Kapitel 1

 

Wärme schlug mir entgegen, als ich die Tür zum Café aufstieß. Ich hörte Gelächter und Gerede, das Rattern der Kaffeemaschine hinter der Theke und das Knarzen des alten Parkettbodens unter dem Gewicht von schweren Winterstiefeln. In der Luft lag der Geruch von süßem Zimt, frisch gebackenem Apfelstrudel und heißen Pfannkuchen. Beim Gedanken an eine warme Mahlzeit zog sich mein Magen hungrig zusammen. Es war viel zu lange her, seit ich etwas Richtiges gegessen hatte.

Das Café Kirschblüten war überraschend belebt an diesem Sonntagmorgen. Um der Kälte draußen zu entfliehen, hatten sich die Menschen hier zu Kaffee oder dampfendem Kakao eingefunden und saßen auf gepolsterten Stühlen um die runden Tische, die den Großteil des Raumes ausfüllten. Manche aßen Frühstück und unterhielten sich dabei ausgelassen, während andere in den Büchern schmökerten, die in den Regalen an der Wand standen. Einige waren mit ihrer Familie oder ihren Freunden hier, andere saßen alleine an einem Platz und starrten auf ihren Laptopbildschirm oder erledigten ihre Hausaufgaben.

Wir waren aus keinem dieser Gründe hier. Um ehrlich zu sein, wäre ich in diesem Moment überall lieber gewesen als in einem belebten Café mitten in einer Stadt. Ich fühlte mich ausgesetzt. Beobachtet. Nachdem ich die anderen hatte eintreten lassen und die Tür hinter mir zugezogen hatte, warf ich erneut einen prüfenden Blick über meine Schulter – nur, um sicherzugehen. Wir waren ein großes Risiko eingegangen, indem wir hierher gekommen waren. Ich hoffte nur, dass es das wert sein würde.

Abschätzend ließ ich meinen Blick über die Sitzreihen und Bänke des Cafés schweifen. Unser Eintreten hatte die Gäste auf uns aufmerksam gemacht und einige von ihnen starrten uns nun mit sichtbarer Verwunderung an. Ich nahm es ihnen nicht übel. Wir mussten ein seltsames Bild abgeben: blass, ungeduscht und in Kleidern, die aussahen, als hätten wir sie im Katalog für Faschingsklamotten bestellt.

»Wir sind praktisch unsichtbar«, spottete Yannik.

Ich seufzte leise. Er hatte recht: Wir waren etwa so unauffällig wie ein Elefant, der gerade in den Laden getrampelt war. Aber auf die Schnelle hatte keiner von uns neue Klamotten auftreiben können. Außerdem mussten wir sichergehen, dass Sina und Lea uns erkennen würden, sobald sie uns sahen.

Wir setzten uns an einen freien Tisch neben dem großen Glasfenster, durch das man die Hauptstraße sehen konnte, und zogen unsere Handschuhe und Mützen aus. Dann bestellten wir uns drei heiße Kakaos mit extra Schlagsahne und schlürften eine ganze Weile wortlos an unseren Getränken. Das Schweigen zwischen uns hatte sich beinahe zur Normalität entwickelt. Während Yannik müde und ausgelaugt wirkte, konnte ich in Gabriels Gesichtszügen vor allem Bitterkeit erkennen. Er saß mit hängenden Schultern auf der Eckbank und hatte seinen Blick nach draußen gerichtet, wo die Menschen mit dicken Mänteln und langen Schals durch das Schneegestöber liefen. Ich wusste, dass er sich danach sehnte, einer von ihnen zu sein. In seinem Inneren war er immer noch ein Blickloser, auch wenn er die Ereignisse der letzten Tage allmählich zu akzeptieren schien.

Ich war froh, dass Yannik hier war. Er hatte Gabriel beruhigen können, als dieser nach unserer Flucht wieder in Panik verfallen war. Er war der Einzige, der eine Ahnung hatte, wie es sich anfühlte, mit dieser Welt konfrontiert zu werden, wenn man sein ganzes Leben im Dunkeln gehalten worden war.

Das Klingeln der Türglocke durchbrach meine Gedanken. Ich drehte den Kopf und erwartete, meine Schwester auf der Schwelle stehen zu sehen. Stattdessen war es nur ein weiterer Kunde, der das Café gerade betreten hatte. Frustriert verzog ich meine Lippen zu einem dünnen Strich und wandte mich wieder meinem Kakao zu.

In der Nacht, in der wir Düsterberg verlassen hatten, hatte Lea uns gebeten, ein Versprechen zu machen: Falls wir irgendwann getrennt würden, würden wir uns am darauffolgenden Sonntag in diesem Café treffen. Wir konnten nicht riskieren, Handys oder Briefe zu benutzen, ohne den Senat auf uns aufmerksam zu machen. Dieses Treffe war die einzige Möglichkeit, sich wiederzufinden.

Ich hatte stets gehofft, dass es niemals soweit kommen würde, aber inzwischen hatte ich begriffen, dass das eine naive Hoffnung gewesen war. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis der Senat uns finden würde. Nun waren wir hier und warteten auf etwas, das vielleicht niemals geschehen würde. Niemand konnte mir sagen, ob Sina und Lea überhaupt auftauchen würden. 

Manchmal fragte ich mich, ob wir in jener Nacht in Düsterberg hätten bleiben sollen. Nach Juliettes Tod schien sich die ganze Welt gegen uns verschworen zu haben. Als Adam mich gefunden hatte, hatte ich im Blut seiner Schwester gekniet. Es war verständlich, dass mich die ganze Hütergesellschaft für eine Mörderin hielt. Ich hätte dasselbe getan, wenn die Situation andersrum gewesen wäre. Die Flucht hatte die Dinge noch schlimmer und Sina, Lea und Yannik in den Augen des Senats zu Komplizen gemacht. Hätte es irgendetwas verändert, wenn wir zurückgeblieben wären und versucht hätten, die Situation zu erklären? Hätte uns irgendjemand Glauben geschenkt?

Mir war klar, dass es sinnlos war, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Es gab nichts, was irgendjemand von uns an diesen Entscheidungen ändern konnte. Wir konnten lediglich lernen, mit ihren Konsequenzen umzugehen.

Erneut kündigte das Klingeln der Türglocke an, dass das Café neue Kunden bekommen hatte. Wieder drehte ich mich um. Dieses Mal blieb mein Herz für einen kurzen Augenblick stehen.

Im Gegensatz zu Yannik, Gabriel und mir war Sina wie immer die Eleganz in Person. Sie hatte ihre blonden Haare zu einem eleganten Pferdeschwanz zusammengebunden und trug einen dunklen Mantel, der sich eng um ihre schlanke Figur legte. Die halbhohen Winterstiefel mit Absätzen und Sinas lange Beine gaben ihrem Auftritt den Hauch eines Models, das soeben den Laufsteg betreten hatte.

Hinter Sina folgte Lea Mix, eine Freundin von Jason McGull und eine ehemalige Verbündete von Viktor. Gemeinsam mit meinem Bruder hatte sie die letzten Jahre im Geheimen Maskierte gejagt, um sich am Tod ihrer Familie zu rächen, bevor ein Streit die beiden auseinandergerissen hatte. Lea hatte ihre Rachepläne aufgegeben und war sogar Mitglied im Senat geworden, bevor ihre Vergangenheit sie wieder eingeholt und sie sich entschieden hatte, uns im Kampf gegen Phönix zu unterstützen. Wie immer war Leas Kleiderstil lässig und cool: Mit den weit geschnittenen Jeans und der viel zu großen Jacke hätte man sie beinahe für ein Mitglied einer Hip-Hop-Gruppe halten können. Sie hielt ihre langen braunen Haare mit einem Stirnband in Schach und ließ ihren Blick kurz schweifen, bevor sie ihren Schal lockerte und dann den Raum mit entschlossenen Schritten durchquerte. Sina, die ebenfalls nur kurz auf der Schwelle stehen blieb, folgte ihr in Richtung Toiletten.

Es kostete mich einiges an Willenskraft, um nicht sofort von meinem Stuhl aufzuspringen. Stattdessen erhob ich mich betont langsam und steuerte auf die Tür zu, hinter der Sina und Lea eben verschwunden waren. Yannik und Gabriel folgten in sicherem Abstand. 

Wir durchquerten den hinteren Teil des Cafés und gelangten in einen Gang, der weiter vorne zu den Toiletten abzweigte. Am Ende des Flurs entdeckte ich eine Tür mit einem Glasfenster, die in einen kleinen, verschneiten Hinterhof führte. Ich drehte mich zu Gabriel um.

»Ich habe keine Ahnung, wie Sina reagieren wird, wenn sie dich sieht«, sagte ich. »Bleib also besser auf Abstand, ja?«

Er lachte trocken. »Ach, komm schon. Was ist das Schlimmste, das sie mir antun kann? Mich beleidigen?«

»Wenn du Glück hast«, murmelte ich und öffnete die Tür.

Der Hinterhof war kaum größer als der Innenraum des Cafés und er wurde von allen Seiten von hohen Hausmauern eingegrenzt. In der Mitte stand eine gewaltige Eiche, deren kahle Äste fast bis zu den Fenstern der anliegenden Häuser reichten. Daneben entdeckte ich Sina, die sich sofort umdrehte, als sie das Geräusch der sich öffnenden Tür hörte. Ihre Hand war wie immer an ihrer rechten Hüfte, wo sie ihre Pistole versteckt hatte. Ihre Gesichtszüge entspannten sich augenblicklich, als unsere Blicke sich trafen, und sie ging mit schnellen Schritten auf mich zu, bevor sie mich ohne ein Wort an sich drückte.

Nach der Kälte, der Flucht und der Ungewissheit, ob Lea und Sina überhaupt noch am Leben waren, fühlte sich die Wärme meiner Schwester an wie ein Feuer, welches die erstarrten Gefühle in mir wieder zum Leben erweckte. Als ich meine Stirn gegen ihr Schlüsselbein drückte, stiegen Tränen in meine Augen. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr ich sie vermisst hatte.

»Verdammt, Maret«, flüsterte Sina mit zitternder Stimme. »Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen.«

»Ich weiß«, antwortete ich und schluckte den Kloß in meinem Hals herunter.

Als meine Schwester sich von mir löste, sah ich, dass ihre Augen gerötet waren. Schnell fuhr sie sich mit dem Handrücken über ihre Lider. Erst dann fiel ihr Blick auf Gabriel, der einige Meter von uns entfernt vor der Hauswand stand. Plötzlich nahm ihr Gesicht einen völlig anderen Ausdruck an. Zuerst war da Verwirrung, dann Erleichterung – und dann Wut und eine Kälte, die mich erschaudern ließ.

Lea, die neben Sina im Schnee stand, starrte Gabriel ebenfalls an, aber bei ihr schien die Erleichterung alle anderen Gefühle zu überschatten. Sie sah aus, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie lachen oder in Tränen ausbrechen sollte.

»Viktor«, stieß sie aus, ihre Stimme kaum mehr als ein Wispern.

»Das ist nicht –«, setzte ich zu einer Erklärung an, aber es war bereits zu spät. Sina war schneller nach vorne gestürzt, als ich reagieren konnte. Sie packte Gabriel an den Schultern und drückte ihn grob gegen die Hauswand.

»Du verdammtes Arschloch!«, fuhr sie ihn an. »Wo warst du die ganze Zeit?!«

Gabriel umklammerte Sinas Handgelenke, konnte sich jedoch nicht aus ihrem Griff lösen. »Hör zu«, brachte er hervor. »Du verwechselst mich mit jemandem.«

»Ich will keine deiner verdammten Ausreden mehr hören!«, fiel Sina ihm ins Wort, bevor Gabriel überhaupt einen ganzen Satz zusammenstammeln konnte. »Du warst weg! Die ganze Zeit über, wo wir dich gebraucht haben, warst du weg – und jetzt glaubst du, dass du einfach wieder in unser Leben zurückkehren kannst, als wäre nie etwas geschehen?!« Sie schnaubte. »Gib mir einen guten Grund, weshalb ich dich je wieder als meinen Bruder bezeichnen soll!«

Gabriel warf einen verzweifelten Blick zu mir hinüber, den ich als »Jetzt versteh ich, was du vorhin gemeint hast« deutete, und drückte sich verängstigt gegen die Hauswand. »I-ich bin nicht dein Bruder«, stammelte er.

»Stimmt.« Sina ging so nahe an sein Gesicht heran, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. »Du bist nicht mehr mein Bruder, Viktor.« Sie spuckte den Namen regelrecht aus. Der Hass, der darin mitschwang, verursachte ein unangenehmes Ziehen in meinem Magen.

»Nein, du verstehst das nicht. M-mein Name ist nicht Viktor«, stammelte Gabriel.

Sina schnaubte. »Jetzt machst du dich lächerlich.«

»Er sagt die Wahrheit«, mischte sich Yannik nun plötzlich in das Gespräch ein.

Sina hielt in ihrer Bewegung inne und drehte sich um. »Was?«

»Das ist nicht dein Bruder«, wiederholte Yannik. »Das ist nicht Viktor.«

Langsam löste sich Sina von dem jungen Mann, den sie für ihren Bruder hielt, und fixierte mich mit ihrem Blick. Ihre Augen waren immer noch eiskalt. »Sag mir, was hier los ist.«

Ich biss mir auf die Unterlippe und seufzte. »Suchen wir uns drinnen einen Platz«, schlug ich vor. »Es gibt eine Menge, das wir erzählen müssen.«

 

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