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Die interaktive Kurzgeschichte Begegnung im Dunkeln ist die Vorgeschichte einer wichtigen Figur aus Lichtherz. Sie ist während einer Woche auf meinem Instagram-Account entstanden, wo ich jeden Tag einen neuen Abschnitt der Geschichte gepostet habe. Das Besondere dabei war, dass die Leserinnen und Leser direkt im Anschluss darüber abstimmen konnten, wie die Hauptfigur handeln soll. Das bedeutet: Nicht einmal ich selbst, als Autorin, wusste immer, wie es ausgehen wird!

Begegnung im Dunkeln

 

Die Straßen und Gassen klaffen wie gewaltige Schluchten vor dir auf. Du ziehst deine Jacke etwa enger um deinen Oberkörper und beschleunigst deine Schritte. Das Klacken deiner hohen Schuhe auf dem Pflasterstein vermischt sich mit dem Rauschen des Flusses, der sich geduldig durch die Stadt schlängelt. Du musst dich beeilen, nach Hause zu kommen, bevor deine Mutter bemerkt, dass du dich weggeschlichen hast. Wenn sie wüsste, dass du wieder die halbe Nacht mit deinen Freunden am Seeufer verbracht hast, würde sie sicherlich ausflippen. Du hast die Brücke schon fast erreicht, als du aus dem Augenwinkel einen Schatten bemerkst, der sich in deine Richtung bewegt.

Du gehst normal weiter und beschließt, den Schatten zu ignorieren. Du hast den Mühlenplatz schon fast erreicht, als du Schritte hinter dir hörst. Du gehst etwas schneller, das Klopfen in deiner Brust lauter mit jedem weiteren Schritt. Jetzt erkennst du, dass es ein junger Mann ist, der dir folgt. Er beschleunigt seine Gang, während die Distanz zwischen euch beiden immer kleiner wird. Langsam wird er dir unheimlich. Du willst gerade rechts abbiegen, als dir der Mann plötzlich seine Hand auf die Schulter legt und dich zurückhält.

Als du dich umdrehst, blickt dir das Gesicht eines jungen Mannes mit zerzausten Haaren entgegen. Du spürst seinen warmen Atem auf deinem Gesicht und riechst den Alkohol, der darin mitschwingt. Er hebt seine zitternde Hand, zwischen deren Fingern er sich eine Zigarette geklemmt hat. „Haste mal Feuer?“ 

Du stößt den Betrunkenen von dir und schüttelst den Kopf. Er gluckst und taumelt zurück, macht jedoch keine Anstalten, sich dir weiter zu nähern. Du entfernst dich mit schnellen Schritten von ihm und überquerst den Mühlenplatz. Wieder bemerkst du einen Schatten in deinem Augenwinkel, aber er ist nicht der Betrunkene, sondern eine breitschultrige Gestalt, die im Halbdunkel einer Nebengasse steht – und direkt in deine Richtung starrt …

Du reißt deinen Blick von der Gestalt weg und gehst rasch weiter. Nach wenigen Metern tauchst du zwischen den engen Gassen der Altstadt ab und verlierst den Schatten aus den Augen. Erleichterung überfällt dich. Zwischen den historischen Häusern und den geschlossenen Läden fühlst du dich in Sicherheit, als würden sie dich in ihrer Umarmung beschützen. Dennoch lässt dich das nagende Gefühl in deinem Nacken nicht ganz los.

Über dir bemerkst du ein leises Zischen und das Geräusch von Schritten über dir. Du hebst den Kopf, doch zwischen den Häusern entdeckst du lediglich das Meer aus Sternen, das sich über dir erstreckt. Kopfschüttelnd gehst du weiter, als du plötzlich hörst, wie etwas Schweres hinter dir auf dem Boden landet …

Mit klopfendem Herzen drehst du dich um. Ein kalter Wind zieht durch die Gasse und wirbelt einen Plastiksack vom Boden auf. Niemand zu sehen. Du erschauderst. Als du dich erneut umdrehst, um deinen Weg fortzusetzen, steht auf einmal eine Gestalt vor dir. Du unterdrückst einen Schrei und stolperst zurück, dein Herz fast so laut wie deine hektischen Atemzüge. Die Gestalt trägt einen langen Mantel und eine  Maske, welche dich an jene vom Karneval in Venedig erinnert. Was dir allerdings das Blut in den Adern gefrieren lässt, sind die beiden Schwerter, welche die Gestalt in ihren Händen trägt: gläserne, rapierartige Schwerter, die von einem seltsamen Nebel umgeben sind.

„Es ist lange her“, sagt die Gestalt mit tiefer Stimme.

Du erstarrst völlig. Du kennst die Stimme der Gestalt, tief wie ein Donnerschlag, der durch die Erde bebt. Sie gehört zum Mann, der auch sieben Jahre später noch in deinen Albträumen auftaucht. Der Mann, vor dem du deine Schwester gerettet hast, bevor ihr aus jenem brennenden Haus geflohen seid. Dabei warst du damals selbst noch ein Kind.

„Du kannst nicht hier sein“, entfährt es dir. Die Maske, die der Mann trägt, starrt dir blank und ausdruckslos entgegen. Du spürst, wie die Narben auf deiner Handfläche zu brennen beginnen. Eine ewige Erinnerung an die Vergangenheit, die du so lange vergessen geglaubt hast.

„Ich bin hier, um zu beenden, was ich damals angefangen habe“, erklärt der Mann ruhig. „Komm mit mir – und dir wird nichts passieren.“

Fassungslos starrst du den Mann an. Sieben Jahre ist es her, seit er euch wehgetan hat. Sieben Jahre, in denen du ihn für tot gehalten hast. Nun taucht er plötzlich wieder in deinem Leben auf und erwartet von dir, dass mit ihm mitgehst? Du trittst einen Schritt zurück, und dann noch einen. Vorsichtig schlüpfst du mit der Ferse aus der Schnalle, die deine hohen Schuhe an deine Füße bindet. Dabei lässt du den Mann nicht aus den Augen, auch wenn du hinter seiner Maske nicht sehen kannst, ob er dich beobachtet. 

„Überleg es dir“, fährt er fort und kommt näher. Dein Herz macht einen Sprung. Inzwischen hast du es geschafft, dich aus der zweiten Schnalle zu befreien, auch wenn dein Körper bei jeder Bewegung zittert. „Du willst doch nicht, dass –“

Dem Rest seiner Worte hörst du gar nicht mehr zu, denn in diesem Moment rennst du los. Mit einem Fuß bleibst du fast im Schuh hängen, aber du schaffst es irgendwie, ihn abzuschütteln, während du über die Pflastersteine stolperst und die Kälte sich in deine Haut brennt.

„Du kennst nicht davonlaufen!“, ruft dir der Mann hinterher. „Das ist noch nicht vorbei! Wir werden dich immer wieder finden, hörst du? Bis du bereit bist, eine von uns zu werden!“

Tränen steigen in dir hoch und verfangen sich in deinen Wimpern. Du blinzelst sie weg, rennst weiter, bis deine Brust und deine Oberschenkel wie Feuer brennen und deine Füße so taub geworden sind, dass du sie kaum mehr spüren kannst. Erst, als du die Umrisse deines Hauses erkennst, wagst du es, langsamer zu werden. Du sinkst am Zaun um den Garten zu Boden und schlägst die Hände vors Gesicht, zitternd vor Kälte und vor Angst. Bilder von längst vergessenen Erinnerungen blitzen vor deinem inneren Auge auf. Du weißt, dass der Mann recht hat. Das ist nicht vorbei. 

 

Das ist erst der Anfang.