Als ich das Papier entfernt hatte, öffnete ich den Deckel des Geschenks. Im Inneren lag eine silbern glänzende Halskette auf einem feinen Samtkissen. Ihr Anhänger war ein fein verziertes Amulett, das im Licht, das durch die Fenster fiel, hell in allen Farben des Regenbogens funkelte. Ich schnappte nach Luft.

»Und?«, fragte Caroline ungeduldig. »Wie findest du sie?«

Ich löste meinen Blick vom hypnotisierenden Farbenspiel der Halskette. »Sie ist wunderschön«, hauchte ich.

Ein Ausdruck von Erleichterung huschte über Carolines Gesicht. »Die Kette ist irgendein Schutzamulett oder so was. Ich dachte mir schon, dass sie dir gefallen würde. Du interessierst dich ja für so paranormalen Kram.«

Ich spürte, wie meine Ohren heiß wurden. Seit ich herausgefunden hatte, dass das Monster von Loch Ness mehr als ein altes Schauermärchen war, hatte ich begonnen, mich in den Bereich des Übernatürlichen einzulesen. Früher hatte ich solche Dinge stets als schwachsinnigen Unsinn abgestempelt, doch seit ich selbst unerklärliche Kräfte entwickelt hatte, konnte ich nicht mehr leugnen, dass mehr da draußen existierte, als ich je für möglich gehalten hätte. Inzwischen wusste ich, dass es zwei Arten des Übernatürlichen gab: der große Teil, der nur Schwachsinn war, und der unscheinbar winzige Teil, der tatsächlich der Wahrheit entsprach. Nur war es nicht immer ganz einfach, die beiden auseinanderzuhalten.

»Ich habe das Ding in einem Krims-Krams-Laden in Inverness gekauft«, erklärte Caroline, die meine Stille wohl als Unverständnis interpretierte. »Die Alte dort hat behauptet, dass es mit mystischer Energie aufgeladen sei. Oder so was in der Art.«

Ich berührte den Anhänger ehrfürchtig. »Danke«, war alles, was ich hervorbrachte. »Ich … ich weiß ehrlich nicht, was ich sagen soll.«

Caroline verzog die Mundwinkel zu einem Lächeln, das mehr Besorgnis aussprach als Freude. »Bist du sicher, dass du die Ferien hier verbringen willst?«, fragte sie schließlich. »Du weißt, dass meine Mom nichts dagegen hätte, wenn du mit uns Weihnachten feierst. Unser Haus ist groß genug.«

»Danke, aber … Ich will niemandem zur Last fallen. Außerdem«, fügte ich schnell an, bevor Caroline protestieren konnte, »habe ich noch eine Menge vorzubereiten fürs neue Semester. Wenn ich das Stipendium nächstes Jahr wiedererhalten will, muss ich einen perfekten Schnitt haben, also –«

»Und deine Familie? Willst du sie nicht wiedersehen?«

Ich zwang mich zu einem müden Lächeln, auch wenn sich Carolines Worte wie Pfeile in meiner Brust anfühlten. »Du etwa?«, versuchte ich, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Die Schachtel mit dem Anhänger ließ ich sinken.

»Keine Ahnung«, antwortete meine Mitbewohnerin. »Die meisten meiner Verwandten sind eingebildete Snobs. Tante Margery erzählt jedes Weihnachten wieder davon, wie ihr armer Fiffy im Swimmingpool in ihrem Garten ertrunken ist. Dabei war der schon tot, bevor ich überhaupt geboren wurde.« Sie verdrehte die Augen. »Aber ich schätze, ich freu mich auf Mom und Dad. Auch wenn ich mir von denen sicher wieder stundenlang anhören muss, dass ich mich doch endlich fürs Jura-Studium einschreiben solle. Na ja, wohl immer noch besser, als Heilig Abend mit dem Charleston verbringen zu müssen. Ich beneide dich echt nicht, Jenn.«

»Keine Sorge. Tarik wird ja auch da sein. Es wird halb so schlimm.« Dabei verschwieg ich, dass mir die Entscheidung, hierzubleiben, alles andere als leichtgefallen war. Ich wollte meine Familie wiedersehen – mehr als alles andere. Nur wusste ich leider auch, dass dieser Wunsch nicht auf Gegenseitigkeit beruhte.

»Wenn du das sagst.« Caroline wirkte nicht überzeugt, stocherte jedoch nicht weiter in der offenen Wunde herum. Stattdessen beugte sie sich nach vorne und zog mich in eine sanfte Umarmung. »Schöne Ferien, Jenn. Und frohe Weihnachten.«

»Frohe Weihnachten«, wiederholte ich, als Caroline sich auch schon wieder von mir löste. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und hielt ihre Tasche fest.

Auf der Schwelle blieb sie nochmals stehen und drehte sich zu mir um. »Lass dich nicht unterkriegen, ja?«

»Geht klar.«

»Ach, und Jenn?«

»Ja?«

»Hab dich lieb«, sagte Caroline, als sie die Tür hinter sich zuzog und im Flur verschwand.

Kapitel 2

Ava

 

Das Licht meines Handys warf dunkle Schatten an die Wände, als ich die Treppenstufen zum geheimen Kellergeschoss vom Amberwood College hinabstieg. Ich konnte hören, wie mein Herz in meiner Brust schlug, doch das hatte nichts mit der Anstrengung oder der Finsternis im Treppenhaus zu tun. Vielmehr war ich aufgeregt – wie jedes Mal, wenn ich hierherkam. Es war die schöne Art von Aufgeregt-Sein, nicht die mit den Schweißausbrüchen und der Schnappatmung, sondern die mit dem Kribbeln im Bauch.

Vermutlich sprach es nicht gerade für meinen geistigen Zustand, dass ich mich jeden Tag darauf freute, mich in eine antike, verstaubte Ruine unter meiner Schule zurückzuziehen. Dabei fühlte ich mich in Wahrheit seit Oktober so gut wie schon lange nicht mehr. Nach Lucys Verschwinden hatte sich eine Leere in meinem Inneren ausgebreitet, von der ich geglaubt hatte, dass ich sie nie wieder füllen konnte. Doch dann waren Jenn und Rowan in mein Leben getreten – oder wohl eher hineingeschubst worden – und ich hatte realisiert, dass ich nicht mehr allein war. Seit den Ereignissen am Ufer von Urquhart Castle hatte ich in Jennifer und Rowan tatsächlich so etwas wie Freunde gefunden, ohne zu wissen, dass ich überhaupt nach den beiden gesucht hatte. Sie gaben mir das Gefühl, genug zu sein. Mich nicht mehr vor der Welt verstecken zu müssen. Wenn wir gemeinsam Filme schauten und Jenn und Rowan sich danach noch stundenlang über die Handlung stritten, war ich glücklich. Zum ersten Mal nach langer Zeit.

Ich blieb vor der grauen Betonwand am Ende der Treppe stehen. Früher war hier ein Durchgang gewesen, der in den Raum auf der anderen Seite geführt hatte. Seit wir das Covojo – also das Monster, das hier unten gelebt hatte – vernichtet hatten, hatte Rektor Charleston die einstige Monsterquelle verschließen lassen. Obwohl wir ihm versichert hatten, dass der Fluch von Amberwood nicht zurückkehren würde, machte er sich trotzdem jedes Mal in die Hose, wenn wir das Covojo auch nur erwähnten.

Für mich spielte es keine Rolle, ob die Quelle versiegelt war oder nicht. Es hatte manchmal durchaus seine Vorteile, über irrsinnige magische Kräfte zu verfügen. Türen zum Beispiel stellten schon lange kein Hindernis mehr für mich dar – von Wänden ganz zu schweigen. 

Ich legte meine flache Hand gegen die kalte Betonmauer und wartete. Inzwischen musste ich mich nicht einmal groß anstrengen, um meine Kräfte heraufzubeschwören. Es fühlte sich mehr wie ein Wasserhahn an, den ich aufdrehen musste. Ich spürte das Kribbeln, das in meinen Fingerspitzen begann und sich dann langsam über meinen Körper erstreckte. Unter meiner Haut begannen die Muster und Formen grün zu leuchten – das Zeichen, dass meine Magie aktiv war. Das Licht breitete sich erst über meine Haut aus, bevor es über meine Fingerspitzen in die Risse im Beton sickerte. Nach nur wenigen Sekunden hatte sich ein leuchtendes Netz über die Wand gespannt, das so hell war, dass ich das Licht meines Handys gar nicht mehr benötigt hätte. Ich spannte meinen Körper kurz an und wenige Sekunden später war die Wand zerfallen und bröselte als feiner Staub zu Boden. 

Das Zerstören war jeweils der leichte Teil. Der Wiederaufbau beim Zurückkehren? Das war schon mühsamer.

Keuchend zog ich meine Hand zurück und rieb sie an meinem Oberschenkel trocken. Obwohl es mir ohne Mühe gelang, meine Kräfte hervorzurufen, laugten sie mich immer noch aus, wenn ich sie verwendete. Vor allem das Zurückdrängen war schwierig. Ohne die glühenden Tattoos auf meinen Armen fühlte ich mich nur halb so stark wie mit ihnen.

Ich durchschritt den Durchgang und betrachtete den Raum dahinter. Die Mauern waren bröckelig und alt und der Boden von Kratzern und dunklen Flecken bedeckt. Mir wurde übel, wenn ich daran dachte, woher diese Spuren kamen. Sie mussten von den unzähligen Jugendlichen stammen, die Rektor Charlestons Familie über die Jahrhunderte dem Covojo geopfert hatte.

Gott, wie ich diesen Typen und seine Verwandten hasste.

Ich zwang mich, nicht weiter darüber nachzudenken und drehte den Kopf in Richtung der eingestürzten Mauer auf meiner rechten Seite. Dahinter erkannte ich die Umrisse der unterirdischen Bibliothek. Die Charlestons hatten sie auf den Grundrissen eines antiken Tempels erbaut – ein Tempel jenes verschollenen Magiervolks, das sich die Epic nannte. Es war ihre Magie, die in meinen Adern floss. Ich war eine der letzten Nachfahren der Epic, die seit Jahrtausenden in einem magischen Gefängnis eingesperrt und von der Welt ferngehalten wurden.

Wenn man denn den Worten des Monsters von Loch Ness glauben wollte. Aber wer würde Nessie schon hinterfragen?

Die Kämpferin, die Nial und Matt getötet hatte, war jedenfalls derselben Meinung gewesen. Und wie es schien, hatten meine Vorfahren so viel Mist gebaut, dass möglicherweise bald noch mehr übernatürliche Kreaturen hinter mir her sein würden.

Ganz großes Kino also.

Kopfschüttelnd riss ich meinen Blick von der Bibliothek weg und versuchte, jene aufmunternden Gedanken zu verdrängen. Ich hatte Rowan und Jenn nicht erzählt, was das Covojo mir erzählt hatte. Dass ich ihnen diese verheerenden Fähigkeiten gegeben hatte. Dass ich an jenem verhängnisvollen Tag im Wald etwas so Schreckliches getan hatte, dass ich es nicht einmal in Worte fassen konnte. Vielleicht, weil ich verhindern wollte, dass diejenigen, die hinter mir her waren, auch sie angreifen würden. Vielleicht aber auch, weil ich mich davor fürchtete, mich der Wahrheit zu stellen. Ich hatte jemanden mit meinen Kräften aufgelöst. Es war Notwehr gewesen. Doch das änderte nichts daran, dass ich mit meiner Magie ein Leben ausgelöscht hatte.

Seufzend zog ich meinen iPod aus der Tasche und ging am Durchgang zum Auditorium vorbei. Stattdessen setzte ich mich auf den Boden der ehemaligen Monsterquelle und steckte mir die Kopfhörerstöpsel in die Ohren. Während mich Linkin Park in Tinnitus verursachender Lautstärke zudröhnte, schloss ich die Augen und lehnte den Kopf gegen die Wand hinter mir. Langsam füllten sich meine Kräfte wieder auf, bis ich ihr Leuchten sogar hinter geschlossenen Lidern wahrnehmen konnte. Dann wurde es still.

Ich spürte die Magie in meinem Inneren, spürte, wie sie aus dem Boden unter meinen Füßen zu mir strömte. Obwohl ich den Riss – das Portal zwischen dieser und der Monsterwelt – verschlossen hatte, konnte ich dennoch wahrnehmen, dass die Grenzen der Welten hier dünner waren als an anderen Orten. Die Magie kam aus mir, aber sie kam auch aus der anderen Welt und wenn sie sich in mir traf, fühlte es sich an, als würde ein Feuerwerk in mir explodieren. So stellte ich mir einen Drogenrausch vor. Oder zumindest traf es Rowans Beschreibung eines solchen, denn ich selbst hatte in dem Bereich eher wenig Erfahrung.

Trotzdem war die Magie nicht der Grund, weshalb ich seit zwei Monaten jeden Tag hierherkam und so lange hier unten verharrte, bis der alte Akku des iPods versagte. Ich war nicht auf der Suche nach einem Rausch. Ich wartete auf ein Zeichen. Auf eine Stimme, die ich vor zwei Monaten von der anderen Seite des Portals gehört hatte.

Ich wartete auf einen Hinweis, dass Lucy Grant, meine beste und einzige Freundin, noch am Leben war.

Kapitel 3

Rowan

 

Die Sache ist die: Es ist nicht immer schlecht, ein Egoist zu sein.

Manchmal muss man einfach Dinge tun, die einem selbst guttun. Balsam für die Seele und solchen Scheiß eben. Sogar meine Psychotante Doktor Oliver erwähnte während unserer Sitzungen ständig, dass ich meine körperliche und geistige Gesundheit unbedingt an erste Stelle setzen solle.

Also befolgte ich ihren Rat.

Na schön, vielleicht hatte sie damit nicht direkt gemeint, dass ich zehn Heizstrahler aus den Zimmern der anderen Internatsschüler stehlen sollte. Aber hier ging es wie gesagt um meine Gesundheit und mit einer ausgefallenen Heizung und einer Bruchbude, die sich eine Bildungsinstitution nannte, war diese definitiv gefährdet.

Es war ein paar Tage vor Weihnachtsmorgen und wenn im Amberwood College festliche Stimmung herrschte, dann hatte ich auf jeden Fall nichts davon bemerkt. Ich lag in meinem Bett, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, und gab mich der Wärme der Heizstrahler hin, die ich im ganzen Zimmer verteilt hatte. Die verfluchte Kälte der letzten Tage hatte mir zugesetzt und obwohl ich den Sommer schon immer dem schlammigen Matsch vorgezogen hatte, den andere Leute Schnee nannten (von irgendwoher musste ich meinen perfekten Teint schließlich kriegen), war es dieses Jahr besonders übel. Die Kälte war nicht einfach nur kalt, nein, sie war arschkalt und sie ließ mich auch dann noch frieren, wenn ich meinen Modegeschmack über Bord geworfen und mir drei hässliche Sweater übergezogen hatte. Zumindest nützten die Heizstrahler etwas, wie ich nun erleichtert feststellte, und ich fühlte mich ein bisschen weniger wie Ötzi, der gerade tausend Jahre in einem Gletscher festgefroren war.

»Und du bist dir sicher, dass das nicht auffallen wird?«

Ich drehte den Kopf. Mein Mitbewohner, Gregory Campbell, saß in einem Bürostuhl auf seiner Seite des Zimmers und sah mich mit einem vorwurfsvollen Gesichtsausdruck an. Oder zumindest glaubte ich, dass sein Ausdruck vorwurfsvoll war, denn Greg war nicht gerade für seine ausufernden Emotionsausbrüche bekannt. Er hatte den Raumtrenner, der seine Seite des Zimmers von meiner trennte, zur Seite geschoben und musterte die Heizstrahler neben meinem Bett mit gerunzelter Stirn.

»Ach was«, winkte ich ab. »Die meisten Schüler sind eh schon weg. Außerdem hat mich ja keiner gesehen.«

»Und was willst du den Leuten erzählen, wenn sie hier reinkommen und sehen, was du angerichtet hast?«

»Jetzt sei mal kein Spielverderber. Ich habe die Tür abgeschlossen. Alles gut.«

Greg zog die Brauen hoch. »Du meinst die Tür, deren Schloss seit Wochen futsch ist?«

»Was schaust du mich so vorwurfsvoll an? Du warst doch derjenige, der das Schloss mit dem Brecheisen zerstört hat.«

»Ja«, antwortete Greg. »Nachdem du die verdammte Klinke geschmolzen hast.«

Ich verzog das Gesicht. Ich hasste es, wenn mein Mitbewohner recht hatte – auch wenn es öfter vorkam, als ich zugeben wollte. Man hätte meinen können, dass in einer Schule für Rich Kids, wie die Bildungsfestung eine war, genug Geld vorhanden sei, um Kleinigkeiten wie eine kaputte Türklinke oder eine seit Wochen ausgefallene Zentralheizung zu reparieren. Aber Fehlanzeige.

Seit Nial Carter und Matthew Dalton zerstückelt im Wald gefunden worden waren und Rektor Hector für kurze Zeit Hauptverdächtiger in einer Mordermittlung gewesen war, hatte das renommierte Amberwood College nicht nur seinen Ruf, sondern auch eine Menge seiner Studenten verloren. Dass Hector unschuldig (na ja, mehr oder weniger) und in Wirklichkeit das Loch Ness-Monster für alles verantwortlich gewesen war, hatte die reichen Eltern nicht mehr interessiert.

»Was machst du da eigentlich?«, fragte ich, nachdem Greg nicht weiter auf meinen Kommentar eingegangen war. Er hatte sich auf dem Drehstuhl wieder seinem Pult zugewandt und starrte gebannt auf den Laptopbildschirm. Dabei hatte er einen seiner Arme verdreht, als wolle er ihn sich eigenhändig aus dem Gelenk reißen, und kratzte sich unbeholfen am Rücken.

»Hm?«, grunzte mein Mitbewohner, ohne sich zu mir umzudrehen.

»Na, am Computer. Du glotzt da schon seit Stunden drauf. Ziehst du dir gerade Pornos rein?«

Greg stieß leise Luft aus. »Ich arbeite, Rowan. Du weißt schon. Was normale Menschen eben in ihrer Freizeit so tun.«

»Normale Menschen.« Ich spielte an einer meiner dunklen Haarlocken, die mir in die Stirn gefallen war. »Kein normaler Mensch arbeitet freiwillig in seiner Freizeit.«

»Dann nenn es eben Recherche«, entgegnete mein Mitbewohner unbeirrt. »Das ist nämlich auch Arbeit. Ob du’s glaubst oder nicht.«

»Wirst du wenigstens dafür bezahlt?«

»Natürlich nicht.«

Ich schnaubte verächtlich. »Und warum tust du dir den Mist dann an?«

»Weil es mir Spaß macht«, entgegnete Greg. »Und weil dieser Mist mir möglicherweise dabei helfen wird, diese Welt vor einer unvorhergesehenen, alles vernichtenden Katastrophe zu bewahren. Darum.«

»Eine unvorhergesehene, alles vernichtende Katastrophe?« Ein Grinsen schlich sich auf meine Lippen. »Schalt mal einen Gang runter, Dramaqueen.«

»Ich übertreibe nicht, Rowan. Diese Erkenntnisse könnten den Gang der Geschichte für immer verändern.«

Ich verdrehte die Augen. »Geht es wieder um deine Weltuntergangstheorie?«

»Ich hab’s dir doch schon hundertmal erklärt. Es ist mehr als eine bloße Theorie.«

»Natürlich ist es das«, spottete ich, aber meine Neugier war trotzdem geweckt. Ich schlug die Decke zur Seite und durchquerte den Raum, um Greg über die Schultern zu schauen. »Huh«, stieß ich aus, als ich auf den Computerbildschirm sah. »Ein Ladebalken. Echt revolutionär.«

Erwartungsvoll verfolgte ich den Status des Downloads, der gerade bei 98 % feststeckte. »Was lädst du dir da runter?«

»Ein Video.«

»Ha! Also doch Pornos.«

»Nein.« Greg klickte den Downloadbalken weg und öffnete stattdessen sein E-Mail-Postfach. Er ignorierte die sechsundzwanzig ungelesenen Nachrichten und klickte stattdessen auf eine Mail, die gestern Nacht verschickt worden war. »Ich versuche schon den ganzen Morgen, dieses Video herunterzuladen«, erklärte er und wies auf den Link, der in der Mail stand. »Aber mit der beschissenen Internetverbindung hier könnte ich genauso gut darauf warten, dass die Menschheit endlich den Mars besiedelt.«

Ich zog die Augenbrauen hoch. »Was ist so wichtig an dem Video, dass du es dir nicht Zuhause ansehen kannst?«

»Die Mail ist von einem Freund«, erklärte Greg. »Sein Name ist Marcus. Er arbeitet beim meteorologischen Dienst in Schottland und beobachtet seltsame Wetterphänomene. Er gehört auch zu den Gezeugten.«

»Ach ja«, sagte ich, als ich den Namen im Kopf endlich zugeordnet hatte. »Eure kleine Gruppe von Verschwörungstheoretikern.«

»Nein«, sagte mein Mitbewohner betont langsam. »Unsere Gruppe von Wissenschaftlern, welche die Existenz von Portalen und Magie untersuchen und beweisen will.«

Ein paar Tage nach unserem Zusammentreffen mit Nessie hatte Greg uns zum ersten Mal von den Gezeugten erzählt. Offenbar hatte er als Kind eine Halluzination von einer Frau mit flammenroten Haaren gehabt, welche plötzlich aus einem glühenden Riss im Boden in seinem Zimmer aufgetaucht war. Man hätte meinen können, dass solche Fantasien nichts Ungewöhnliches im Kopf von vorpubertären Kleinkindern waren. Aber es gab anscheinend eine Menge Menschen mit ähnlichen Erlebnissen, die sich irgendwann alle zur Selbsthilfegruppe mit dem bescheuertsten Namen überhaupt zusammengeschlossen hatten: die Gezeugten. Sie untersuchten die ebenso bescheuerte Prophezeiung, die bereits einmal beinahe mein Leben zerstört hätte, und versuchten, den dort vorhergesagten Weltuntergang zu verhindern.

Nicht, dass irgendjemand sie ernst genommen hätte. Selbst Jennifer, die sich sonst für fast alles begeistern ließ, stand Gregs Weltuntergangstheorie kritisch gegenüber. Im Endeffekt war sie nicht mehr als genau das: eine Theorie. Und bis jetzt hatten weder Greg noch irgendeiner der anderen Wissenschaftsnerds es geschafft, sie tatsächlich zu beweisen.

»Magie«, wiederholte ich. »Du meinst die Magie, die irgendeine antike Zivilisation, an die sich heute kein Schwein mehr erinnern kann, beherrscht haben soll? Wie nennst du die gleich nochmal? Ach ja. Die Epic. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber etwas mit einem solchen Namen klingt verdächtig nach Verschwörungstheorie.«

Greg seufzte. »Gerade du solltest doch inzwischen wissen, dass das mehr als bloß eine Theorie ist.«

»Warum? Weil ich Dinge mit einer einzigen Berührung in Flammen aufgehen lassen kann?«

»Zum Beispiel, ja.«

»Ich glaube nicht an Magie«, stellte ich klar. »Was auch immer mit mir falsch gelaufen ist, es hat nichts mit fliegenden Einhörnern und glitzernden Zauberstäben zu tun.«

»Und welche Erklärung hast du dann für deine Kräfte?«

»Ich bin ein Freak«, antwortete ich achselzuckend, als könnte das tatsächlich alles erklären. »Ein Mutant. Wie in diesen beknackten Comics, die du so gerne liest.«

»Die X-Men sind nicht beknackt.«

»Was auch immer. Meine Kräfte sind keine Magie«, entschied ich. »Ich sehe sie viel eher als besondere … Skills. Freak Skills. Frills, wenn du so willst.«

»Frills«, wiederholte Greg und machte ein Gesicht, als leide er unter üblen Verstopfungen.

»Hey, schau mich nicht so an. Du bist hier nicht der Einzige, der gut darin ist, sich bekloppte Namen auszudenken.«

Greg ging nicht darauf ein. Stattdessen klickte er auf das Video, das es endlich durch die Internetleitung am Amberwood College geschafft hatte, und öffnete es im Vollbildmodus. Es war eine verwackelte Aufnahme eines Felds mit grasenden Schafen. Erst konnte ich nichts Ungewöhnliches entdecken. Dann bemerkte ich, dass sich der wolkenlose Himmel über dem Feld schlagartig verdunkelte. Die Schafe stoben auseinander, während am Horizont ein großes, graues Etwas auftauchte.

Greg pausierte das Video, um dieses Etwas genauer zu betrachten, während ich die Hände hinter dem Kopf verschränkte und mich in den Sitzsack meines Mitbewohners sinken ließ.

»Und das war …?«

»Ach«, sagte Greg, ohne auch nur einmal vom Video aufzusehen. »Nur ein Tornado.«

»Ein Tornado?« Ich zog die Brauen hoch. »Ernsthaft jetzt?«

»Ich hab dir doch gesagt, dass Marcus seltsame Wetterphänomene beobachtet. In letzter Zeit häufen die sich hier.«

»Wir sind in Schottland. Seltsames Wetter ist hier nichts Ungewöhnliches«, entgegnete ich.

»Ich rede nicht von Schottland«, widersprach Greg. »Ich rede von Amberwood. Genauer gesagt von den Wäldern rund ums College. Seit ein paar Wochen haben wir Indizien dafür, dass irgendetwas das Wetter hier verrücktspielen lässt.«

Ich konnte immer noch nicht erkennen, was genau daran ungewöhnlich sein sollte. Das hielt Greg jedoch nicht davon ab, seinen Monolog fortzuführen.

»Marcus beobachtet diese Phänomene schon seit einer Weile«, fuhr er fort. »Jetzt haben wir beschlossen, dem während der Weihnachtsferien auf den Grund zu gehen.«

»Wow«, sagte ich unbeeindruckt. »Klingt nach den besten Weihnachtsferien überhaupt.«

Dem Funkeln in Gregs Augen nach zu urteilen, war er tatsächlich dieser Meinung. Irgendwie beneidete ich ihn fast. Wenigstens würde er nicht die nächsten zwei Wochen damit verbringen, sich täglich anhören zu müssen, was für ein Versager er war.

Greg rückte mit dem Stuhl näher zu mir heran. So nahe, dass ich gruselig viele Details in seinem von Pickelnarben entstellten Gesicht erkennen konnte. »Ihr solltet mit mir mitkommen. Du, Ava und Jenn. Ich bin sicher, dass das irgendwie mit der Magie hier am College zu tun haben muss.«

Beinahe hätte ich laut zu lachen begonnen. »Nichts für ungut«, sagte ich und erhob mich aus dem Sitzsack. »Aber ich kann mir echt Cooleres vorzustellen, als meine Weihnachtsferien mit Schäfchenwolken zählen totzuschlagen.« Dennoch war die Vorstellung immer noch angenehmer, als die Zeit mit meinen Erziehungsgeiern im selben Haus verbringen zu müssen. Verdammt. War ich wirklich schon so verzweifelt?

»Du meinst, coole Dinge wie Zeit mit deiner tollen Familie zu verbringen?«, fragte Greg, als hätte er meine Gedanken gelesen. »Dafür, dass sie in einer halben Stunde vor der Tür stehen werden, bist du nicht gerade motiviert, sie wiederzusehen.«

Ich wollte gerade meine Lederjacke vom Garderobenhaken nehmen, doch Gregs Worte ließen mich mitten in meiner Bewegung innehalten. Fuck. Er hatte recht. Meine Erziehungsgeier hatten sich für diesen Nachmittag angemeldet. Und ich hatte bis eben ganz vergessen, dass sie heute schon kommen würden. Oder es wohl eher erfolgreich verdrängt.

»Shit«, fluchte ich und drehte mich wieder zu Greg um. Ich hatte noch nicht einmal gepackt. Mom würde mich umbringen, wenn wir uns verspäteten. »Du weißt nicht zufälligerweise, wo die anderen sind?«

Mein Mitbewohner nahm seine Brille von der Nase und hielt sie gegen das Licht der Heizstrahler. »Nein. Ich bin Wissenschaftler, Rowan. Kein verdammter Hellseher.«

 

* * *

 

Angespannt stieg ich die Treppenstufen zur großen Eingangshalle des Amberwood Colleges hinab. Dieser Ort war zuvor schon keine Augenweide gewesen (mit den halbnackten Statuen in der Ecke und den Holzsäulen in der Farbe von Kotze), aber seit irgendjemand beschlossen hatte, hier eine Gedenkstätte für Nial und Matt zu errichten, war er einfach nur deprimierend geworden. Am Ende der Treppe, in der Nähe zum Eingang des Theatersaals, stand ein kleiner Tisch, auf dem die Fotos der beiden toten Schüler platziert waren. Daneben befanden sich Kerzen, Nachrichten und Blumen – nicht mehr ganz so viele wie noch im Oktober, aber immer noch genug, um jeden Zentimeter auf der Tischplatte einzunehmen. Jennifer meinte, das sei eine schöne Geste, um sich an Nial und Matt zu erinnern. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.

Die meisten Leute hatten Nials Existenz erst wirklich wahrgenommen, nachdem er mit Amanda Copperfield zusammengekommen und somit in der Schulhierarchie von Lehrerschleimer zu Freund der Schulkönigin aufgestiegen war. Und Matt … na ja, Matt war für die meisten hier eh nie mehr als der unterbelichtete Bully gewesen. Der Anzahl der Blumensträuße neben ihren Fotos nach zu urteilen, hätte man meinen können, dass die beiden den Beliebtheitswettbewerb am Amberwood College für sich entschieden hatten. Dabei hatten die meisten Schüler vermutlich nie auch nur ein Wort mit einem von ihnen gewechselt. Jetzt an ihrem Altar zerknitterte Wir vermissen dich-Zettel zu hinterlassen, war in meinen Augen keine schöne Geste. Es war einfach nur beschissen heuchlerisch. Wenn jemand tot war, dann behauptete plötzlich jeder, sein bester Freund gewesen zu sein. Das war bei Liam nicht anders gewesen.

Ich hatte die große Doppeltür nach draußen beinahe schon erreicht, als plötzlich die Tür auf der linken Seite aufging und Ava und Jennifer in die Eingangshalle traten. Sie kamen aus der Cafeteria und waren in ein Gespräch vertieft, sodass sie mich im ersten Moment gar nicht bemerkten.

»Hey, Leute«, rief ich. Die beiden Mädchen blieben stehen und drehten sich zu mir um. Es war immer noch ungewohnt, keine Abneigung in Jennifers Gesicht zu erkennen, wenn sie mich ansah. Aus irgendeinem Grund blieb mein Herz dabei für einen kurzen Augenblick stehen.

»Was machst du hier?«, fragte Ava. »Ich dachte, du wärst schon längst losgefahren.«

»Meine Erziehungsgeier holen mich in einer halben Stunde hier ab, aber …« Allein beim Gedanken daran verzog ich das Gesicht. Ich beendete den Satz nicht, obwohl Jennifer und Ava beide darauf zu warten schienen, dass ich noch etwas hinzufügte. Zum Beispiel, dass ich gerade das halbe College nach ihnen abgesucht hatte. Verdammt. Wann war ich eigentlich so ein Softie geworden?

»Du wolltest dich vorher noch von uns verabschieden?«, half Jennifer mir auf die Sprünge.

Ich hatte keine Ahnung, warum mir bei dieser Frage das Blut ins Gesicht schoss. »Ich wollte nur … na ja, ihr wisst schon.« Ach, shit. Ich hörte mich wie der größte Idiot auf Erden an. Aus irgendeinem Grund hatte Jennifers Anwesenheit diesen Effekt auf mich.

»Uns nochmal wiedersehen?«, fragte Ava.

Ich atmete durch und zwang mich zu einem Grinsen, um die Kontrolle über meinen Körper zurückzuerlangen. Ich musste cool bleiben. Das war immerhin so was wie mein Markenzeichen. »Eigentlich«, sagte ich, »wollte ich euch nochmal die Möglichkeit geben, euch von mir zu verabschieden. Immerhin müsst ihr die nächsten zwei Wochen ohne dieses Komplettpaket aus perfekten Haaren und purer Großartigkeit auskommen.«

Jennifer tauschte einen kurzen Blick mit Ava. Fast zeitgleich erwiderten die beiden mein Grinsen.

»Ja, wie sollen wir die Ferien nur ohne dich überstehen?«, spottete Jennifer.

»Ohne deine Bescheidenheit«, stimmte Ava ihr zu.

»Ohne deine tiefgründigen und intelligenten Witze«, fuhr Jennifer fort.

»Ohne deine vernünftigen Ideen«, nickte Ava. »Oder deine erwachsene Haltung.«

»Oh ja. Und nicht zu vergessen, dein selbstloser und uneigennütziger Altruismus.«

Ich hob eine Hand. »Okay. Das ist genug. Ich habe keine Ahnung, was das letzte Wort bedeutet.«

»Das erklärt einiges«, bemerkte Jennifer, immer noch grinsend. »Komm her, du Idiot.« Sie breitete ihre Arme aus und ging auf mich zu, als wolle sie mich umarmen. Dann schien ihr im letzten Moment einzufallen, dass sie das Schulgebäude noch nicht dem Erdboden gleichmachen wollte, und sie versteckte ihre Hände rasch wieder hinter dem Rücken. Das war einer der vielen Nachteile davon, ein übernatürlicher Freak zu sein: Man musste nach anderen Regeln spielen als der Rest der Welt. Und eine davon besagte, dass Jennifer und ich uns unter keinen Umständen berühren durften, weil unsere Magie so gegensätzlich war, dass wir damit eine Explosion auslösen konnten. Buchstäblich.

Kurz hing diese Tatsache wie ein schweres Gewicht in der Luft. Dann kehrte das Lächeln auf Jennifers Gesicht zurück und sie winkte mir – etwas zögerlich – zu.

»Schöne Weihnachten, Rowan. Lass dich nicht von Jeff ärgern.«

Ich verzog das Gesicht. Beim Gedanken an den Freund meiner Schwester (ich weigerte mich nach wie vor, ihn als ihren Verlobten anzuerkennen), kroch das Rührei vom Frühstück wieder meine Speiseröhre hoch. Jeffrey Sinclair war einer der Typen, die den Körperbau eines Bären und die Gehirnmasse einer Eintagsfliege hatten. Wir waren noch nie auf einer Wellenlänge gewesen, aber seit er Allison den Antrag gemacht hatte, gab es kaum einen Menschen, den ich weniger leiden konnte. Ich meine, der Typ war bereits über dreißig. Er war praktisch schon pensioniert.

»Mach‘s gut, Rowan«, verabschiedete sich Ava mit demselben Ich-weiß-nicht-genau-was-ich-jetzt-tun-soll-Lächeln wie Jennifer eben. »Und schönes Neues Jahr.«

Ich konnte nicht verhindern, dass sich beim Gedanken, die beiden die ganzen Ferien lang nicht wiederzusehen, ein dumpfes Ziehen in meinem Körper ausbreitete. Vor ein paar Monaten hatte ich noch nicht einmal ihre Nachnamen gewusst. Jetzt hatte ich irgendwie das Gefühl, die beiden schon seit Ewigkeiten zu kennen.