Kapitel 1

Jennifer

 

»Und du bist dir sicher, dass wir hier richtig sind?« 

Greg sah mich mit einem Gesichtsausdruck an, als hätte ich ihn gerade gefragt, ob er mir die Relativitätstheorie erklären könne. 

»Natürlich bin ich mir sicher«, antwortete er und schnaubte beleidigt. »Ich werde ja wohl mein eigenes Haus wiedererkennen.« 

Ich seufzte leise und richtete meinen Blick auf das kleine Einfamilienhaus auf der anderen Straßenseite. Greg war schon den ganzen Morgen über ein wenig zickig, was normalerweise überhaupt nicht seine Art war. Gregory Campbell war vieles, aber er war definitiv keiner dieser Teenager, die mit ihren Stimmungsschwankungen andere in den Wahnsinn trieben. Um ehrlich zu sein, war ich mir bei Greg manchmal nicht sicher, ob er überhaupt einen funktionierenden Hormonhaushalt besaß. Er ließ kaum Gefühle zu und wenn doch, dann zeigten sich diese höchstens als kaum wahrnehmbare Zuckungen in seinem Gesicht, die genauso gut auf Magnesiummangel hindeuten konnten. 

Zumindest war das bis heute so gewesen. Seit wir jedoch beschlossen hatten, in Gregs altes Zuhause in Belgravia zurückzukehren, war es, als wäre ein Schalter in ihm umgelegt worden. Er trat unruhig von einem Fuß auf den anderen und ließ seine Augen ständig über das Gebäude auf der anderen Straßenseite schweifen. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Ich wäre genauso nervös gewesen, nach Hause zurückzukehren – aber im Gegensatz zu Greg galt ich seit sechs Wochen als vermisst. Außerdem war ich nicht von einer sterbenden, übermächtigen Magierin als letzte Hoffnung für diese Erde prophezeit worden. Wenn man Andris, der inzwischen toten Herrscherin über Raum und Zeit, Glauben schenken wollte, war Greg die einzige Person, die uns zu ihrer verschwundenen Schwester führen konnte. Nur schien er selbst am wenigsten zu wissen, wie er das anstellen sollte. 

Wir hatten bereits alles versucht, um Gregs Gedächtnis anzuregen: Hypnosetherapie, Rückführung, Meditationskurse und Tai-Chi. Wir hatten sogar einen Facebook-Post mit einem Foto des geschnitzten Bären erstellt, den Ava von Andris erhalten hatte, um ihre Schwester zu finden. Aber nichts davon hatte geholfen. 

»Ich weiß nicht, Greg«, äußerte ich meine Bedenken, nachdem ich das Gebäude auf der anderen Straßenseite eingehend gemustert hatte. Es stand in einer langen Reihe aus gleich aussehenden Häusern mit weißen Fassaden und winzigen Vorgärten, die von glänzenden Zäunen umgeben waren. Alles an ihnen – von den geparkten BMWs bis zu den polierten Marmorstufen zum Eingang – schrie nach Reichtum und Luxus und löste bei mir das ungute Gefühl aus, dass ich hier mit meinen notdürftigen Klamotten aus dem Second-Hand-Laden und den ungewaschenen Haaren alles andere als willkommen war. 

»Denkst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?« 

»Wir halten uns an den Plan«, beharrte Greg und zupfte an seinem Sweater herum. Es war Mitte Februar und eigentlich viel zu kalt, um nur mit einem einfachen Woll-Sweater draußen herumzulaufen, aber Greg kümmerte das nicht. Die Sonne, die vom wolkenlosen Himmel strahlte, war ihm wohl Grund genug, bereits in Frühlingsklamotten herumzulaufen. 

Mit einem erneuten Seufzer gab ich nach. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Rowan ebenfalls die Stirn runzelte und alles andere als begeistert von der Entschlossenheit seines Mitbewohners wirkte. Ava war die Einzige, der es völlig egal zu sein schien, was wir taten. Ihr war in den letzten Wochen alles ziemlich egal gewesen. 

»Mir ist nur nicht klar, wie uns das weiterhelfen soll«, warf ich ein und rieb mir fröstelnd die Oberarme. Obwohl wir uns neue Klamotten besorgt hatten, als wir in Großbritannien angekommen waren, realisierte ich, dass meine Jacke definitiv zu dünn war. »Die Möbel aus deinem alten Kinderzimmer werden sowieso alle weg sein.« 

»Es geht nicht um die Möbel«, entgegnete Greg. »Andris hat gesagt, dass ich der Einzige bin, der weiß, wo sich ihre Schwester aufhalten könnte. Also muss ich mich erinnern, was damals geschehen ist. Vielleicht kommt die Erinnerung zurück, wenn ich in meinem alten Zimmer bin, verstehst du?« 

Ich fuhr mir mit der Zunge über die Brackets auf meinen Vorderzähnen. Greg war ziemlich verbissen, seit er erfahren hatte, was Andris Ava mit ihrem letzten Atemzug mitgeteilt hatte. Ihre verschwundene Schwester, Rhia, hatte vor vielen Jahren eine Vision gehabt, in der sie gesehen hatte, wie Greg Ava in der Zukunft helfen würde, das Covojo zu besiegen. Daraufhin hatten die Schwestern den damals siebenjährigen Gregory besucht und Rhia hatte entschieden, ihn besser kennenlernen zu wollen, um seine Rolle in der Zukunft zu verstehen. Seitdem war sie nie wieder gesehen worden – und Greg war mit nicht mehr als einer traumatisierenden Erinnerung zurückgelassen worden, in der eine Frau wie aus dem Nichts in seinem Kinderzimmer auftauchte. 

»Greg«, setzte ich langsam an. »Du musst dich nicht so sehr unter Druck setzen. Wenn du dich nicht erinnern kannst, werden wir einen anderen Weg finden, Rhia aufzuspüren.« 

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Das war Andris‘ letzte Bitte vor ihrem Tod. Sie hat all ihre Kraft zusammengenommen, um Ava das zu sagen. Ich muss mich einfach erinnern.« 

Ich sah, wie Rowan mir hinter Gregs Rücken einen Vogel zeigte. Vermutlich war Gregs Besessenheit mit dieser ganzen Sache tatsächlich nicht normal. Aber ich ahnte, dass mehr dahintersteckte, als er zugeben wollte. Seit Lucys Verschwinden hatte sich Greg in den Kopf gesetzt, dass er uns helfen musste. Natürlich waren wir in all den Monaten so etwas wie Freunde geworden, aber das war nicht der einzige Grund, weshalb er uns zu Hilfe geeilt war. Ich wusste, dass er sich schon lange die Schuld am Tod von Nial Carter und Matthew Dalton gab, weil die beiden durch seine Fehlinterpretation an jenem Tag in den Wald gegangen waren. Das war seine Art, diesen Fehler wiedergutzumachen. Koste es, was es wolle. 

Greg setzte sich entschlossen in Bewegung und ich folgte ihm nach kurzem Zögern. Rowan blieb erst stehen, beschleunigte dann aber seine Schritte, bis er zu mir aufschloss. 

»Wir sollten uns nicht tagsüber auf offener Straße zeigen«, flüsterte er mir zu. »Jeff wird nicht aufgeben, bis er meinen Hintern wieder nach Hause geschleift hat – und darauf habe ich echt keinen Bock.« 

»Ich weiß«, seufzte ich. »Aber wir haben keine andere Wahl, oder? Außerdem«, fügte ich rasch an, während ich kurz nach links und rechts sah, »glaubt die Polizei sowieso, dass wir noch in Peru sind.« 

»Ja«, murmelte Rowan. »Wer wäre schon so dumm, ausgerechnet in das Land zurückzukehren, in dem er gesucht wird?« 

Darauf gab ich keine Antwort. Natürlich war es riskant gewesen, nach Großbritannien zurückzukehren. Aber es stellte unsere einzige Chance dar, mehr über Gregs Vergangenheit – und somit auch Andris‘ geheimnisvolle Schwester – herauszufinden. 

Inzwischen waren wir vor dem Eingang des Hauses mit der Nummer 38 angekommen. Ich sah mich nach Ava um, die immer noch auf der anderen Straßenseite stand. Sie erwiderte meinen Blick nicht einmal, als sie zu uns aufschloss, sondern schien mit den Gedanken an einem ganz anderen Ort zu sein. Seit den Geschehnissen in Peru fiel es mir schwer, zu ihr durchzudringen. In den letzten zwei Wochen war sie mir und Rowan mehrheitlich aus dem Weg gegangen. Sie hatte keinem von uns erzählt, was während des Kampfs mit Jules geschehen war, aber ich erkannte auch so, dass es etwas Furchtbares gewesen sein musste. Die Nächte, die ich mit ihr im selben Hotelzimmer verbracht hatte, sprachen eine klare Sprache. Was in Peru geschehen war, hatte uns alle verändert. 

»Also gut«, sagte Greg und hielt seine Hand über die Türklingel. »Verhaltet euch einfach normal.« 

Rowan schnaubte. Obwohl er die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht gezogen hatte, wusste ich genau, dass er die Augen verdrehte. 

Normal. Das war ein Wort, das schon längst nicht mehr zu uns passte. Wir hatten an dem Tag, an dem wir in diesem Treppenhaus aufgewacht waren, längst aufgehört, normal zu sein. Jedes Lächeln, das ich aufsetzte, wenn ich unsere Einkäufe an der Kasse bezahlte, jedes U-Bahn-Ticket, das ich löste, um zurück ins Hotel zu kommen – all das war nur eine Fassade der Normalität. Nichts von dem, was wir in den letzten Wochen getan hatten, war normal gewesen. Nichts von dem, was wir tun konnten und mussten, war normal. 

Ich schloss den obersten Knopf meiner Jacke und konzentrierte mich darauf, den kalten Wind zu ignorieren, der ein schmerzhaftes Prickeln auf meinen Wangen hinterließ. Die Kälte hatte diesen Einfluss auf meine Kräfte, den ich mir selbst nicht erklären konnte. Während meine Fähigkeiten an normalen Tagen kaum spürbar waren, kratzten sie seit unserer Ankunft in England ununterbrochen an der Oberfläche meines Bewusstseins – fast so wie ein nerviger Juckreiz, den ich nur loswerden konnte, wenn ich die Magie endlich freiließ. Aber das kam nicht infrage. Schon gar nicht auf offener Straße. 

Ein verzerrtes Surren verriet mir, dass Greg die Klingel gedrückt hatte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis ich aus dem Inneren des Hauses Schritte vernahm. Kurz danach schwang die Tür auf und eine ältere Dame mit weißen Haaren stand auf der Schwelle und blinzelte uns verwirrt an. 

»Guten Tag, Ma‘am«, ergriff Greg sofort das Wort. 

Diese verengte die Augen zu engen Schlitzen. »Tut mir leid, ich kaufe nichts«, sagte sie und hätte die Tür bereits wieder vor unserer Nase zugeknallt, wenn Greg ihr nicht zuvorgekommen wäre. 

»Hören Sie«, sagte er. »Wir sind nicht hier, um Ihnen etwas zu verkaufen. Wir wollen vielmehr mit Ihnen reden.« 

Die Dame schnaubte und beäugte mich und Rowan feindselig. Ava hielt sich weiterhin im Hintergrund. »Seid ihr von dieser Sekte, die hier schon länger ihr Unwesen treibt? Jetzt schicken die schon Kinder her. Eine Frechheit ist das!« 

»Wir sind nicht von einer Sekte, Ma‘am«, mischte ich mich ein. »Es geht um ein Schulprojekt.« 

Das schien ihre Aufmerksamkeit zu wecken. »Ein Schulprojekt?« 

Erleichtert atmete ich aus. »Wir sollen einen Aufsatz über unsere Kindheit schreiben«, begann ich mit unserer Ausrede. »Mein Freund hier – Greg – hat als Kind viel Zeit in diesem Haus verbracht. Es gehörte seiner Großmutter.« 

Dieser Teil war nicht einmal gelogen. Wenn man Greg glaubte, hatte seine Oma ihn praktisch großgezogen, weil seine Eltern stets unterwegs gewesen waren. 

»Genau«, nickte Greg. »Darum wollte ich Sie fragen, ob wir vielleicht hereinkommen könnten. Um mich von meinem alten Kinderzimmer inspirieren zu lassen, meine ich.« Während ich bei jeder Lüge spürte, wie mein Herzschlag sich beschleunigte, hatte Greg das perfekte Pokerface aufgesetzt. Das schien die alte Dame jedoch nicht zu überzeugen, denn sie zog die Tür ein wenig weiter zu. 

»Ich mag vielleicht alt sein, aber ich bin nicht bescheuert«, erwiderte sie. »Schüler wie ihr sollten um diese Zeit nicht auf den Straßen herumstreunen, sondern im Unterricht sitzen. Ihr tragt ja nicht einmal eure Uniform.« 

Ihre Worte waren eine klatschende Ohrfeige ins Gesicht. Die Schule. Amberwood College. Meine Uniform, die ich sogar an den Wochenenden angezogen hatte, weil sie mich mit Stolz erfüllt hatte. Mein altes Leben war so weit weg, dass es inzwischen das Leben einer Fremden geworden war. 

»Aber, Ma‘am –«, setzte Greg an, doch da hatte die Frau die Tür bereits zugeschlagen. Der Knall hallte in der menschenleeren Straße wie ein Pistolenschuss wider. 

»Tja«, meinte Rowan und streckte sich. »Das war dann wohl ein Reinfall. Was für eine Überraschung.«

Greg drehte sich wortlos um und stapfte in seinen viel zu großen Winterstiefeln den Bürgersteig entlang, der uns zurück zur U-Bahn-Station führen würde. Ich zog mir meine Mütze noch etwas tiefer über die Ohren und atmete leise aus. Weißer Nebel kam aus meinem Mund und stieg zum blauen Himmel hoch.

»Was machen wir eigentlich hier?«, hörte ich Rowan murmeln, während er Greg hinterhertrottete. »Langsam habe ich echt genug von dieser Scheiße.« 

Ich sah ihm hinterher. Ich konnte seinen Frust verstehen. Seit unserer Abreise in Peru waren wir keinen Schritt weitergekommen – und langsam aber sicher lief uns die Zeit davon. Die Nachfahren der Epic setzten alles daran, ihre verbannte Verwandtschaft zu befreien und momentan hatten wir weder die Mittel noch das Wissen, um ihnen irgendetwas entgegenzusetzen. Dabei waren wir die Einzigen, die eine Rückkehr der Epic noch verhindern konnten. 

»Kommst du?«, fragte ich und drehte mich zu Ava um. Diese riss ihren Blick von der Häuserfassade los. 

»Ja. Sorry, ich … ich war gerade in Gedanken«, entschuldigte sie sich. 

Ich zögerte kurz, bevor ich fragte: »Alles okay bei dir?« 

»Klar«, antwortete sie eine Spur zu schnell, ohne mich dabei anzusehen. »Wieso fragst du?« 

»Weil du in letzter Zeit öfters in Gedanken bist«, entgegnete ich. »Mehr als normalerweise, meine ich.« 

Sie lächelte müde. »Wir sind auf einer Mission, die Welt zu retten. Ich glaube, wir alle brauchen gerade etwas Zeit, um nachzudenken.« 

Mit diesen Worten machte sie sich daran, Rowan und Greg zu folgen. Ich blieb noch ein paar Sekunden stehen, dann tat ich es ihr gleich.

 

* * *

 

Wenig später saßen wir in einem Café in der Innenstadt und wärmten uns auf. Ich nippte an meiner heißen Schokolade mit Marshmallows und betrachtete die Schneeflocken, die inzwischen fielen. Das Wetter hatte kurz nach unserem Besuch in Belgravia umgeschlagen und zeigte sich nun von seiner typisch englischen Seite. Auf der Straße huschten die Menschen mit Regenschirmen vorbei, während sich der Verkehr langsam verdichtete und nur noch stockend voranging. Ich war schon oft in London gewesen – unser Winterquartier befand sich eine knappe Stunde außerhalb der Stadt –, aber ich hatte mich noch nie zuvor so fremd in dieser Stadt gefühlt. Wir waren den ganzen Tag umgeben von Menschen, ohne wirklich wahrgenommen zu werden. Wir hätten genauso gut unsichtbar sein können und es hätte keinen Unterschied gemacht. Die letzten Wochen schienen mich nicht nur immer weiter von einem normalen Leben, sondern auch von anderen Menschen entfernt zu haben. Jeder weitere Tag, den wir in London verbrachten, machte mir schmerzhaft bewusst, wie anders ich war. Nicht, weil ich die Fähigkeit besaß, über Eis und Schnee zu herrschen, sondern vielmehr, weil ich – wir alle – die Macht hatte, über die Zukunft dieses Planeten zu entscheiden. Keiner der Menschen, die gerade um uns herum saßen und ihren Afternoon Tea genossen, wusste von der Gefahr, die der Erde drohte. Ich beneidete sie um ihre Ahnungslosigkeit.

»Wir müssen zurück«, beschloss Greg, der seine Hände um seine dampfende Teetasse gelegt hatte. »Das ist unsere beste Chance, meine Erinnerung aufzufrischen.«

»Ja«, murmelte Rowan, »oder zu Kriminellen zu werden.« Er legte eine Hand in den Nacken und ließ seinen Blick durch das Café wandern, als erwarte er, dass jeden Moment Scotland Yard durch die Tür kommen würde. »Die Polizei ist uns eh schon auf den Fersen, weil wir als vermisst gelten. Da müssen wir nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf uns ziehen.«

»Sie ist euch auf den Fersen«, korrigierte ihn Greg. »Meine Eltern denken immer noch, dass ich auf einer Studienreise für begabte Jugendliche bin.«

Mein Blick wanderte zu einem älteren Herrn an einem anderen Tisch, der gerade die aktuelle Tageszeitung aufgeschlagen hatte. Auf dem Titelblatt prangte ein Bild von Avas Mom – eine blonde Frau mit stahlgrauen Augen – und darunter die Überschrift: Bringt mir meine Tochter nach Hause.

Seit unserem Verschwinden war Avas Mom so etwas wie eine unfreiwillige Prominente geworden. Sie hatte bereits unzählige Interviews für irgendwelche Klatschzeitungen gegeben und bat überall um Mithilfe, ihre Tochter zu finden. Dabei hatte sie sich in den letzten vier Jahren kaum bei Ava gemeldet, geschweige denn sich in ihrem Leben eingebracht. Nach Avas Ansicht war es mehr das schlechte Gewissen ihrer Mom als ihre überschwängliche Mutterliebe, das sie dazu trieb, nach ihr zu suchen.

»Na schön«, meinte Rowan und lenkte meine Gedanken wieder auf das Problem vor uns. »Aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir aus dem Schneider sind. Jeff ist uns immer noch auf den Fersen und so, wie ich den Typen kenne, wird er so schnell nicht aufgeben. Wenn ihr mich fragt, sollten wir so schnell wie möglich aus London verschwinden.«

»Rowan hat recht«, stimmte ich ihm zu, auch wenn ich es kaum glauben konnte. Seit den Ereignissen in Peru war Rowan … ruhiger geworden. Vernünftiger. Obwohl wir in den letzten Monaten enger zusammengewachsen waren, überraschte es mich dennoch, dass er eingewilligt hatte, Ava zu helfen. Vielleicht war ihm doch nicht alles ganz so egal, wie er gerne vorgab. 

»Wir sollten einen anderen Weg finden«, fügte ich hinzu, als Greg mir einen fast schon vorwurfsvollen Blick zuwarf. »Momentan sind wir viel zu fokussiert darauf, dass du dich an etwas erinnerst, was uns möglicherweise nicht einmal weiterhelfen wird. Jeder weitere Tag in London ist ein Risiko.«

»Außerdem wird uns die Alte sowieso kein zweites Mal die Tür öffnen«, meinte Rowan schulterzuckend. »Also können wir die Sache eh vergessen.«

»Ich habe auch nicht vor, sie nochmal zu fragen«, entgegnete Greg und schob seine Brille, die vom Teedampf angelaufen war, auf der Nase zurück. »Wenn sie uns nicht reinlassen will, dann müssen wir uns eben selbst Zutritt verschaffen.«

Ich verschluckte mich beinahe an meiner Schokolade. »Du willst bei ihr einbrechen?!«

»Einbruch ist ein hartes Wort«, winkte Greg rasch ab. »Immerhin gehörte das Haus bis vor ein paar Jahren noch meiner Oma. Es ist also vielmehr ein Besuch.« 

»Ein Besuch ohne Einladung«, merkte Ava an. »Bei dem du dir heimlich Zutritt verschaffst. Ohne, dass die andere Person davon weiß.« 

»Wir werden ja nichts stehlen«, beharrte Greg. »Es geht nur darum, meine Erinnerung aufzufrischen. Und mit Hilfe von Avas Kräften müssen wir auch nichts beschädigen, um ins Haus zu gelangen. Es wird sein, als wären wir nie da gewesen.«

Ich massierte mir die Schläfen. »Ich kann nicht glauben, dass du das gerade ernsthaft in Erwägung ziehst.« 

»Wieso denn nicht? Denk doch mal darüber nach, Jennifer: Was ist schon ein kleiner Einbruch, wenn der uns hilft, die Welt zu retten?« 

»Ach, jetzt ist es plötzlich doch ein Einbruch.« 

»Du weißt, was ich meine. Wir haben nicht den Luxus, noch mehr Zeit zu verlieren.« 

»Kommt nicht infrage«, wandte ich, leise aber bestimmt, ein. »Wir werden sowieso schon im ganzen Land gesucht.« 

»Na und? Wir werden vorsichtig sein.« 

»Nein«, beharrte ich. »Auf keinen Fall.« 

»Du verstehst das nicht. Es geht hier nicht um uns.« 

Ich schnaubte. »Ja. Langsam habe ich das Gefühl, es geht immer nur um dich.« 

»Was soll das denn heißen?« 

»Du weißt genau, was das heißt«, erwiderte ich. »Seit Ava dir gesagt hat, dass Andris glaubte, dass ausgerechnet du uns zu ihrer Schwester führen kannst, bist du völlig besessen von dieser Idee. Du bist überhaupt nicht mehr du selbst.« 

Sein Gesicht zeigte wie immer keinerlei Regung. »Mach dich nicht lächerlich.« 

»Ich meine es ernst«, beharrte ich. »Du setzt dich selbst so unter Druck, dass du nicht mehr klar denken kannst. Und das alles nur, weil du dir immer noch einbildest, dass …« 

Dass er damit seinen Fehler gutmachen konnte. Dass er damit sein schlechtes Gewissen erleichtern konnte, das ihn seit Nials und Matts Tod verfolgte. 

Ich hielt inne. Meine Stimme war so laut geworden, dass sich die Leute hinter uns am Tisch bereits umgedreht hatten. 

»Jenn …«, setzte Ava an, aber Greg schnitt ihr das Wort ab. 

»Weil ich mir was einbilde?« 

Ich sah ihn an. Jetzt, wo ich wieder etwas zur Ruhe gekommen war, spürte ich erst das Kribbeln in meinen Fingerspitzen. Unter meinen Händen tauchten blass die blauen Symbole auf, welche meine Kräfte ankündigten. Ich atmete durch. 

»Vergiss es«, versuchte ich, vom Thema abzulenken. »Es spielt keine Rolle.« 

»Für mich spielt es eine Rolle«, erwiderte Greg. 

Anstelle einer Antwort, erhob ich mich von meinem Stuhl und schüttelte den Kopf. »Ich brauche frische Luft«, stellte ich klar, bevor ich das Café überstürzt verließ.

 

Kapitel 2

Rowan

 

Ich warf Greg einen vorwurfsvollen Blick zu, dann folgte ich Jennifer nach draußen. Ava und meinen Mitbewohner ließ ich allein zurück.

Kalte Luft schlug mir entgegen, als ich die Tür zur Straße aufstieß. Gott, ich hasste dieses Scheiß-Wetter. In Peru hatte ich wenigstens an meinem Teint arbeiten können (neben den ganzen Entführungen und Monstern, mit denen ich mich herumgeschlagen hatte), aber hier schienen mich der Schnee und die Kälte regelrecht zu verspotten. Als ob ich mich nicht so schon beschissen genug fühlen würde. Danke auch.

Ich stellte sicher, dass meine Kapuze mein Gesicht verdeckte – ich wollte hier keine Hysterie auslösen, falls mich jemand erkennen sollte – und trat dann neben Jennifer, die sich unter das kleine Vordach des Cafés gestellt hatte. Sie rieb sich fröstelnd die Hände und versuchte, ihre schnellen Atemzüge zu beruhigen. Obwohl ich die blauen Symbole nicht sehen konnte, spürte ich dennoch das Prickeln der Magie, die von Jennifer ausging. Sie hatte schon immer Mühe gehabt, ihre Kräfte im Griff zu halten, und seit unserer grandiosen Suizidmission war es nur noch schlimmer geworden. 

»Alles klar bei dir?«, fragte ich und schüttelte innerlich über mich selbst den Kopf. Natürlich war nichts okay. Ansonsten würde sie wohl kaum in einem dünnen Pullover hier draußen in der Kälte rumstehen. 

»Sorry, ich … ich bin nur etwas durch den Wind«, antwortete sie. 

Ich griff in meine Jeanstasche, zog eine Lucky Strike hervor und entzündete sie mit dem Feuerzeug (ich hätte auch meine Fähigkeiten nutzen können, aber das wäre vermutlich auf einer überfüllten Straße im Zentrum Londons keine sonderlich gute Idee gewesen). Während der Rauch aus meinem Mund nach oben stieg, redete Jennifer weiter. 

»Ich kann nicht glauben, dass er das wirklich ernst meint«, fuhr sie fort. »Das passt überhaupt nicht zu ihm. Greg ist logisch und rational und intelligent. Aber jetzt stürzt er sich plötzlich in diese ganze Geschichte und denkt sie nicht einmal zu Ende.« 

»Er fühlt sich schuldig«, meinte ich achselzuckend. »Menschen mit einem schlechten Gewissen würden alles tun, um dieses Gefühl loszuwerden.« 

Jennifer drehte den Kopf in meine Richtung. »Du meinst, wegen Lucy und den anderen?« 

»Er gibt sich die Schuld an ihrem Tod. Darum ist er schließlich hier, oder? Weil er seinen Fehler von damals wiedergutmachen will.« 

»Er ist auch unser Freund«, beharrte Jennifer. 

»Natürlich ist er das.« Meistens zumindest. Wenn er nicht gerade wieder meinen Bademantel benutzte oder mich die ganze Nacht mit seinem Geschnarche wachhielt. »Aber das ändert nichts an seinen Gefühlen.«  

Jennifer schnaubte. »Na klar doch, Herr Therapeut.« 

»Hey«, protestierte ich. »Ich kenne mich mit solchen Dingen tatsächlich besser aus, als du denkst.« 

»Mit Therapie oder mit Gefühlen?«, neckte mich Jennifer mit einem sanften Lächeln. 

»Mit beidem«, gab ich seufzend zu. »Das mag bescheuert klingen, aber ich glaube, ich kann Greg verstehen. Irgendwie zumindest.« Ich nahm einen Zug meiner Zigarette und beobachtete das Glimmen der Funken, die zu Boden stoben. »Als meine Eltern mich gezwungen haben, in Therapie zu gehen, hat mein Manager in den sozialen Medien verkündet, dass ich mir ein Jahr Auszeit von meiner Karriere nehmen würde.« Beim Gedanken daran hätte ich beinahe trocken zu lachen begonnen. Ein Jahr. Na klar. Wer hätte gedacht, dass ich ein Jahr später bereits ein feuerwerfender Freak sein würde, der sich aus irgendeinem Grund einbildete, die Welt retten zu können? »Offiziell war meine Karriere natürlich vorbei, aber mein Label wollte verhindern, dass das bekannt wurde – wegen den Verkaufszahlen und wegen den Fans. Für manche von ihnen war meine Musik ihr ganzer Lebensinhalt. Darum verkrafteten es manche von ihnen nicht, dass ich Pause machen würde. Eine von ihnen, ein Mädchen … Ihr Name war Gracey Wilton.« Ich hielt kurz inne und bemühte mich, meine Fassung zu bewahren. »Sie war offenbar einer dieser Superfans … Du weißt schon, die Art von Mädchen, die ihre Zimmertür mit Fotos von mir zupflastern und die Lyrics zu all meinen Songs kennen. Aus den Medien erfuhr ich, dass sie sich am Tag, als ich meine Pause verkündete, vom Dach ihrer Schule gestürzt hatte. Sie war gerade mal vierzehn gewesen.« 

Ich bemerkte, dass sich etwas in Jennifers Gesicht veränderte. Sie trat näher an mich heran und hob ihren Arm, als wolle sie nach meiner Hand greifen – nur um sich im letzten Augenblick daran zu erinnern, dass sie mich nicht berühren konnte. 

»Rowan, ich … ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das tut mir so unendlich leid.« 

»Als ich das hörte, hatte ich einen neuen Tiefschlag«, fuhr ich fort und versuchte, mich auf die Leute zu fokussieren, die an uns vorbeiliefen. »Fast einen Monat lang durfte ich keinen Besuch empfangen und mein Zimmer nur in Begleitung verlassen, weil sie … weil sie offenbar dachten, dass ich mir etwas antun würde oder so.« Dabei erwähnte ich nicht, dass diese ganze Sache damals längst vergessene Erinnerungen an Liam zurückgebracht hatte. »Auf jeden Fall schaffte es meine Psychotante, mir einzureden, dass Graceys Entscheidung nicht meine Schuld war. Offenbar hatte sie zuvor schon Probleme gehabt. Keine Ahnung. Aber damals hätte ich alles dafür getan, um das rückgängig zu machen.« 

»So wie Greg«, schlussfolgerte Jennifer und ich nickte. 

»Ja. So wie Greg.« 

Sie schwieg. »Danke, Rowan«, meinte sie dann plötzlich. 

Verwirrt sah ich sie an. »Wofür denn?« 

»Dass du mir das erzählt hast. Vielleicht hätte ich Greg besser zuhören sollen, bevor ich so ausgerastet bin.« 

»Mach dir nichts draus. Du hattest schon recht. Seine Idee ist völlig durchgeknallt. Ich glaube, wir sind alle ein wenig müde.« 

»Das sind wir wohl«, stimmte Jennifer mir zu. Als ich einen weiteren Zug meiner Zigarette nahm, warf sie mir einen vorwurfsvollen Blick zu. »Hast du nicht gesagt, dass du mit dem Rauchen aufhören willst?« 

Ich begann zu grinsen. »Ich habe auch mal gesagt, dass ich diese Scheiß-Welt nicht retten will. Und jetzt schau, wo mich das hingebracht hat.« 

»Ja, aber im Gegensatz dazu kann dir das Weltretten keinen Lungenkrebs geben.« 

»Dafür mit hoher Wahrscheinlichkeit ein langsames, qualvolles Verrecken, falls wir versagen sollten. Das ist auch nicht gerade besser. Außerdem«, fügte ich an und mein Grinsen verbreiterte sich, »wären Ava und du doch völlig aufgeschmissen ohne euren Ritter in glänzender Rüstung.« 

»Der Ritter, der sich damals im Treppenhaus beinahe in die Hose gemacht hat, als er zum ersten Mal auf das Covojo getroffen ist?« 

»Der Ritter, der euch heldenhaft mit der Macht seines Deosprays gerettet hat«, korrigierte ich sie. Und der Idiot, der von einem verdammten Monsterhund seinen ganzen Rücken aufgerissen bekam, weil er den Helden hatte spielen wollen. Aber das erwähnte ich lieber nicht. Jennifer reagierte auf diesen ganzen Vorfall eher … empfindlich. Vermutlich, weil sie davon überzeugt war, dass ich mich ihretwegen in Lebensgefahr gebracht hatte (womit sie nicht einmal so falsch lag). 

Sie begann zu lachen und versetzte mir einen liebevollen Stoß mit der Faust an die Schulter. »Das war allerdings sehr heldenhaft, oh edler Ritter«, zog sie mich auf. Dann erstarrte sie. 

Wir sahen uns beide an. Ich konnte fühlen, wie mein Herzschlag sich innerhalb von Sekunden verdoppelte. Jennifer sah auf ihre Hand, die eben noch meine Schulter berührt hatte, und dann wieder zu mir. Nichts geschah. Dabei hätte unsere Berührung die Straße schon längst in ein Trümmerfeld verwandeln sollen. Stattdessen durchfuhren mich abwechselnd Wellen aus Kälte und Hitze und als ich auf meine zitternden Hände blickte, realisierte ich, dass die magischen Symbole unter meiner Haut aufgetaucht waren. Sie leuchteten rot auf, nur um Sekunden später eine bläuliche Färbung anzunehmen, bevor sie wieder zu ihrem alten Farbton zurückkehrten. Was zum …? 

»Leute!«, riss Avas Stimme uns aus unserer Trance. Sie stürmte aus dem Café und stolperte dabei beinahe über die Türschwelle. 

»Was ist passiert?«, fragte Jennifer und riss ihren Blick von mir los. »Alles okay?« 

»Greg«, keuchte Ava. »Er ist weg.« 

»Weg?«, wiederholte ich. 

»Ich war kurz auf der Toilette und als ich wiederkam, war er … verschwunden.« 

Verdammt. Dieser Idiot hatte vermutlich von Anfang an nicht daran gedacht, auf uns zu hören. Natürlich nicht. Jemand wie Gregory Campbell musste schließlich immer alles besser wissen. 

»Er muss zu seinem alten Haus zurückgekehrt sein«, schlussfolgerte Jennifer, die aussah, als würde sie Greg am liebsten erwürgen. »Verdammte Scheiße. Er meint das mit dem Einbruch wohl ernst.« Als sie bemerkte, wie Ava und ich sie anglotzten, blinzelte sie verwirrt. »Was?« 

»Jenn«, sagte Ava vorsichtig. »Du hast gerade geflucht.« 

Jennifer kniff die Augen zusammen. »Na und?« 

»Du fluchst nie«, stellte ich klar. 

»Niemals«, stimmte Ava mir zu und konnte das feine Grinsen in ihren Mundwinkeln nicht verbergen. 

»Bist du sicher, dass du die richtige Jennifer Wild bist und nicht – keine Ahnung – ein Reptiloiden-Klon?«, hakte ich mit demselben Grinsen nach. 

Sie verdrehte die Augen. »Macht euch nicht lächerlich. Das ist nicht das erste Mal, dass ich fluche.« 

»Aber das erste Mal, dass du es in unserer Gegenwart tust«, bemerkte ich. 

»Tja, ich schätze, das bedeutet dann wohl, dass ich eindeutig zu viel Zeit mit dir verbracht habe«, keifte Jennifer zurück. »Dein schlechter Einfluss hat wohl abgefärbt.« 

»Ha! Ich wusste doch, dass unser Superhirn auch eine rebellische Ader hat. Es fängt mit Fluchen an, aber glaub mir, bald wirst du mit Piercings und Tattoos rumlaufen.« 

»Ach, halt die Klappe, Rowan.« 

»Sie hat recht«, mischte Ava sich ein, bevor wir uns einen erneuten Schlagabtausch liefern konnten. »Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, Greg zu finden.« 

»Und ihn daran hindern, ein Kleinkrimineller zu werden«, fügte ich seufzend an. 

 

* * *

 

Ich wünschte, ich hätte mich über Greg genauso ärgern können wie Jennifer. Aber die Wahrheit war, dass ich ihn vermutlich besser verstehen konnte als jeder von uns (er selbst einbegriffen). Nicht nur wegen dieser ganzen Gracey-Sache, die ich längst irgendwo in den Tiefen meines Gedächtnisses begraben hatte, sondern weil ich wusste, wie es war, jemanden zu verlieren. Jemanden, der einem wichtig war. Greg gab sich nicht nur die Schuld am Tod von Nial Carter und Matthew Dalton, sondern auch am Verschwinden von Lucy. Dass Ava und Lucy miteinander verbunden waren, hatten selbst die Lehrer an der Bildungsfestung begriffen. Aber die anderen schienen zu vergessen, dass Lucy auch Gregs Freundin war. Seine einzige Freundin, wohlgemerkt. Ich hatte immer vermutet, dass Lucy einfach nett zu ihm war, weil sie im selben Viertel von London aufgewachsen und zur Schule gegangen waren. Aber seit ihrem Verschwinden war mir klar geworden, dass da zwischen den beiden so etwas wie eine Freundschaft gewesen war. Man musste nicht Sherlock Holmes sein, um zu begreifen, wie beschissen es Greg in den ersten Tagen nach ihrem Verschwinden gegangen war. Er hatte kaum geschlafen und sich nächtelang in seine merkwürdigen Forschungen vertieft (das war auch die Zeit gewesen, in der ich den Vorschlag mit dem Raumtrenner gemacht hatte – eine meiner besseren Ideen). Damals hätte ich ihn für seinen Geräuschpegel um drei Uhr morgens am liebsten aus dem Fenster geworfen. Heute empfand ich beinahe so etwas wie Mitleid mit ihm. Zumindest konnte ich verstehen, wie er sich fühlen musste. 

Oh Gott. Bedeutete das, dass ich etwas mit Gregory Campbell gemeinsam hatte?  

»Rowan? Wir sind da.« 

Jemand berührte mich vorsichtig an der Schulter und schob mich zur Tür des U-Bahn-Wagens hinaus. Für einen kurzen Moment hoffte ich, dass es Jennifer war, aber die Hoffnung zerplatzte wie eine Seifenblase, als ich in Avas müde Augen blickte. 

»Alles klar bei dir? Du bist vorhin total weggetreten«, bemerkte sie. 

Wir drängten uns durch die Masse der Leute, die alle an derselben Station ausgestiegen waren, und gingen zielstrebig auf die Rolltreppen zu. Nur wenige Meter von mir entfernt entdeckte ich Jennifers blonden Haarschopf. 

»Klar«, winkte ich rasch ab. »Ich habe nur … nachgedacht.« 

Ava zog eine Braue hoch. »Das sind vier Worte, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie mal aus dem Mund von Rowan McGuire höre.« 

»Hey, ich bin mehr als nur der Typ mit den perfekten Brauen und den umwerfendsten Locken der Welt«, verteidigte ich mich und tippte mir mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Hier oben geht einiges ab. Dieser Prozessor läuft ständig auf Hochbetrieb.« 

Ein sanftes Grinsen stahl sich auf Avas Lippen. »Wegen den ganzen Fantasien von dir und Jenn, meinst du?« 

Hitze flutete mir ins Gesicht, aber ausnahmsweise hatten meine Kräfte mal nichts damit zu tun. Ich war froh darüber, dass Jennifer ein paar Meter vor uns ging und offenbar so beschäftigt damit war, den Ausgang zu finden, dass sie uns nicht hören konnte. 

»Du spinnst ja. Jenn und ich sind nur …« 

»Freunde?«, beendete Ava meinen Satz. »Ach, komm schon. Greg und du seid auch Freunde – und ihn hast du noch nie mit diesem Blick angesehen.« 

»Was für ein Blick?« 

»Na, der Blick, als würdest du am liebsten jeden Morgen neben ihm aufwachen und ihn mit einem Kuss auf die Stirn wecken.« 

Ich erschauderte beim Gedanken daran. »Wir reden hier immer noch von Greg, oder?« 

»Ich bin nicht blind, Rowan. Ich sehe doch, was da zwischen Jenn und dir läuft. Und glaub mir, es ist vieles – aber es ist definitiv keine Freundschaft.« 

»Als ob du so viel Erfahrung mit sowas hättest«, murmelte ich, während meine Wangen mit jeder Sekunde heißer wurden. 

Plötzlich kehrte die Ernsthaftigkeit auf Avas Gesicht zurück, die sich in den letzten Wochen wie ein schwer ablösbares Pflaster in den Falten auf ihrer Stirn festgesetzt hatte. »Ich war auch schon mal verliebt, weißt du«, murmelte sie, bevor sie ihre Schritte beschleunigte, um zu Jennifer aufzuschließen. 

Ich seufzte leise. Verdammt. Hatte ich was Falsches gesagt? In letzter Zeit war selbst das beschissene englische Wetter vorhersehbarer als die ganzen Stimmungsschwankungen ihrer Gefühlswelt. Nicht, dass es mich überrascht hätte. Ich wäre wohl auch schlecht gelaunt, wenn ich jede Nacht kaum länger als ein paar lächerliche Stunden schlafen würde. 

Wir verließen die U-Bahn-Station und erreichten die Straße, wo wir uns bereits heute Nachmittag eingefunden hatten, nach einer knappen Viertelstunde. Inzwischen war es kurz vor sechs und die letzten Sonnenstrahlen versteckten sich bereits hinter den dunklen Wolken. Es hatte aufgehört zu schneien, aber die Kälte drang nach wie vor in all meine Knochen. 

»Was, wenn er nicht hier ist?«, fragte ich und beschwor meine Kräfte herauf – so weit, dass ich nicht wie ein verdammter Weihnachtsbaum leuchtete, aber dennoch genug, um meinen zitternden Körper zu beruhigen. 

»Er ist hier«, antwortete Jennifer knapp. Mit dem Kinn wies sie auf die Gestalt, die auf der anderen Straßenseite stand. Sie trug einen viel zu langen Wintermantel und einen karierten Wollschal, der wohl im vorletzten Jahrhundert mal in gewesen war. Japp. Das war eindeutig Greg. 

»Meine Güte«, stieß Jennifer – halb erleichtert, halb wütend – aus und stürmte auf Greg zu. »Was hast du dir nur dabei gedacht, einfach so wegzulaufen? Wir haben nicht einmal Handys, um dich kontaktieren, falls wir dich verlieren.« 

Greg drehte sich um. Ich konnte es im fahlen Licht der Straßenlampen nicht genau erkennen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er zufrieden aussah. Zumindest interpretierte ich das mikroskopische Zucken seiner Mundwinkel so. 

»Ich wusste, dass ihr hierherkommen würdet«, meinte er achselzuckend. 

»Ich kann nicht glauben, dass du hier bist«, ereiferte sich Jennifer. »Wir haben doch darüber geredet. Wir sind keine Verbrecher.« 

»Es wird ja niemand zu Schaden kommen«, erwiderte Greg unbeirrt. »Niemand wird bemerken, dass wir je hier gewesen sind.« 

»Und was, wenn doch? Das Risiko ist einfach zu groß.« 

»Denk doch mal darüber nach«, beharrte Greg. »Was, wenn mir all das wirklich hilft, mich zu erinnern? Was, wenn wir heute Nacht den entscheidenden Hinweis finden, um die dritte Schwester aufzuspüren?« 

»Es gibt noch andere Wege, die dritte Schwester aufzuspüren.« 

Greg lachte trocken. »Dann nenn mir einen. Das hier?« Er machte eine ausschweifende Handbewegung, welche das Haus hinter ihm miteinbezog. »Das war Andris‘ letzter Wunsch vor ihrem Tod. Sie hat ausgerechnet mich erwähnt. Weil ich offenbar der Einzige bin, der die Chance hat, ihre Schwester zu finden.« 

»Ich würde mir darauf nicht zu viel einbilden«, meinte ich. »Rektor Hector war auch mal felsenfest überzeugt davon, dass ich der Auserwählte bin, um den Fluch von Amberwood zu lösen – und wir wissen ja alle, wie falsch er damit lag. Verzweiflung bringt Leute dazu, alles zu glauben, was sie glauben wollen, verstehst du?« Das meinte ich ernst. Rektor Hector musste wirklich sehr verzweifelt gewesen sein, um all seine Karten auf mich zu setzen. 

»Ihr müsst mir einfach vertrauen«, fuhr Greg fort. »Wenigstens einmal.« 

Jennifer massierte sich müde das Nasenbein. »Greg …« 

»Ich habe die Gegend bereits ausgekundschaftet«, unterbrach er sie. »Die Bewohnerin ist vorhin weggefahren und die Nachbarn scheinen noch nicht zu Hause zu sein. Das wäre die Gelegenheit. Es dauert bloß ein paar Minuten.« 

Beruhigend legte ich Greg eine Hand auf die Schulter. »Komm schon, Alter. Jenn hat recht. Wir sind keine Verbrecher. Wir werden einen anderen Weg finden.« Oder alle kläglich draufgehen, wenn die Epic die Weltherrschaft an sich rissen. Eins von beidem auf jeden Fall. 

Greg schlug meine Hand weg und funkelte mich aus dunklen Augen an. Wenn ich nicht meinen Mitbewohner vor mir gehabt hätte, hätte ich beinahe Angst bekommen. 

»Du begreifst es nicht, oder? Das ist unsere Chance. Wollt ihr denn nicht endlich nach Hause? Euer altes Leben zurück?« 

Dabei glitt sein Blick zu Jennifer, die kurz innehielt. 

»Natürlich will ich das«, sagte sie leise. »Aber das ist im Augenblick einfach nicht möglich.« 

»Das ist ja der Punkt«, widersprach Greg. »Du kannst nach Hause. Du kannst in dein altes Leben zurück. Wir alle können das – sobald wir die dritte Schwester gefunden haben. Andris hat gesagt, dass sie wissen wird, was zu tun ist. Das bedeutet, dass sie all unsere Probleme lösen kann.« Wieder fixierte er Jennifer mit seinem Blick. »Wir könnten sie schon heute Nacht finden, wenn ich mich erinnere. Willst du diese Chance wirklich verstreichen lassen?« 

»Er hat recht.« 

Das war Ava. Sie hatte sich bisher aus der Unterhaltung herausgehalten. Jetzt warf sie die Kapuze ihrer Jacke in den Nacken und setzte einen Ausdruck auf, der mehr Entschlossenheit ausstrahlte, als ich je in den letzten Wochen bei ihr gesehen hatte. 

»Mir gefällt diese Idee auch nicht«, rechtfertigte sie sich schnell, bevor Jennifers Kinnlade noch tiefer sinken konnte. »Aber es stimmt, was Greg sagt. Das könnte unsere Chance sein, all das endlich hinter uns zu lassen. Ich meine, seid ihr nicht auch müde?« Sie wartete auf eine Antwort, die jedoch nicht kam. »Seit Oktober hatte ich kaum eine einzige Nacht, in der ich nicht wegen Albträumen aufgewacht bin. Ich wurde mehrmals entführt und beinahe getötet, habe meine beste Freundin verloren und musste mitansehen, wie eine Frau vor meinen Augen gestorben ist.« Als sie das aussprach, begann ihre Stimme zu zittern. Sie biss sich auf die Lippe und atmete durch. »Was ich damit sagen will, ist … Ich kann das nicht mehr. Nicht so. Wenn ich daran denke, dass wir noch Monate auf der Suche nach dieser dritten Schwester sein könnten, dann würde ich am liebsten jetzt schon aufgeben. Mein altes Leben war nicht perfekt, aber wenigstens war es mein Leben. Wenigstens konnte ich die Entscheidungen über meine Zukunft treffen – und nicht irgendeine blöde Prophezeiung.« 

Ich schwieg. In Jennifers Gesicht konnte ich erkennen, dass Avas Worte genau ins Schwarze trafen. Sie wollte ihr altes Leben zurück, die Normalität von damals. Sie wollte ihre Zukunft zurück – jene Zukunft, die sie sich selbst erarbeitet hatte und die weiter entfernt schien als je zuvor. Sie hatte es nicht verdient, gemeinsam mit uns in diesem Schlamassel zu sitzen und mitansehen zu müssen, wie alles, wofür sie je gekämpft hatte, zwischen ihren Fingern zerrann. 

Ich konnte sie verstehen. Ich wusste, wie es sich anfühlte, sich nach etwas zu sehnen, das man längst verloren hatte. Nach Liams Tod war es mir genauso gegangen. Wochen danach hatte ich noch geglaubt, mich in einem Albtraum zu befinden, aus dem ich irgendwann aufwachen würde. 

Aber das war nicht der Grund, weshalb ich schwieg. Ich sagte nichts, weil mir klar war, dass die anderen die Wahrheit nicht verstehen würden – nämlich, dass sich die letzten Wochen trotz der Scheiße, die wir erlebt hatten, zum ersten Mal in meinem Leben richtig angefühlt hatten. Und dass ich auf keinen Fall zum Trümmerfeld zurückkehren wollte, das mein Leben bis vor ein paar Monaten noch gewesen war. 

»Na schön«, meinte Jennifer schließlich. »Ihr habt recht. Wir können nicht vorankommen, wenn wir nicht bereit sind, ein Risiko einzugehen. Aber … lasst uns vorsichtig sein, okay?« 

Ich verkniff mir einen Kommentar. Da redete ich gerade eben noch davon, dass Verzweiflung Menschen unüberlegte Dinge tun ließ – und nun tat Jenn genau dasselbe. Nicht, dass ich es ihr übelnahm. Sie hätte sich an jeden Strohhalm geklammert, wenn es bedeutet hätte, ein Stück ihrer alten Realität zurückzuerhalten. 

»Und du, Rowan? Bist du dabei?«, wollte Greg wissen. 

Alle Blicke richteten sich auf mich. Ich schob meine Hände in die Taschen meines Kapuzenpullovers und zog müde die Mundwinkel hoch. 

»Klar. Ihr wisst doch, dass ich euch nie was ausschlagen könnte.«