Kapitel 1

 

Die Luft im Innern des Gerichtssaals war stickig und warm. Nach den unzähligen Stunden, die wir hier drin schon verbracht hatten, hatte sich ein Geruch aus Ratlosigkeit, Wut und Enttäuschung in den alten Gemäuern festgesetzt und jeden Winkel von ihnen durchdrungen.

Ich hatte diesen Raum bereits gehasst, bevor wir ihn überhaupt betreten hatten. Er war mit breiten Fenstern, durch die helles Nachmittagslicht hineinflutete, und kunstvoll verzierten Holzsäulen und Querbalken ausgestattet. Altmodische Sessel und unbequeme Bänke füllten einen Großteil des Saales aus, doch der Fokus lag zweifellos auf dem vorderen Teil, wo sich das Rednerpult und die Sitze der Senatsmitglieder befanden. Zwischen farbigen Roben und bekannten Gesichtern erkannte ich die Mitglieder der Familie Martinez, die wohl mächtigste, aber auch unausstehlichste Hüterfamilie der ganzen Welt. Der Senatführer und oberstes Familienmitglied, Albert Martinez, würde heute über unser Schicksal entscheiden – ein Schicksal, dessen Ungewissheit uns alle schon seit Wochen beschäftigte.

Eigentlich hatte ich gehofft, dass dieser Tag nie kommen würde; dass wir uns niemals in diesem trostlosen, viel zu großen Raum wiederfinden würden. Die schaulustigen Hüter der anderen Familien, welche die Sitze im Gerichtssaal bis auf den letzten Platz ausfüllten, hatten ihre Augen allesamt auf uns gerichtet. Ich konnte ihre Blicke deutlich in meinem Nacken fühlen, hörte das leise Flüstern in den Rängen. Wir waren die Angeklagten, diejenigen, die es zu verurteilen galt – und gleichzeitig waren wir auch die Helden, diejenigen, welche die Hütergesellschaft vor der größten Katastrophe ihrer Geschichte bewahrt hatten.

Nicht, dass das irgendjemanden hier tatsächlich interessiert hätte.

Wenn es nach dem Senat ging, war unsere Familie eindeutig schuld an dem Desaster, das sich auf der Versammlung der Räte vor einem Monat ereignet hatte. Wir hatten den Dämon, der gedroht hatte, unzähligen Unschuldigen das Leben zu nehmen, zwar stoppen können – aber erst, als es bereits zu spät gewesen war.

All die Menschen hier drin, gekleidet in ihren Roben, brachten die Erinnerungen an jene verhängnisvolle Nacht zurück zu mir. Ich sah die Gesichter der Toten, die in der Versammlungshalle unter der alten Kathedrale gestorben waren, jede Nacht wieder in meinen Albträumen. Ich hörte ihre Schreie, als mein Großvater, der uns alle verraten hatte, Mendlers Spieluhr geöffnet hatte, und spürte die zerstörerische Macht des Dämons. Es war nicht leicht, mit diesen Ereignissen fertig zu werden. Doch noch schwerer war es, sich plötzlich in einer völlig neuen Welt wiederzufinden, die kaum Ähnlichkeiten hatte mit der Welt, in der ich bis vor einem Monat noch gelebt hatte. Bis vor wenigen Wochen war ich nichts Weiteres als die Schande meiner eigenen Familie gewesen, das bemitleidenswerte Mädchen, dessen Leben nach dem Verschwinden ihres Bruders aus den Fugen geraten war. Und jetzt? Jetzt sahen mich die Leute plötzlich als jemand Bewundernswertes. Als jemanden, der sie alle gerettet hatte. Als Kämpferin. Als Heldin.

Dabei war ich nichts von all dem.

Es war Lukas gewesen, der sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, um den Dämon zu kontrollieren und zu vernichten. Es war Yannik gewesen, der ihn schließlich aus seinem Körper ausgetrieben hatte. Ich hatte ihm lediglich die Kraft gegeben, die er benötigt hatte, um es zu beenden. Ich hatte nichts Heldenhaftes getan. Ich hatte Rudolf nicht einmal stoppen können, als er mir eine Pistole gegen die Stirn gedrückt hatte.

Ich war alles – aber keine Heldin. Dennoch kam ich nicht umhin, zu bemerken, wie die Leute mich ansahen. Anders als vorher, mit einer seltsamen Mischung aus Bewunderung und Missgunst in ihrem Ausdruck. Sie trauten mir nicht. Aber sie respektierten, was ich getan hatte.

Jemand stieß mich sanft von der Seite an. Ich drehte den Kopf und blickte in Yanniks sturmgraue Augen. Er saß auf dem Stuhl rechts von mir, gleich neben meinem Bruder Lukas und dessen Zwillingsschwester Sina, deren Gesichtsausdruck wie immer undurchdringbar war.

»Maret«, flüsterte Yannik. Erst jetzt realisierte ich, dass er meinen Namen bereits mehrere Male genannt hatte. Ich war so in Gedanken versunken gewesen, dass ich ihn nicht einmal gehört hatte.

»Sorry, ich war gerade…« Ich beendete den Satz nicht. Was hätte ich auch sagen können? Dass mich die Erinnerungen jener Nacht nun bereits tagsüber heimsuchten? Dass ich mich seit Wochen nicht mehr wie ich selbst fühlte? Ich zwang mich zu einem Lächeln. »Was ist los?«

Erst jetzt bemerkte ich, dass im Saal Stille eingesetzt hatte. Ich sah Yannik fragend an.

»Sie wollen deine Zeugenaussage hören«, erklärte er.

Ich hielt inne. Albert Martinez fixierte mich mit seinem Blick. Er trug die hellblonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und musterte mich mit jenen eisblauen Augen, die alle Mitglieder seiner Familie besaßen.

Die Gerichtsverhandlungen der Hüter liefen nicht gleich ab wie die der Blicklosen. Bei uns gab es keine Richter und Anwälte. Jeder verteidigte sich selbst – und am Ende entschied der Senat, der durch die ganze Verhandlung führte, welche Strafe verbüßt werden musste. Er war zusammengesetzt aus den mächtigsten Hütern der ganzen Welt und zuständig dafür, dass die verschiedenen Familien die Regeln im Umgang mit den Blicklosen und den Wesen der Anderswelt einhielten. Der Senat war die oberste Autorität unserer Gesellschaft und es war eine Ehre für jeden Hüter, zu dieser Autorität dazugehören zu dürfen.

»Maret Morti?«, wiederholte Albert Martinez seine Worte, als ich nicht sofort antwortete. »Wärst du so freundlich, uns ein paar Fragen zu jener Nacht zu beantworten?«

»Na-natürlich«, stammelte ich und erhob mich rasch von meinem Sitz. Im Saal saßen Hüter aus aller Welt, die nur deswegen angereist waren, weil sie sich diesen Prozess nicht entgehen lassen wollten. Ich wusste, dass jeder von ihnen meinen Namen und meine Vergangenheit kannte, und das machte die aufkommende Nervosität nicht gerade kleiner.

Ich wischte meine schweißnassen Hände an meiner Jeans ab und brachte die paar Meter bis zum Rednerpult schnell hinter mich. Die Blicke wurden intensiver und ich musste mich zwingen, ihnen standzuhalten. Ruhig bleiben. Keine Schwäche zeigen. Das war die einzige Möglichkeit, wie wir diesen Prozess wenigstens würdevoll verlieren würden.

»Danke, Maret«, sagte Albert Martinez und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Seine hellblaue Robe wehte bei jedem seiner Schritte und unterstrich seine elegante Körperhaltung perfekt. Es hatte seinen Grund, weshalb ihn manche Hüter nur »den Tiger« nannten: Mit seinen außergewöhnlichen körperlichen Fähigkeiten und der berüchtigten Kaltblütigkeit hatte er tatsächlich erschreckend viele Ähnlichkeiten mit einem Raubtier.

Nicht unweit von ihm, in der ersten Reihe der Bänke, die der Senat besetzte, erkannte ich Elena Martinez – älteste Tochter der Familie und amtierende Leiterin der Prüfungskommission für das Hüterexamen, bei dem ich bereits zweimal durchgefallen war. Daneben saßen ihre beiden Geschwister, Juliette und Adam, die mit ihren eisblauen Augen und den hellen Haaren wie Klone ihrer großen Schwester aussahen.

»Nun denn«, setzte der Senatführer nach einem Moment des Schweigens an. »Kannst du uns nochmals sagen, was genau geschehen ist? In deinen eigenen Worten, bitte.«

Ich schluckte. Ich redete nicht gerne über die Ereignisse jener Nacht. Es erinnerte mich an die Angst und die Panik und die Verzweiflung, die ich damals erlitten hatte – Gefühle, die ich niemals wieder durchleben wollte.

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen etwas erzählen kann, das Sie nicht schon wissen«, gab ich zu, ahnte aber, dass diese Antwort den Senatführer kaum zufriedenstellen würde.

»Wir möchten die Ereignisse gerne aus deiner Perspektive hören«, sagte Albert Martinez. Er machte eine kurze Pause. »Kannst du dich erinnern, um welche Uhrzeit du, dein Bruder und Oliver Morti bei der Kathedrale eingetroffen seid?«

»Ich kann keine genaue Zeit nennen«, antwortete ich wahrheitsgetreu. Natürlich wusste ich, dass es irgendwann kurz nach dem Höhepunkt des Vollmonds gewesen sein musste. Aber das konnte ich nicht erzählen, ohne erklären zu müssen, dass ich das nur deshalb so genau wusste, weil Sina sich kurz vor unserer Ankunft bei der Kathedrale in einen Werwolf verwandelt hatte. »Es muss auf jeden Fall nach dem Eintreffen der anderen Räte gewesen sein.«

Albert Martinez nickte, als wäre ich eine Schülerin, die ihrem Lehrer gerade die richtige Antwort gegeben hatte. Ich konnte sehen, dass einige Senatsmitglieder sich Notizen machten. Ich fragte mich, ob sie das tatsächlich taten, um uns später verurteilen zu können, oder ob das bloß Heuchelei war, weil das eigentliche Urteil schon längst gefällt war.

»Und danach seid ihr drei losgerannt, um zu verhindern, dass die Spieluhr geöffnet wird, richtig?«, fuhr der Senatführer fort.

»Richtig«, antwortete ich. »Wir waren auf der Suche nach Valentin.«

»Das verstehe ich nicht ganz«, meldete sich plötzlich eine weißhaarige Frau aus den Reihen des Senats. Sie trug eine goldene Robe, aber ich kannte das Wappen ihrer Familie nicht. »Hättet ihr nicht einfach ein weiteres Familienmitglied – oder zumindest einen der Räte – warnen können?«

»Wir hatten keine Zeit zu verlieren«, sagte ich und versuchte, das nervöse Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken. Ich biss mir auf die Lippen. »Wie hätten wir die Dinge auch in dieser kurzen Zeit erklären sollen? Ich bezweifle, dass uns irgendjemand überhaupt ein Wort geglaubt hätte.«

Raunen ging durch den Raum. Mir war klar, dass unsere Handlungen nicht von allen verstanden werden würden. Aber ich wusste auch, dass wir in dieser Nacht sowieso keine Zeit gehabt hatten, irgendetwas zu durchdenken. Wir hatten alles getan, was in unserer Macht gestanden hatte.

»Nun gut«, sagte Albert Martinez. Er wirkte skeptischer als zuvor und hatte seine Stirn in tiefe Falten gelegt. »Ihr habt Valentin Morti auf jeden Fall gestellt und herausgefunden, dass er nicht der Verräter war.«

»Ja«, nickte ich und spürte, wie sich ein Kloß in meinem Hals bildete. Das war der Teil, der mir immer noch am meisten zu schaffen machte. Wenn ich nicht so versessen darauf gewesen wäre, Valentin als Verräter zu entlarven, wäre diese Katastrophe vielleicht gar nie passiert. Ich wusste, dass es bescheuert war, sich Gedanken zu machen über Dinge, die unveränderbar waren, aber ich kam nicht davon los. »Wir konnten nicht mehr rechtzeitig handeln«, fuhr ich fort. »Und nachdem Rudolf die Spieluhr geöffnet hat, ging es nur noch darum, zu überleben.«

»Was ist mit Valentin?«, fragte Elena Martinez und schob ihre Brille zurecht. »Hat er euch nicht geholfen, aus der Halle zu fliehen?«

Einen Moment lang wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Valentin war abgehauen, nachdem Yannik vom Dämon besessen worden war. Nicht, weil er feige gewesen wäre, sondern, weil er einfach begriffen hatte, dass es keinen Wert hatte, zu kämpfen. Ich bezweifelte, dass die Hüter in diesem Raum dies verstanden hätten. Valentin hatte bereits einen schweren Stand in unserer Gesellschaft, weil er vor sechs Jahren für die Maskierten gearbeitet hatte, und wenn ich ihn nun auch noch als Feigling darstellen würde, würde er wohl den Rest seines Lebens in den Kerkern des Senats verbringen müssen.

Dennoch war das nicht der Grund, weshalb ich keine ehrliche Antwort gab. Valentins Schicksal war mir so ziemlich egal. Ich konnte ihn nicht ausstehen. Ich log vielmehr, weil ich meine Familie beschützen wollte. Weil ich wusste, dass Valentins Handlung uns mehr Schaden zufügen würde, als wir im Augenblick ertragen konnten.

»Er wollte Hilfe holen«, sagte ich also. Ich bemerkte, wie mir Valentin, der mit seiner Augenklappe und seinem breiten Oberkörper deutlich aus der Menge herausstach, einen verwirrten Blick zuwarf. Doch er schwieg. »Wir sind zurückgeblieben, um den Dämon zu bekämpfen«, erklärte ich. »Lukas hat seine Fähigkeiten benutzt, um ihn vorübergehend in Schach zu halten.«

Plötzlich richteten sich alle Blicke auf meinen Bruder. Es war ihm nicht erlaubt, seine Fähigkeiten einzusetzen. In jener Nacht jedoch war das das geringste unserer Probleme gewesen.

»Und ihr wusstet nicht, was passieren würde, wenn dein Bruder seine Fähigkeiten in einem solchen Ausmaß anwendet?«, fragte der Senatführer.

»Nein«, gab ich zu. »Wir waren… verzweifelt. Es war alles, was uns eingefallen ist.«

»Hattest du nicht Angst, dass Lukas die Kontrolle über sich verlieren würde? Immerhin ist das etwas, das bei Verfluchten in seinem Stadium oft passieren kann.«

Ich zögerte kurz, dann verneinte ich die Frage. »Ich kenne Lukas«, sagte ich und sah meinen Bruder an. Er grinste mich schief an, aber die Angst in seinen Augen entging mir nicht. Uns beiden war bewusst, dass er jene Nacht nur mit sehr viel Glück überlebt hatte. »Er wusste, welches Risiko er eingehen würde. Außerdem brauchte ich seine Hilfe, um die Austreibung vorzunehmen.«

»Ganz alleine?«, fragte Elena Martinez und hob die Brauen. »Nichts für ungut, aber nach deinen offensichtlichen Problemen beim letzten Hüterexamen bezweifle ich, dass du in der Lage gewesen wärst, den Dämon alleine auszutreiben.«

Wieder ging Raunen durch den Saal und Kugelschreiber kratzten über leere Notizpapiere. Meine Hände begannen zu zittern.

»Ich hatte keine Wahl«, antwortete ich leise. »Ich war die Einzige, die ihn hätte austreiben können. Alle anderen waren zu diesem Zeitpunkt bereits geflohen… oder tot.« Ich erinnerte mich daran, wie ich meinen Dolch gegen Yanniks Brust geschleudert hatte. Ich erinnerte mich an das Blut, an Lukas‘ Schreie und an meine Verzweiflung, als ich plötzlich auf mich alleine gestellt gewesen war.

»Der Versuch ist gescheitert, richtig?«, fragte die weißhaarige Frau in der goldenen Robe. »Du konntest den Dämon nicht austreiben?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nicht beim ersten Mal, nein. Beim zweiten Mal habe ich es geschafft, Yannik die Kontrolle über seinen Körper zurückzugeben und –«

»Wie?«, unterbrach mich Elena Martinez. »So etwas erfordert nicht nur einen enormen Kraftaufwand, sondern vor allem auch starke Gefühle. Wie hast du das angestellt?«

Ich sah zu Yannik hinüber, der zwischen meinen Geschwistern und Paps auf der Bank saß. Er erwiderte meinen Blick kurz und starrte dann wieder auf seine Füße. Der Grund, weshalb er es geschafft hatte, die Kontrolle über seinen Körper zurückzuerlangen – jene Kraft, von der die Martinez sprach – war unser Kuss gewesen. Ich war verzweifelt gewesen. Ich hatte nicht mehr klar denken können. Aber in diesem Moment war es das Einzige gewesen, das stark genug gewesen war, um den Dämon zurückzudrängen.

»Ich kann mich nicht mehr genau erinnern«, wich ich aus. »Ich habe mit ihm geredet und dann… ist es irgendwie einfach passiert.«

Die Blicke, die einige Senatsmitglieder mir nun zuwarfen, ließen keine Zweifel, dass sie mir meine Lüge nicht abgekauft hatten. Albert Martinez kniff die Augen zu engen Schlitzen zusammen. Wie hätte ich der Menge erklären können, dass ich in meiner Verzweiflung einen der gefährlichsten Dämonen aller Zeiten geküsst hatte? Ich wäre als völlig verrückt abgestempelt worden.

»Nun, das spielt wohl auch keine Rolle«, sagte der Senatführer, obwohl es offensichtlich war, dass ihn meine Antwort nicht befriedigte. »Mich würde vielmehr interessieren, wie du den Dämon schließlich ausgetrieben hast.«

»Yannik hat ihn selbst ausgetrieben«, gab ich zögernd zur Antwort. Den Teil, in dem der Dämon mich beinahe selbst besessen hätte, ließ ich aus.

»Bin ich richtig in der Annahme, dass er dabei gestorben ist?«, fragte die weißhaarige Frau.

»Ja«, sagte ich. Das Zittern in meinen Händen wurde stärker.

»Und als er ins Leben zurückgekehrt ist, hat er Rudolf an seiner Stelle getötet, als dieser dich umbringen wollte?«

Nochmals nickte ich. »Ja.« Für einen kurzen Moment sah ich das Gesicht meines Großvaters vor mir, den kalten Lauf der Pistole an meiner Stirn und sein kühles Lächeln. Er hatte wirklich geglaubt, dass das, was er getan hatte, das Richtige gewesen war. Ich erschauderte.

»Eine Sache ist mir noch nicht klar«, sagte Elena Martinez plötzlich. »Wie konnte Yannik wissen, dass er Rudolf – und nicht dich, Maret – töten würde?«

Ich hätte ihr gerne eine Antwort darauf gegeben, aber ich hatte selbst keine. Das war eine Frage, die ich mir in den letzten Wochen oft gestellt hatte. Hatte Yannik Rudolf bewusst getötet? Oder war es doch nichts als Zufall gewesen, nichts Weiteres als eine glückliche Fügung des Schicksals?

»Ich schlage vor, wir stellen diese Frage gleich Yannik selbst«, meinte Albert Martinez und sah zu Yannik hinüber. »Wenn du bitte ans Rednerpult kommen könntest.«

Ich bemerkte, wie Yannik schlagartig blass wurde. Als er sich erhob, ging ein neues Raunen durch die Menge. Ich sah, wie die Leute flüsterten, wie sie ihn beobachteten und manche sogar zurückschreckten, als würden sie sich vor ihm fürchten. Nach den Vorfällen auf der Ratsversammlung waren Stimmen laut geworden, dass es naiv gewesen war von unserer Familie, Yannik ein normales Leben führen zu lassen und dass es besser sei, ihn einzusperren. Bisher hatte der Senat noch keine Zeit gehabt, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen und was meine Familie anging, so sahen wir Yannik nach wie vor nicht als Gefahr.

Nein, das war nicht ganz richtig. Yannik konnte eine unglaublich mächtige Waffe sein, wenn er wollte. Aber wir vertrauten ihm. Wir wussten, dass er niemals einem Unschuldigen etwas antun würde.

»War dir bewusst, was du tust, als du Rudolf getötet hast?«, wiederholte Albert Martinez die Frage, als Yannik das Rednerpult erreicht hatte. Ich konnte sehen, dass er den Blick wieder gesenkt hielt.

»Nein«, antwortete er leise und ballte die Hände zu Fäusten. »Es war mehr ein Instinkt als eine rationale Entscheidung.«

»Das heißt, du hättest genauso gut Maret töten können?«, wollte Elena Martinez wissen. Dieses Mal ließ sich Yannik länger Zeit mit seiner Antwort. Ich sah ihn an, aber er erwiderte meinen Blick nicht.

»Rudolfs Tod war nur Glück«, flüsterte er. Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter und ich bemühte mich, die Fassung zu wahren. »Maret hätte genauso gut tot sein können.«

Das Raunen im Saal verwandelte sich plötzlich in laute Stimmen, die aufgebracht miteinander zu diskutieren begannen. Ich hörte, wie einige Leute Yanniks Namen riefen, wie sie ihn Monster nannten und wie ein Hüter in der letzten Reihe sogar einen anderen zurückhalten musste, der nach vorne stürmen wollte.

»Wie könnt ihr es zulassen, dass so ein Monster unter uns weilt?«, rief ein Mann in einer grünen Robe. »Ihr Mortis seid doch alle verrückt! Es ist die Aufgabe von uns Hütern, die Blicklosen zu beschützen. Aber wie sollen wir das tun, wenn wir Monster wie ihn nicht einmal unter Kontrolle haben?«

»Yannik hat sich unter Kontrolle«, beharrte ich und bemerkte, dass meine Stimme plötzlich laut geworden war. »Ihr vergesst, dass wir es nur seiner Willenskraft zu verdanken haben, dass wir überhaupt hier stehen! Yannik hat mir schon unzählige Male das Leben gerettet. Ich vertraue ihm voll und ganz. Was auf der Versammlung der Räte passiert ist, war ein schrecklicher Unfall.«

»Und wie viele von diesen Unfällen braucht es noch, bis ihr Mortis begreift, wie naiv ihr seid?«, wollte eine andere Stimme wissen. Ich kam nicht zum Antworten, denn dieses Mal brachte Albert Martinez die Menge zum Schweigen.

»Ruhe!«, befahl er mit einer Autorität, die allesamt verstummen ließ. »Ich schlage vor, wir verschieben die Fortführung dieses Prozesses, bis sich die Gemüter ein wenig beruhigt haben. So können wir keine sachliche Verhandlung führen.«

Die restlichen Mitglieder des Senats nickten zustimmend. Ich stieß ein erleichtertes Seufzen aus. Yannik hielt den Blick immer noch gesenkt, aber auch so konnte ich sehen, wie aufgebracht er war. Vorsichtig griff ich nach seiner Hand und drückte sie ermutigend. Sie war eiskalt.

 

* * *

 

Als die Menge langsam auseinanderstob und den Saal verließ, stieg ich mit Yannik vom Rednerpult hinunter und stieß zu meinen Familienmitgliedern, die sich von ihren Sitzen erhoben hatten.

»Natürlich müssen die gerade dann eine Pause einlegen, wenn es mal spannend wird«, murmelte Lukas mit gespieltem Missmut und gähnte. Als er sich streckte, rutschte sein Pullover hoch und entblößte seine Brust, die immer noch mit weißen Bandagen bedeckt war. Die Wunden hatte er bekommen, als Yannik sie ihm – immer noch unter der Kontrolle des Dämons – in jener Nacht übertragen hatte. Ich konnte sehen, wie ein Schatten über Yanniks Gesicht huschte, als er die Verletzungen sah. Er machte sich Vorwürfe. Das tat er immer noch, auch wenn ich ihm schon tausend Mal versichert hatte, dass es nicht seine Schuld gewesen war. Doch natürlich glaubte er mir nicht. Er sah seine Fähigkeiten als Teil von sich – als etwas, für das er die Verantwortung trug, ganz egal, was geschah.

»Du hältst die Menge ganz schön auf Trab, was, Däumelinchen?«, spottete Lukas nun und klopfte mir scherzhaft auf die Schulter.

»Nenn mich nicht so«, knurrte ich, auch wenn ich es schon längst aufgegeben hatte, ihm meinen bescheuerten Spitznamen auszutreiben. Er musste mich ja nicht bei jeder Gelegenheit unbedingt darauf hinweisen, dass ich nur lächerliche 155,3 Zentimeter groß war.

»Ich brauch frische Luft«, sagte Sina und drängte sich an uns vorbei in Richtung Ausgang. Mir war klar, dass ihr dieser Prozess nicht leicht fiel. Sie hatte nicht erlebt, was in jener Nacht geschehen war, weil sie als Werwolf in einem Kerker unter der Villa der Räte eingesperrt gewesen war.

Während ich Sina gedankenverloren hinterher sah, bemerkte ich, wie mir jemand eine Hand auf die Schulter legte. Als ich den Kopf drehte, blickte ich in Paps‘ müdes Gesicht.

»Alles in Ordnung bei dir?«, fragte er. Ich löste mich aus seinem Griff und mied seinen Blick.

»Alles bestens«, murmelte ich, bevor ich Sina hinterher eilte.

Seit wir herausgefunden hatten, dass Paps uns monatelang verheimlicht hatte, was mit Vik geschehen war, hatte ich kaum mehr ein Wort mit ihm gesprochen. Ich fühlte mich verraten. Welcher Vater hielt die Tatsache, dass sein Sohn getötet wurde, vor seinen eigenen Kindern geheim? Klar, Vik war nicht tot – aber das wusste Paps nicht.

Sina machte sich daran, das Gebäude zu verlassen, um frische Luft zu schnappen, und ich blieb etwas unschlüssig mit Yannik und Lukas im Flur stehen. Einige Hüter hatten sich in kleinen Kreisen zusammengetan und diskutierten ausgelassen miteinander. Andere taten es Sina gleich und gingen nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen oder um für ein paar Minuten der abgestandenen Luft des Gerichtssaals zu entkommen.

Ich sah, dass sich Lukas – leise vor sich hin summend – auf den Weg zum Klo machte. Er brauchte gar nicht erst auf sich aufmerksam zu machen, um sich seinen Weg durch die Menge zu bahnen. Die Leute traten allesamt einen Schritt zur Seite, als sie ihn kommen sahen. Nach dem, was er mit seinen Fähigkeiten auf der Versammlung der Räte geschafft hatte, fürchteten sich viele vor ihm. Ich konnte es ihnen nicht einmal verübeln. Menschen mit einem Tropfen ihres Bluts wie Marionetten kontrollieren zu können, war eine durchaus einschüchternde Fähigkeit.

Yannik hatte wie immer die Hände in den Taschen seiner schwarzen Lederjacke versenkt, die ihm schon längst zu klein war. Das Licht, das durch die großen Fenster in den Flur fiel, ließ seine kupferfarbenen Haare hellblond erscheinen und die Sommersprossen auf seinem Gesicht verblassen.

»Gott, ich hasse es, wie sie mich anstarren«, sagte er plötzlich. Die Reaktion der Menge auf Lukas war nichts im Vergleich zu ihrer Reaktion auf Yannik. Er brauchte die Leute bloß anzusehen, um sie zum Zusammenzucken zu bringen. Ich konnte die unterdrückte Angst in ihren Augen sehen und die Unschlüssigkeit, wie sie mit all dem umgehen sollten. Yannik war der Albtraum eines jeden Hüters: kein Blickloser, aber auch kein Dämon – irgendwo zwischen dem, was wir eigentlich beschützen sollten und dem, was wir vernichten mussten.

»Und ich erst«, murmelte ich.

Yannik schnaubte leise. »Immerhin haben sie Bewunderung und Ehrfurcht für dich übrig anstatt Angst. Du bist für sie eine Heldin.«

»Ich bin keine Heldin«, gab ich zurück. »Ich wollte nie eine sein.«

»Schon möglich. Aber die Menschen sehen eben nur das in dir, was sie sehen wollen.«

»Manchmal wünsche ich mir, sie würden mich wieder als Versagerin sehen«, flüsterte ich. »Es war alles viel einfacher damals.«

Yannik schwieg. Es hatte sich viel verändert in den letzten Wochen. Vielleicht zu viel, um jemals wieder in das Leben zurückzukehren, das wir vor jener verhängnisvollen Vollmondnacht geführt hatten.

Als ich meinen Blick über die Menge im Flur schweifen ließ, hielt ich plötzlich inne. Eine junge Hüterin erregte meine Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zum Rest der Versammelten war sie auffällig jung – nicht viel älter als Viktor oder Jason. Ihre hellrote Robe hatte sie sich locker um die Hüfte gebunden und die langen braunen Haare hielt sie mit einem sportlichen Stirnband in Schach. Sie trug ein Paar bequem aussehende Schlabberhosen und ein Top, das kaum ihren Bauchnabel überdeckte. Alles in allem sah sie eher aus wie eine Joggerin am Wegrand als eine Dämonen tötende Hüterin und niemand schien sich so wirklich mit ihr abgeben zu wollen. Sie lehnte, abseits der großen Menschenmenge, gelassen an einer der Säulen im Flur und löffelte einen Erdbeerjoghurt in sich hinein.

Aufgeregt stieß ich Yannik mit dem Ellbogen an. »Das ist sie«, zischte ich. Er warf mir einen verwirrten Blick zu.

»Was?«

»Das ist Lea Mix.«

Es war nicht viel mehr als ein Name, aber er hatte unglaubliche Bedeutung für mich. Er war der einzige Hinweis auf Viktor, den ich besaß – erhalten von Jason McGull höchstpersönlich, bevor dieser untergetaucht war, um der Rache der Maskierten zu entkommen. Nach allem, was in den vergangenen Wochen geschehen war, hatte ich keine Zeit gehabt, nach Lea zu suchen. Ich hatte zwar geahnt, dass sie an der Gerichtsversammlung auftauchen würde, aber ich war dennoch überrascht, sie zu sehen. Ihre Haltung war völlig anders, als ich es von einer hochrangigen Hüterin – die offiziell sogar dem Senat angehörte – erwartet hätte. Weshalb ausgerechnet sie eine Ahnung haben sollte, wo Vik war, wusste ich nicht. Aber sie war im Moment meine einzige Hoffnung, meinen großen Bruder je wieder in die Arme zu schließen.

»Lea Mix?« Yannik hob die Brauen. »Bist du sicher? Sie sieht so… normal aus.«

»Sie ist es definitiv«, beharrte ich. Ich warf einen schnellen Blick über meine Schulter, um mich zu versichern, dass Paps immer noch im Gerichtssaal stand und gerade in ein Gespräch mit Valentin und Beatrice vertieft war, und drängte Yannik vorwärts. »Das ist unsere Chance«, flüsterte ich. »Wir müssen unbedingt mit ihr reden.«

Yannik wirkte nicht gerade begeistert davon, Lea Mix in aller Öffentlichkeit anzusprechen, aber er folgte mir trotzdem. Als wir uns der jungen Hüterin näherten, sah sie überrascht auf. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit vielen Sommersprossen und überragte uns beide um mehr als einen Kopf. Obwohl sie auf den ersten Blick sichtlich entspannt wirkte, war da eine Ernsthaftigkeit in ihren Augen, die ganz und gar nicht zu ihrem unbeschwerten Auftreten passte.

Lea nahm den letzten Löffel ihres Joghurts in den Mund und schleuderte dann den Becher mit einem gekonnten Wurf hinter sich in den Mülleimer. Rasch wischte sie sich die Hände an ihrer Hose ab und fuhr sich mit dem Armrücken über den Mund, bevor sie sich uns zuwandte.

»Hey«, begrüßte sie uns und grinste verschmitzt. »Da drin ist die Kacke echt am Dampfen, was?«

Die Art, wie sie das sagte und dabei lächelte, überraschte mich im ersten Moment. Sofort wurde mir klar, dass Lea Mix anders war als alle Hüter in diesem Raum. Sie schien keinerlei Vorurteile gegen Yannik oder mich zu haben und behandelte uns zur Ausnahme mal, als wären wir nichts Weiteres als zwei ganz gewöhnliche Teenager. Es tat gut, sich wieder so fühlen zu dürfen – auch wenn es nur für ein paar Sekunden war.

»Du bist Lea Mix«, sagte Yannik in einem Tonfall, als könne er immer noch nicht glauben, sie tatsächlich vor sich zu haben.

»Das bin ich allerdings«, nickte Lea und ich hatte das Gefühl, dass das spitzbübische Grinsen auf ihren Lippen breiter wurde. »Und du bist der Junge, wegen dem sich alle hier in die Hosen machen, richtig?« Im Gegensatz zu ihren Kollegen im Senat schwang keinerlei Furcht oder Zurückhaltung in ihrer Stimme mit – es war vielmehr ein sarkastischer Unterton, den sie gerade zutage legte.

»Ich fürchte schon«, seufzte Yannik.

Lea ließ ihren Blick weiter schweifen. »Und du bist Maret Morti«, stellte sie fest. »Die glänzende Heldin der Mortis.« Wieder grinste sie. »Ihr scheint wohl beide nicht ganz glücklich mit den Titeln, die euch der Senat verliehen hat, was? Keine Sorge«, meinte sie, ohne auf eine Antwort zu warten. Unsere Gesichtsausdrücke sprachen wohl Bände. »Im Gegensatz zu meinen lieben Senatskollegen glaube ich nicht alles, was die Martinez' über euch reden. Ich verlass mich da lieber auf meinen Instinkt – und der sagt mir gerade, dass ihr beide weder besonders furchteinflößend noch besonders heldenhaft seid. Aber jetzt mal im Ernst«, wechselte sie das Thema. »Ihr seht nicht aus, als wärt ihr nur zum Plaudern da, oder?«

Yannik und ich tauschten schnelle Blicke. Ich war mir immer noch nicht sicher, wie uns Lea genau weiterhelfen konnte. Aber Jason war felsenfest davon überzeugt gewesen, dass sie die einzige Person war, die uns zu Vik führen konnte.

»Wir sind auf der Suche nach Viktor«, sagte ich leise, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.

Lea hob überrascht die Brauen. »Vik? Er ist tot«, antwortete sie. »Das wisst ihr genauso gut wie ich.«

Ich zögerte einen Moment. Konnte ich Lea die Wahrheit erzählen? Dann hielt ich inne. Lea hatte Viktor bei seinem Spitznamen genannt – als würde sie ihn persönlich kennen.

»Wir kennen die Wahrheit«, flüsterte ich also. »Jason glaubt, dass du uns weiterhelfen kannst.«

Über Leas Gesicht huschte ein Ausdruck der Überraschung, gefolgt von einem Stirnrunzeln. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und sah uns lange an, als müsse sie abwägen, ob sie uns wirklich vertrauen konnte.

»Jason also, hm?«, sagte sie schließlich. Ich kam nicht umhin, die Verachtung in ihrer Stimme zu bemerken. »War ja klar, dass dieser Idiot euch das erzählen würde.« Sie schnaubte leise. »Er hat euch zu mir geschickt?«

Yannik nickte. »Er dachte, dass du vielleicht wissen würdest, wo Viktor sich aufhält.«

»Nicht so laut!«, zischte Lea und sah schnell nach links und rechts. »Niemand hier drin darf wissen, was mit Vik wirklich passiert ist, okay? Es ist besser, wenn wir sie im Glauben lassen, er sei tot. Wir wissen nicht, wem wir trauen können. Jeder hier drin könnte der nächste Verräter sein.«

Ihre Worte trafen mich mehr, als Lea vermutlich beabsichtigt hatte. Sie hatte recht. Jetzt, wo die Maskierten zurückgekehrt waren, waren alle Karten neu gemischt worden.

»Ich werde euch erzählen, was ich weiß«, fuhr Lea mit gesenkter Stimme fort. »Aber nicht hier.« Sie sah aus, als wolle sie noch mehr sagen, hielt jedoch inne, als das Stimmengewirr im Flur plötzlich lauter geworden war.

»Das ist inakzeptabel!«, schrie eine Frau in einer pinken Robe. »Wer ist dafür verantwortlich?«

Zuerst begriff ich nicht, was gerade geschehen war. Dann bemerkte ich, dass die Blicke der Hüter allesamt auf ihre Handys gerichtet waren, die sie soeben aus den Taschen gezogen hatten.

»Es ist überall in den Nachrichten«, hörte ich einen jungen Mann neben mir flüstern. »Das ist eine Katastrophe.«

»Was ist passiert?«, fragte ich, weil ich mir keinen Reim auf die Reaktion der Hüter um mich herum machen konnte.

Der junge Mann verzog das Gesicht. »Es gab einen Vampirangriff in Düsterberg«, antwortete er. »Eine junge Frau wurde blutleer am Rand einer Straße gefunden.« Er hielt inne. »Deine Familie sollte sich endlich um ihre Probleme kümmern«, fügte er an. »Ansonsten werden wir nicht einmal mehr eine Gerichtsverhandlung brauchen, um euch aus der Hütergesellschaft auszuschließen.«

Mit diesen Worten drehte er mir den Rücken zu und durchquerte den Flur, um in den Gerichtssaal zurückzukehren. Lea verdrehte die Augen und murmelte ein leises »Arschloch« vor sich hin.

»Was ist sein Problem?«, wollte Yannik wissen, während er dem jungen Mann kopfschüttelnd hinterher sah. »Mit all den Vampiren hier in der Gegend sollte es einen eigentlich nicht überraschen, wenn so was passiert.«

»Das stimmt schon«, sagte Lea. »Nur setzen wir normalerweise alles daran, dass solche Dinge vor den Augen der Blicklosen verborgen bleiben. Es gibt Hüter, deren einzige Aufgabe es ist, die Spuren des Übernatürlichen zu verwischen. Oder was glaubst du, wie wir es geschafft haben, all dies die letzten paar Jahrhunderte geheim zu halten?«

Yannik runzelte die Stirn. »Aber wenn das nun in den Nachrichten ist...«

»Heißt das, dass meine Familie einmal mehr versagt hat«, beendete ich seinen Satz und seufzte leise. Mir war, als wäre Yannik auf einmal blass geworden.

»Das… das ist nicht gut, oder? Nicht nach allem, was sowieso schon passiert ist, meine ich.«

»Nein«, murmelte Lea. »Das ist alles andere als gut.«

Seit den Ereignissen vor einem Monat stand meine Familie pausenlos in der Kritik und manche forderten sogar, dass uns unser Privileg als Hüterfamilie entzogen werden sollte. Dieser Vampirangriff – wenn es denn wirklich einer gewesen sein sollte – war für diese Leute nur eine weitere Bestätigung dafür, dass wir Mortis nichts als Versager waren. Immerhin war das unser Job: Die übernatürliche Welt vor den Augen der Blicklosen fernzuhalten – koste es, was es wolle.

»Verdammt«, fluchte ich. Ollis Mom kümmerte sich normalerweise um solche Dinge – und so perfektionistisch, wie sie ihrer Arbeit nachging, konnte ich mir kaum vorstellen, dass sie plötzlich solche groben Fehler machte. Was also war passiert?

Genau das schien auch der Senat sofort herausfinden zu wollen, denn nur wenige Minuten, nachdem der Vorfall in den Medien erschienen war, beschloss er, die Gerichtsverhandlung bis auf Weiteres zu verschieben.

Nicht, dass das irgendetwas verändert hätte. Wir konnten dem Urteil nicht entgehen. Wir alle wussten, worauf es hinauslaufen würde. Aber zumindest hatten wir noch Zeit, uns mit dem Gedanken anzufreunden.

 

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