Kapitel 1

 

Als ich mich in der Dunkelheit mit dem Rücken gegen die kalte Wand der Lagerhalle drückte, fragte ich mich, was zur Hölle ich hier eigentlich machte.

Meine Finger klammerten sich krampfhaft um den Dolch in meiner linken Hand. Mein Herz klopfte laut in meiner Brust und ich konnte regelrecht spüren, wie das Blut durch meine Venen rauschte und jede einzelne Zelle mit Adrenalin vollpumpte. Mein Körper war bereit für den Kampf. Die Sinne waren geschärft, die Aufmerksamkeit aufs Maximum hochgeschraubt und dem unangenehmen Pochen hinter meinen Augen nach zu urteilen, waren sogar meine übernatürlichen Fähigkeiten bereit für ihren Einsatz. Ich konnte das Biest in der Finsternis mit jedem meiner Atemzüge spüren. Es bewegte sich nur langsam vorwärts und zog die langen Krallen schlurfend über den Betonboden. Ich fühlte die Kälte, die von ihm ausging; eine unnatürliche Kälte, die mich zittern ließ, obwohl die Luft im Inneren der Lagerhalle stickig und warm war. Doch das Allerschlimmste war der Gestank, der sich in allen Winkeln des Gebäudes breitgemacht hatte: ein süßsaurer Duft aus Verwesung, vertrocknetem Blut und Tod.

Das Biest hatte mich nicht entdeckt. Noch nicht. Aber ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis es meine Fährte aufnehmen würde. Ghule hatten einen ausgezeichneten Geruchssinn – und sie waren um einiges schneller, als ihr unproportionierter Körperbau annehmen ließ. Ihre einzige Schwäche war Licht, doch davon gab es im Inneren der Lagerhalle nicht den kleinsten Funken. Natürlich nicht. Das hätte die ganze Sache auch viel zu einfach gemacht.

Ich hätte angreifen können, bevor der Ghul mich entdeckte, aber ich nutzte die kurze Stille lieber, um im Kopf nochmals alle möglichen Taktiken durchzugehen. Ich hatte die letzten fünfzehn Jahre auf diesen Moment hingearbeitet. Seit meiner Geburt hatte jeder Tag mich einen Schritt weiter in diese stickige Lagerhalle geführt und nun, da ich endlich hier war, durfte ich mir keine Fehler erlauben.

Es war nicht so, dass ich unbedingt hätte hier sein wollen. Ich hatte schlicht und einfach keine andere Wahl. Ich war eine Hüterin. Es war meine Aufgabe, mein Leben – ohne Zögern und ohne weitere Gedanken – immer und immer wieder für das Wohl anderer aufs Spiel zu setzen und selbstlos hinzugeben. Nicht, dass sterben heute eine Option gewesen wäre. Wie sollte ich die Blicklosen künftig vor den Kreaturen der Anderswelt beschützen können, wenn ich nicht einmal mit einem läppischen Ghul fertig wurde?

Ich hätte ihn von hinten attackieren können, das kurze Überraschungsmoment nutzen, um ihn aus der Bahn zu werfen. Aber dann musste der erste Schlag perfekt sein. Ein verletzter Ghul war ein wütender Ghul – und ein wütender Ghul war ein unberechenbarer Gegner. Frontal angreifen kam ebenfalls nicht infrage. So würde ich zwar sein Verhalten besser einschätzen können, aber der Kampf würde sich dadurch unvermeidbar in die Länge ziehen und mich ans Ende meiner Kräfte treiben. Ich musste nicht nur schnell sein, sondern auch präzise. Außerdem hatte ich einen entscheidenden Nachteil: Mit meinen 155,3 Zentimetern – ja, auf die drei Millimeter bestand ich! – würde ich den Ghul kaum durch meine Körpermaße übertrumpfen können.

Alles in allem war ich entschieden im Nachteil. Das war zu erwarten gewesen. Immerhin war das der Sinn der ganzen Sache.

Ich schloss die Augen. Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich hören, wie der Ghul ein und aus atmete. Hatte er meinen Geruch schon aufgenommen? Vielleicht. Wahrscheinlich. Ich musste mir auf jeden Fall etwas einfallen lassen.

Eine Fernwaffe wäre ideal gewesen, aber ich hatte bloß den alten Dolch, der in meiner Familie schon seit einigen Generationen weitergegeben wurde. Mit den Fingerspitzen fuhr ich über das Muster in seinem Griff. Sollte ich ihn werfen? Das war eine Möglichkeit. Ich war schon immer gut im Messerwerfen gewesen – gut genug, um auch in völliger Dunkelheit einen Treffer zu landen. Doch leider änderte es nichts an der Tatsache, dass ich mit einem Wurf nicht genug Kraft aufbringen konnte, um den Ghul tatsächlich niederzustrecken.

Verdammt.

Ich biss die Zähne zusammen. Egal, welche Optionen ich im Kopf durchging – sie verliefen alle sofort im Sand. Ich war nervös. Unruhig. Ich konnte nicht richtig denken; und das wiederum machte mich noch nervöser.

Irgendwo in der Finsternis schnappten die Zähne des Guhls aufeinander. Ein triumphierendes Gurgeln kam aus seiner Kehle. Er hatte meine Fährte aufgenommen.

Ich begann zu rennen. Das Pochen hinter meiner Stirn war stärker geworden und ich hatte Mühe, es weiter zurückzudrängen. Doch ich konnte es noch nicht zulassen. Nicht, bevor ich genau wusste, was zu tun war.

Eigentlich hätte all das ein Klacks für mich sein sollen. Ich hatte dieses Szenario schon so oft geübt, dass jede meiner Handlungen in diesem Moment völlig automatisch ablief. Seit ich denken konnte, hatte ich trainiert; hatte gelernt, wie man sich in völliger Dunkelheit zurechtfand, in welchem Winkel man einem Vampir einen Pflock ins Herzen schlagen musste und wie man Dämonen in Glasgefäße bannen konnte. Und dennoch fühlte ich mich in diesem Moment wie das kleine Mädchen von damals, das gerade ihrem ersten Werwolf in die Augen geblickt hatte. Ich hasste dieses Gefühl. Ich hasste die Anspannung, die sich über meinen Körper gelegt hatte, die Unruhe, die Angst. Ich wusste, dass es anders hätte sein sollen. Meine Familie lebte für das Kämpfen, das Beschützen, die wohltuende Befriedigung, wenn man am Ende eines anstrengenden Tages die Stadt einmal mehr vor einer übernatürlichen Katastrophe bewahrt hatte. Ich hatte mir oft gewünscht, dass ich die Bestimmung unserer Familie irgendwann auch mal so sehen konnte wie meine Verwandten. Als Ehre. Als Geschenk.

Aber es hatte nie funktioniert.

Angestachelt von der Wut, die meine Gedanken ausgelöst hatten, und dem Drang, diesen Kampf endlich hinter mich zu bringen, entschied ich mich für einen frontalen Angriff. Es konnte klappen, wenn ich schnell genug war. Es musste einfach.

Ich umklammerte den Dolch und drehte mich um, um dem Ghul entgegenzutreten, der sich bereits an meine Fersen geheftet hatte. Ich konnte ihn nicht sehen, aber ich konnte sie deutlich spüren: jene eisige dämonische Energie, die er ausstrahlte. Die Krallen kratzten über den Boden, gefolgt von ersticktem Würgen und einem leisen Röcheln in der Finsternis. Ich atmete tief durch, ließ meine Sinne überhandnehmen und wartete auf den richtigen Augenblick, um zum Angriff überzugehen.

Der Ghul kam näher. Ich ging in Position. Mein Herz raste und ich spürte, wie Panik in mir hochstieg. Ich hatte mich schon gefragt, wann es so weit sein würde – wann mein Körper wieder streiken und all meine Bewegungen auf einen Schlag lähmen würde, wie er es immer tat in solchen Situationen. Dieses Mal war ich darauf vorbereitet. Viktor hatte mir beigebracht, wie ich meine Angst in den Griff bekommen konnte. Ich atmete tief durch, genau, wie ich es geübt hatte, konzentrierte meine ganze Energie auf das aufkommende Gefühl der Panik und ...

Weiter kam ich nicht, denn in diesem Moment ging auf einmal das Licht an. Im ersten Moment brannte die plötzliche Helligkeit wie Feuer in meinen Augen und ließ mich erschrocken aufschreien. Ich hörte, wie der Ghul ein schmerzverzerrtes Heulen ausstieß. Mit zusammengekniffenen Lidern beobachtete ich, wie sein Körper zu Boden sackte und er sich unter Höllenqualen aufzulösen begann. Das Licht war wie Säure für seine Haut und es fraß sich durch alles, was ihn je als Lebewesen ausgemacht hatte.

Mir wurde schlecht.

Ich ließ den Dolch fallen und sank erschöpft auf die Knie. Immer noch im Unklaren darüber, was gerade geschehen war, blinzelte ich in das helle Licht der Lampen, die an der Decke der Lagerhalle befestigt waren. Hatte ich etwas falsch gemacht? War das noch Teil des Examens?

Irgendwo ging eine Tür auf. Ein Mann in einem dunklen Anzug kam auf mich zu. Ich hatte ihn noch nie gesehen, aber dem strengen Ausdruck auf seinem Gesicht nach zu urteilen, musste er wohl einer der Prüfer sein.

Rasch kam ich auf die Beine, um dem unerwarteten Fremden entgegenzutreten. Mein Herz klopfte wie wild, aber dieses Mal nicht aus reiner Anstrengung, sondern vielmehr aus Unruhe. Schlimm genug, dass das Examen abgebrochen worden war. Dass nun jedoch auch noch einer der Prüfer höchstpersönlich auftauchte, konnte nur eins bedeuten: Irgendetwas war mächtig schief gelaufen.

»Maret Morti?«, fragte der Mann und blieb vor mir stehen. Mit seinem muskelbepackten Oberkörper und dem ausdruckslosen Gesicht wäre er auch eine einschüchternde Figur gewesen, wenn er nicht zwei Köpfe größer gewesen wäre als ich selbst. Ich schluckte trocken.

»Ja?«, brachte ich mit kratziger Stimme hervor.

»Dieses Examen ist hiermit beendet.«

Ich starrte den Prüfer an. »Was?«

»Sie haben mich schon verstanden«, sagte er. »Sie werden diese Prüfung nicht fortsetzen können. Tut mir leid.«

»Das können Sie nicht tun!«, protestierte ich. »Ich habe nichts falsch gemacht!«

»Das spielt keine Rolle. Es geht hier nicht um Sie«, sagte der Mann. Ich wartete auf eine Erklärung, aber es kam keine. »Bitte folgen Sie mir. Ich werde Sie nach draußen begleiten.«

»Nicht, bevor Sie mir gesagt haben, was gerade passiert ist«, beharrte ich, ohne mich von der Stelle zu bewegen. Der Mann warf mir einen eiskalten Blick zu.

»Das ist nicht meine Aufgabe«, sagte er. »Wenn Sie nun bitte meine Anweisungen befolgen und die Prüfungshalle verlassen würden.« Er machte eine auffordernde Handbewegung. Ich seufzte leise. Was um alles in der Welt konnte so dringend sein, dass ich nicht einmal mein Examen beenden konnte? Es musste einen guten Grund haben, denn normalerweise war die Prüfungskommission gnadenlos. Es gab Gerüchte, dass sie einst sogar einen Jungen mit einem gebrochenen Bein zum Examen gezwungen hatte. Was also war gerade passiert?

Ich verzog das Gesicht. Mir war bewusst, dass es keinen Wert hatte, weiter mit dem Prüfer zu diskutieren. Er hatte seine Befehle und er würde sie auf keinen Fall missachten, nur, weil eine unerfahrene junge Hüterin ihn nett darum bat.

»Also gut«, gab ich mich geschlagen. »Ich hoffe nur, Sie haben eine gute Erklärung dafür.«

»Die werden Sie bekommen«, antwortete der Prüfer und öffnete die Tür, die aus der Lagerhalle in einen hell erleuchteten Gang führte. »Ich befürchte jedoch, dass sie Ihnen nicht gefallen wird. Die Situation ist alles andere als erfreulich.« Der Ton, der in seiner Stimme mitschwang, ließ keine Zweifel aufkommen, dass er diese Aussage völlig ernst meinte. Mein anfänglicher Missmut über das abrupte Ende des Hüterexamens wandelte sich in plötzliche Unruhe, als ich zu begreifen begann, dass irgendetwas Furchtbares geschehen sein musste. Es war mehr als eine Vorahnung. Es war das Gefühl, das sich in diesem Moment in mir ausbreitete, die unsichtbare Anspannung, die in der Luft lag – nicht viel mehr als ein Instinkt, aber doch unumstößlich. Da waren keine Zweifel: Irgendetwas war passiert.

Etwas, das alles für immer verändern würde.

Ich atmete tief durch und folgte dem Prüfer mit langsamen Schritten. Im Kopf ging ich jedes Szenario durch, das diese Situation erklären konnte; versuchte mich vorzubereiten auf das, das mich erwarten würde. Im Nachhinein war es ein sinnloser, verzweifelter Versuch, die Realität zu verleugnen. Nichts hätte mich auf die Wahrheit vorbereiten können – eine Wahrheit, die so schmerzhaft, so unerwartet war, dass sie meine ganze Welt in Scherben zurücklassen würde… 

 

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