Leseprobe zu Meereswölfe

Prolog

 

Sie kam vor dem Schatten und sie kehrte nie wieder zurück.

Ich erinnere mich daran, wie sie aus dem Wasser stieg, ihre Augen so blau wie das Meer selbst. Die Gischt verblasste in ihren dunklen Haaren und ihre Gestalt zeichnete sich klar gegen das Licht der Sonne ab, die sich gerade über den Horizont senkte. Sie bewegte sich so anmutig und mühelos, als wäre sie Teil der Wellen, die gegen den Strand schlugen. Ihre Ankunft war unwirklich, ein Traum, der sich vor meinen Augen entfaltete, ohne dass ich je eingeschlafen war.

Ich stand mit nackten Füßen am Strand, ein paar Wochen zuvor gerade fünf Jahre alt geworden. Ein Kind, das die Kälte der Welt noch nie gespürt hatte. Ich starrte die Frau an, beobachtete, wie die glitzernden Schuppen auf ihrer Haut sich im Wind auflösten. Der Druck der Hand, die meine hielt, vertiefte sich. 

Meine Mutter neben mir zitterte und schluchzte, doch die Frau, die aus dem Wasser gestiegen war, war nicht der Grund dafür. Vielmehr war es die Dunkelheit, die sich am Ende des Strandes festgesetzt hatte. Ein schwarzer Farbklecks gegen den pinkroten Himmel. Eine Ansammlung von Schatten, die sich in unsere Richtung bewegten, gefolgt von einem Nebel, aus dem mir zwei glühende Funken entgegenblickten.

Für einen kurzen Moment blieb die Zeit stehen und der Strand wurde von Stille umhüllt. Ich konnte nicht mehr atmen, mich nicht mehr bewegen. War so starr wie die Szene selbst, die sich meinen Augen gerade bot.

Der Schatten setzte sich als Erstes in Bewegung. Die Frau rannte los und das Wasser folgte ihr, rauschte um ihre Beine und ihre Arme, als wollte es sie zurück ins Meer ziehen.

Doch es war bereits zu spät. 

Meine Mutter zog mich mit sich und ich lief, so schnell mich meine Beine tragen konnten. Da war ein Schrei, gefolgt von einem Würgen. Meine Finger entglitten der Hand meiner Mutter und ich stolperte, verlor den Halt und schlug mit dem Gesicht auf dem warmen Sand auf. 

Ein metallischer Geschmack breitet sich in meinem Mund aus. Ich drückte mich hoch, heiße Tränen auf den Wangen und ein Schluchzer, der sich bereits meine Kehle hinauf kämpfte. 

Sie sah mich an und streckte ihre Hand aus. Ich erwiderte ihren Blick, verlor mich in ihren Augen, in denen sich das Meer spiegelte, und ließ mich fallen.

Kapitel 1

 

Ich hasste Regen.

Das war nicht immer so. Eigentlich mochte ich das monotone Tropfen des Regens an den Fensterscheiben, wenn ich im geheizten Wohnzimmer saß, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, in der linken Hand eine Tüte Chips, in der anderen die Fernbedienung, mit der ich wahllos durch das Musikprogramm zappte. Es war eine seltsame Stimmung, die das Geräusch von Regen an solchen Tagen verbreitete; Wärme in einem Haus, das sonst immer von Kälte belegt war. An solchen Tagen mochte ich den Regen und das Gefühl der Geborgenheit, das er mir gab, während draußen der Sturm tobte.

Heute hingegen verfluchte ich das Wetter, die Nässe und die Kälte. Ich verfluchte den Gitarrenkasten, der tonnenschwer an meinem Rücken hing, meine Haare, die mir im Gesicht klebten, und die durchweichten Turnschuhe – aber vor allem verfluchte ich mich selbst für jene Entscheidung, die mich auf eine gottverlassene Straße mitten im Nirgendwo geführt hatte. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war, aber es musste dem Ende der Welt verdammt nahe kommen. Die Straße bestand aus grauem Asphalt, der in der Ferne im Nebel versank, und kilometerlangem Dickicht an beiden Rändern. Keine Spur von Häusern oder Zivilisation oder gar einem Hauch von Leben. Ich hätte vermutlich tot umfallen können und keiner hätte mich je hier draußen gefunden. Also tat ich, was jeder durchnässte Teenager in dieser Situation getan hätte: Ich ließ meinem Frust mithilfe meines beachtlichen Arsenals an Fluchwörtern freien Lauf – und begann dann, Autos zu stoppen.

Wie ich hierhergekommen war? Das war eine lange Geschichte. Genau genommen hatte sie bereits vor ein paar Wochen begonnen, als ich mich dazu entschieden hatte, von zu Hause – besser bekannt als der Ort, den ich die letzten siebzehn Jahre meines Lebens so bezeichnet hatte – wegzulaufen. Seitdem hatte mich jede meiner Entscheidungen, jede Nacht, die ich auf Parkbänken und in nach Urin stinkenden U-Bahn-Stationen verbracht hatte, auf diese beschissene Straße geführt. 

Dabei hatte der heutige Tag eigentlich ganz gut begonnen. Das Wetter war sonnig, es war Sommer und das bedeutete, dass Bergen rappelvoll mit Touristen war, die aus ganz Europa anreisten. Ich hatte mir sogar frühmorgens einen Platz auf dem Torgallmenningen sichern können, was mir normalerweise genug einbrachte, um die nächste Woche über die Runden zu kommen. 

Normalerweise.

Obwohl ich so lange spielte, bis meine Fingerkuppen beim Berühren der Saiten schmerzten, lagen bis am Abend nur einige wenige Münzen am Boden des Gitarrenkastens. Ich hatte keine Ahnung, was schiefgelaufen war. War es die Liederauswahl gewesen? Oder doch meine Stimme? Nach drei Tagen ununterbrochenem Singen hörte ich mich inzwischen an wie ein billiger Abklatsch von Louis Armstrong. 

Also hatte ich meinen Rucksack gepackt und das restliche Tageslicht genutzt, um den letzten Bus nach Leirvik zu erwischen. Oder zumindest war das der Plan gewesen. Nicht nur, dass ich in meiner Hektik in den falschen Bus eingestiegen war, nein – der Fahrer hatte mich auch noch ohne Ticket erwischt und kurzerhand hier, am Arsch der Welt, rausgeschmissen. 

Manchmal hatte das Schicksal einen echt kranken Humor.

Als ich meinen Daumen zum gefühlt hundertsten Mal in Richtung Straße ausstreckte, schlug mein Herz schneller. Für einen kurzen, vergänglichen Moment flammte Hoffnung in mir auf. Es war nicht so, als wäre ich wahnsinnig scharf darauf, bei irgendwelchen zwielichtigen Typen ins Auto zu steigen und zwei Tage später als Wasserleiche in den Nebenspalten der lokalen Zeitungen aufzutauchen. Aber im Moment hätte ich vermutlich alles getan, um von hier wegzukommen.

Der Wagen wurde kein Stück langsamer, als er an mir vorbeizog. Ganz im Gegenteil: Er erhöhte seine Geschwindigkeit noch und schlitterte über ein Schlagloch am Straßenrand. Schlamm und Pfützenwasser spritzte auf und klatschte mir ins Gesicht. Keuchend schnappte ich nach Luft. Ich blinzelte gegen den Schmutz, der mir in die Augen tropfte, und wischte mir mit dem Jackenärmel über die Wangen. Die Rücklichter des Wagens tauchten gerade in den Nebel ein. Ich streckte dem Fahrer meinen Mittelfinger entgegen, auch wenn ich wusste, wie sinnlos das war. Wenn man auf der Straße lebte, wurde man unsichtbar – das war unvermeidbar. An einigen Tagen glaubte ich, dass ich für manche Menschen sogar aufhörte zu existieren.

Leise seufzend zog ich meinen iPod – Modell: Steinzeit – aus der Jacke und wischte mit der Hand das Wasser vom Display. Meine Finger waren taub vor Kälte und jede Bewegung dauerte qualvoll lange. Ich steckte mir die Stöpsel in die Ohren und drehte die Lautstärke auf. Während mich Hotel California in Endlosschleife zudröhnte, setzte ich meinen Weg fort.

Wie lange war ich schon unterwegs? Zwei Stunden? Drei? Vielleicht sogar mehr, so genau konnte ich das nicht sagen. 

»Toll gemacht, Marc, wirklich«, murmelte ich. Da war ich nun also, durchgefroren und durchnässt bis auf die Knochen, mit leerem Magen und schmerzenden Füßen, und sehnte mich nur noch nach einer Packung Paprikachips und einer Wärmeflasche. Vermutlich sprach es nicht gerade für meinen mentalen Zustand, dass ich nun auch noch Selbstgespräche führte.

Ich hielt inne. Aus dem Augenwinkel erkannte ich, wie sich mir aus der Distanz ein Licht näherte. Ich drehte den Kopf und kniff die Lider zusammen, um die Konturen durch den dichten Nebel besser ausmachen zu können. Das war ohne Zweifel ein weiteres Fahrzeug. Verdächtig viel Glück innerhalb von wenigen Minuten. Lag ich vielleicht bereits halb tot in einem Straßengraben und halluzinierte gerade?

Ich schaltete meinen iPod aus. Das Brummen eines Motors dröhnte an meine Ohren und ich streckte erneut meinen Daumen in Richtung Straße aus. Der Wagen kam näher. Jetzt erkannte ich, dass es sich um einen alten VW-Bus handelte – einer der Sorte, die aussahen, als hätten sie schon jeden Flecken dieser Erde gesehen. Das Scheinwerferlicht blendete mich. Ich streckte meinen Daumen weiter hinaus, als der Bus auch schon mit enormer Geschwindigkeit an mir vorbeiraste und im Nebel verschwand.

Ich verzog das Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich das Gefühl, dass der Bus tatsächlich langsamer wurde. Doch mir war klar, dass ich mir das in meiner Verzweiflung nur einbildete.

Oder?

Ich blinzelte gegen die Regentropfen, die sich in meinen Wimpern verfangen hatte. Konnte es sein, dass …? Ich erstarrte.

Das war keine Einbildung.

Ich rannte auf den Bus zu. Je näher ich kam, desto kleiner wurden meine Zweifel. Die Rücklichter des Wagens blinkten und ich beschleunigte rasch meine Schritte. Inzwischen war ich so nahe, dass der Nebel mir nicht mehr die Sicht versperrte. Der Bus hatte tatsächlich angehalten, doch irgendetwas stimmte nicht. Erst auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass der hintere Reifen seltsam verformt auf den Boden gesunken war. Ein Platten? 

Kurzerhand blieb ich stehen. Ich näherte mich dem Bus ein paar Schritte, bevor ich neben dem Reifen in die Hocke ging. Das war ohne Zweifel ein Platten. Wäre ja zu schön gewesen, wenn der Wagen tatsächlich für mich angehalten hätte.

»Hey! Was zur Hölle tust du da?«

Ich fuhr herum. Ein Paar heller Augen fixierte mich mit einer Mischung aus Überraschung und Abneigung. Die junge Frau, die vor mir stand, musste etwa in meinem Alter sein – hübsch, aber nicht auf Supermodel-Weise. Vielmehr war es eine natürliche Schönheit, ein perfektes Zusammenspiel ihrer rotblonden Haaren, die ihr locker über die Schultern fielen, und den Sommersprossen, die ihre Wangen bedeckten. Einzig die Härte in ihrem Blick, der unbeirrt an mir haftete, passte nicht zu ihrem unbeschwerten Äußeren. Da war etwas in ihren Augen, das ich nur allzu gut kannte, weil es mir jeden Tag im Spiegel entgegenblickte: Der Ausdruck eines Menschen, der viel zu schnell hatte erwachsen werden müssen.

»Hey!«, wiederholte sie, nachdem ich nicht sofort eine Antwort gab. »Hast du gehört, was ich gesagt habe?«

Meine Ohren liefen heiß an, als ich realisierte, dass ich sie gerade angestarrt hatte. Schnell riss ich meinen Blick weg. »Ich, ähm ...«

»Warst du das etwa?«, fuhr sie mich an. Ich verstand nicht sofort, worauf sie anspielte. Ich musste wie ein echter Trottel wirken, denn Rotschopf stieß ein genervtes Schnauben aus und hob das Kinn in Richtung des Autoreifens. »Hast du ein Nagelbrett gelegt oder so was?«

»Was? Ich ... Nein!«, stammelte ich und klang dabei wie der furchtbarste Lügner der Welt. 

»Und wieso sollte ich dir glauben, hm?« Die junge Frau musterte mich von oben bis unten, als wollte sie sichergehen, dass ich keine Waffe bei mir trug.

»Ach, komm schon. Sehe ich wirklich aus wie ein Verbrecher, der Nagelteppiche auf einsamen Straßen verteilt und Unschuldige ausraubt?«

Stille.

Rotschopf zog eine Braue hoch, während ich zögernd an mir herunter sah. Zerrissene Jeans, eine viel zu weite Jacke und Turnschuhe, deren Sohlen nur noch an ein paar Fäden hingen: Das war das Bild, das sich mir bot.

»Okay, vielleicht war das kein überzeugendes Argument«, gab ich zu. »Es kann sein, dass meine letzte Dusche schon ein paar Tage zurückliegt, aber –«

»Wohl eher ein paar Wochen«, murmelte Rotschopf und rümpfte die Nase. 

Charmant.

»Ich bin kein Krimineller, in Ordnung?«, beendete ich schließlich, was ich eigentlich hatte sagen wollen. »Ein bin ein ganz normaler Typ.«

»Ich bin nicht so naiv, um auf deine Spielchen hereinzufallen«, stellte sie klar. »Heutzutage weiß doch jeder, dass nur Vergewaltiger und Perverse Autos stoppen.«

»Ich bin kein Perverser«, antwortete ich, wenig überzeugend.

»Das kann jeder sagen. Findest du es nicht auch etwas verdächtig, dass du ganz allein in diesem Regen hier draußen herumirrst?«

»Du bist doch auch allein hier«, widersprach ich. Zumindest konnte ich keine Erwachsenen entdecken.

Die junge Frau kniff die Augen enger zusammen und verstummte für ein paar Sekunden. »Vielleicht hast du recht. Vielleicht bist du kein Perverser, sondern ein einfacher Autodieb.«

Ich seufzte. »Ernsthaft jetzt? Dann wäre ich ein echt beschissener Dieb, wenn ich mich für diese alte Blechdose hier entscheiden würde.« 

Mit dem Kopf wies ich auf den VW-Bus, für den die Bezeichnung Blechdose noch viel zu nett formuliert war. Schrott auf vier Rädern, hätte es viel eher getroffen. Daran konnte selbst das farbige Blumen-Graffiti an der Seite nichts ändern. Es war ein Wunder, dass der Wagen mit seinem verrosteten Auspuff und den mit Kreppband reparierten Seitenspiegeln überhaupt so weit gekommen war.

Rotschopf strafte mich mit einem Blick ab, als würde sie mich in Gedanken gerade ausweiden. Ich konnte es ihr nicht einmal verübeln. Bisher war unser Gespräch nicht gerade eine Charmeoffensive meinerseits gewesen.

»Du bist also wirklich hier draußen, um Autos zu stoppen.«

»So ist es.«

Erneut legte sich Stille über uns. Rotschopf kniete sich nieder und betrachtete den Platten nachdenklich. Nach einer Weile drehte sich zu mir um.

»Du bist immer noch da? Ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist, aber wir haben nicht angehalten, um dich mitzunehmen. Also mach endlich die Düse.«

Sie war tough, das musste man ihr lassen. Paranoid und etwas forsch vielleicht, aber zweifellos der Typ Mensch, der sich von nichts und niemandem einschüchtern ließ. Irgendwie machte sie mir das seltsam sympathisch.

»Brauchst du Hilfe?«, erkundigte ich mich.

Rotschopf kniete immer noch vor dem Platten am Boden und musterte ihn mit einer Intensität, als reparierte er sich von selbst, wenn sie ihn nur lange genug anstarrte. Sie schnaubte. »Sehe ich etwa so aus?«

»Vielleicht könnte ich dir zur Hand gehen. Zufälligerweise kenne ich mich mit Autos ein wenig aus. Aber wenn ich dir so zusehe, wird mir natürlich sofort klar, dass ich eine echte Profimechanikerin vor mir habe.« Ich versteifte mich. Der letzte Satz war mir so herausgerutscht. Das würde sie bestimmt von meiner Hilfe überzeugen.

Bevor sie darauf eine Antwort geben konnte, bemerkte ich, wie sich eine weitere Gestalt in mein Sichtfeld schob. Es war ein Junge in Jeans und einem einfachen Pullover, nicht viel älter als elf oder zwölf, mit nachtschwarzen Haaren und einem blassen, aber freundlich wirkenden Gesicht. Und dann sah ich seine Augen.

Es war nicht die Farbe, die mich innerlich erstarren ließ, auch wenn das Türkisblau zweifellos außergewöhnlich war. Vielmehr war es das Gefühl, das mich beschlich. Sand zwischen meinen nackten Zehen. Wellen, die gegen einen Strand schlugen. Das Rauschen des Meeres im Hintergrund. Es war, als würde ich direkt auf einen unendlich weiten Ozean hinaus blicken.

»Alles in Ordnung?«, fragte der Junge. Im Gegensatz zu Rotschopf, die sich schnell zu ihm umdrehte, war seine Stimme ruhig und gelassen.

»Verdammt, Nils! Was machst du hier draußen? Ich hab doch gesagt, ihr sollt drinnen bleiben.«

Nils zuckte mit den Achseln. »Ich habe gesehen, dass du mit jemandem redest und da dachte ich, ich schau mal nach.« Sein Blick schweifte zu mir und seine Augen weiteten sich neugierig. »Wer ist das?«

»Irgendein Landstreicher«, gab Rotschopf zur Antwort. »Ignorier ihn einfach.«

»Landstreicher?«, wiederholte Nils.

»Ich würde mich eher als aufstrebenden Musiker bezeichnen.« Ich räusperte und verzog die Lippen zu einem notgedrungenen Lächeln. Nils wies auf den Gitarrenkasten, den ich am Rücken trug.

»Deine?«

Ich nickte.

»Cool.« Ein bewundernswertes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Ich wollte schon immer mal Gitarre spielen lernen.« Er streckte mir die Hand entgegen. »Mein Name ist übrigens Nils.«

»Marc«, stellte ich mich vor. Als ich seine Hand ergriff, bemerkte ich, dass sie im Gegensatz zu meiner völlig trocken war. 

»Und dieser Griesgram hier drüben ist meine Schwester Mirjam«, sagte Nils, woraufhin er ein abfälliges Schnauben von Mirjam erntete. Ich versuchte, mir nicht ansehen zu lassen, wie überrascht ich von dieser Offenbarung war. Dafür, dass die beiden Geschwister waren, sahen sie sich nämlich kein bisschen ähnlich. Von ihren unterschiedlichen Charakterzügen mal ganz zu schweigen.

Nils‘ Grinsen vertiefte sich, bevor er sich wieder seiner Schwester zuwandte. »Was machst du da eigentlich? Ist das ein Platten?«

»Gut erkannt, Sherlock.«

»Weißt du, wie man so ein Ding auswechselt?«

»Ich werd’s schon irgendwie herausfinden«, murmelte Mirjam, auch wenn sie nicht gerade optimistisch klang.

»Oder ich übernehme die Arbeit und ihr seid in einer Viertelstunde weg hier«, schlug ich vor. »Aber natürlich könnt ihr auch gerne länger in der Kälte ausharren, wenn euch das lieber ist.«

Nils sah mich hoffnungsvoll an. »Glaubst du, du kriegst das hin?«

»Ich habe letzten Sommer in einer Autowerkstatt ausgeholfen. Einen Reifenwechsel sollte ich hinkriegen«, meinte ich. »Sobald ihr mir sagt, wo ihr den Ersatzreifen und das Werkzeug aufbewahrt, kann ich loslegen.«

Nils‘ Blick wanderte zu seiner Schwester. 

»Kommt nicht infrage«, beantwortete sie seine unausgesprochene Frage.

Ihr Bruder verzog das Gesicht. »Bitte, Miri.« Er sah über seine Schulter zurück und trat dann unruhig von einem Fuß auf den anderen. »Ich habe Hunger und mir ist kalt. Außerdem sollten wir so schnell wie möglich von hier wegkommen, bevor … Du weißt schon.«

Mirjam hatte den Mund bereits zu einem weiteren Widerspruch geöffnet, hielt bei Nils‘ Worten jedoch inne. Die Kälte in ihren Augen wich einem neuen Ausdruck, den ich nicht ganz deuten konnte. Schließlich senkte sie den Blick. 

»Also gut«, grummelte sie. »Eine Viertelstunde. Und keine Minute länger, ja?«

 

* * *

 

Der Reifen befand sich in einer runden Box oberhalb der Stoßstange des Busses. Während ich das Rad wechselte – was im strömenden Regen keine leichte Aufgabe war –, wurde jede meiner Bewegungen genaustens von den beiden Geschwistern registriert. Mirjam beobachtete mich mit verschränkten Armen und finsteren Augen, während Nils unzählige Fragen zu jedem meiner Schritte stellte.

Nach etwas weniger als zwanzig Minuten hatte ich es schließlich geschafft. Ich kam auf die Beine und streckte meine verkrampften Gliedmaßen. Mit einem breiten Grinsen drehte ich mich zu den Geschwistern um. »Meine Damen und Herren, ich präsentiere Ihnen: ein perfekt ausgewechselter Reifen.« 

Mirjam war sichtlich unbeeindruckt von meiner Arbeit. »Und du bist dir sicher, dass du alles richtig gemacht hast?«

»Mit dem Ding solltet ihr für die nächsten tausend Kilometer bestens ausgerüstet sein«, versicherte ich ihr, auch wenn ich ehrlich gesagt keine Ahnung hatte, ob der spröde alte Reifen tatsächlich so lange hinhalten würde. Aber das musste ich ihr ja nicht unbedingt unter die Nase reiben.

Ihre einzige Reaktion darauf war ein herablassendes »Hmpf«. Sie war wohl nicht leicht zu beeindrucken.

»Nichts zu danken übrigens«, fügte ich an. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, den sarkastischen Unterton in meiner Stimme zu verbergen. Mirjam schwieg nach wie vor, aber Nils strahlte mich an, als wollte er mir gleich um den Hals fallen.

»Du bist echt der Hammer!« Seine türkisfarbenen Augen funkelten. »Ohne deine Hilfe wären wir bestimmt noch bis Weihnachten hier festgesessen.« 

Mirjam sagte nichts, sondern durchbohrte mich lediglich mit einem weiteren Todesblick. Der Regen hatte etwas nachgelassen und obwohl seine Schwester von oben bis unten durchnässt war, schien Nils nach wie vor keinen einzigen Tropfen Wasser abbekommen zu haben.

»Tja ...« Ich fuhr mir unschlüssig durch die Haare, die nass an meinem Schädel klebten. »Ich mach mich dann mal auf den Weg. War, ähm … interessant euch kennenzulernen.«

»Du gehst schon?« Über Nils‘ Gesicht huschte ein Anflug von Enttäuschung. »In dem Regen? Bist du sicher?«

»Die nächste Stadt ist bestimmt nicht weit weg.« Na klar. Fast hätte ich mir die Lüge selbst abgekauft.

»Du könntest doch auch mit uns ein Stück weiterfahren«, schlug Nils vor. Er sah Mirjam erwartungsvoll an. »Das kann er doch, oder?«

Ich wurde von einem weiteren mörderischen Blick durchbohrt und verzog das Gesicht. So mussten sich vermutlich Medusas Opfer gefühlt haben, bevor sie zu Stein erstarrt waren.

»Auf keinen Fall«, bestimmte sie, ohne dabei die Augen von mir abzuwenden. »Lieber laufe ich die nächsten Kilometer, als mit diesem Typen im selben Fahrzeug zu sitzen. Außerdem«, fügte sie an, »ist es sowieso viel zu gefährlich.«

»Was?« Entgeistert starrte Nils seine Schwester an. »Aber er hat den Reifen für uns gewechselt.«

»Ja – damit er von uns mitgenommen wird«, entgegnete sie. »Das ist seine Masche, verstehst du? Nach allem, was wir wissen, könnte er genauso gut ein Serienmörder sein.«

»Wenn ich euch umbringen wollte, hätte ich schon längst die Möglichkeit dazu gehabt«, rutschte es mir heraus. Der nächste Blick, der mich traf, ließ mich innerlich zusammenfahren. Autsch.

»Er hat recht«, beharrte Nils mit sturer Entschlossenheit. »Wir schulden es ihm, ihn zumindest in die nächste Stadt mitzunehmen. Er hat uns möglicherweise das Leben gerettet, Miri.«

Meine Brauen gingen in die Höhe. Das Leben gerettet? Klar waren meine Reifenwechsel-Skills cool, aber das war dann doch etwas melodramatisch. Ich wollte gerade anmerken, dass ein Reifenwechsel nicht der Rede wert war, als mich Mirjams Reaktion innehalten ließ. Sie war verstummt und der Ausdruck, den ich zuvor schon bei ihr gesehen hatte, trat in ihre Augen. Dieses Mal erkannte ich auch, was es war: tiefe, furchterregende Angst. 

Sie atmete durch. »Na schön. Aber nur bis zur nächsten Stadt, verstanden?«

Ich stand da, total perplex, und fragte mich, was um alles in der Welt so plötzlich ihre Meinung geändert hatte. Ihr Blick wanderte zum Wald hinter uns und für einen Moment hatte ich das Gefühl, sie zittern zu sehen. Verwirrt sah ich über die Schulter zurück, aber hinter mir befand sich nichts als eine scheinbar undurchdringbare Wand aus dunklen Bäumen und dichten Büschen.

Wortlos öffnete Mirjam die Tür des Busses auf der Fahrerseite und verschwand ohne ein weiteres Wort im Inneren. Nils schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln.

»Sorry dafür. Miri ist paranoid, aber sie versucht nur, uns zu beschützen. Ich glaub auf jeden Fall nicht, dass du ein psychopathischer Serienmörder bist.«

Ich grinste. »Und was, wenn doch?«

Nils zuckte achtlos mit den Schultern. »Da mache ich mir keine Sorgen. Miri würde dir den Kopf umdrehen, bevor du uns auch nur anfassen könntest.«

Ich lächelte gezwungen. Daran hatte ich definitiv keine Zweifel.

Nils öffnete die Hintertür des Busses. »Du kannst deine Sachen hier reinlegen.«

Der Innenraum war größer, als er von außen wirkte. Ich entdeckte Klamotten, Lebensmittel, alte Comichefte und kratzige Wolldecken auf dem Boden, fast so, als hätte jemand sein ganzes Hab und Gut in einem hektischen Moment einfach hineingeworfen.

Ich stellte meine Sporttasche ab, ließ meinen Gitarrenkasten von den Schultern gleiten – das Ding war im Regen gefühlte zwanzig Kilogramm schwerer geworden – und folgte Nils dann nach vorne. Als ich die Beifahrertür öffnete, hielt ich überrascht inne. Auf dem Vordersitz saß ein weiterer Junge, der etwa in Nils‘ Alter sein musste. Er trug einen weiten Kapuzenpullover und starrte auf das Display eines alten Gameboys, ohne mich auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen.

»Das ist Leon«, erklärte Nils beiläufig. »Mein Zwillingsbruder.«

Leon sah auf. Auf den ersten Blick sah er Nils tatsächlich verblüffend ähnlich: dieselben nachtschwarzen Haare, derselbe blasse Hautton und jene einzigartigen türkisfarbenen Augen. Im Gegensatz zu denen seines Zwillingsbruders waren Leons Haare jedoch ungekämmt und und standen wild in alle Richtungen ab.

Es dauerte nur wenige Sekunden, bevor Leon seinen Blick abwandte und wieder auf das Display seines Gameboys starrte, ohne auch nur ein Wort geäußert zu haben. Ihn schien weder zu interessieren, wer ich war, noch was ich hier zu suchen hatte. Er brauchte auch gar nicht zu fragen, denn Nils begann bereits – kaum war er in den Wagen gehüpft –, die Ereignisse der letzten halben Stunde in allen Details wiederzugeben.

Ich kletterte in den Bus, lehnte mich im Sitzpolster zurück und genoss das Gefühl der Wärme, die den Innenraum des Wagens anfüllte. Sprungfedern und Schaumstoff ragten aus den Polstern und das Armaturenbrett machte den Eindruck, als wäre es seit einem halben Jahrhundert nicht mehr geputzt worden. Die Hälfte der Knöpfe war aus der Fassung gefallen und beim Tacho fehlte sogar der Zeiger. Trotzdem fühlte ich mich augenblicklich wohl hier. Es war warm und trocken – und das war deutlich mehr Luxus, als ich in den letzten Monaten gehabt hatte.

Überrascht stellte ich fest, dass der Wagen bis auf uns vier leer war. Waren Mirjam und ihre Brüder wirklich allein in dieser alten Schrottkiste unterwegs? 

»Wo sind eure Eltern?«, fragte ich vorsichtig. 

»Weg«, antwortete Mirjam, die am Steuer saß. Sie drehte den Zündschlüssel und schob den Schalthebel mit einem lauten Ruck in den richtigen Gang. Der Motor heulte auf, als Mirjam die Kupplung springen ließ und der Wagen sich nach vorne bewegte.

»Hast du überhaupt einen Führerschein?«, platzte es mir heraus.

Ihr entwich ein Schnauben. »Beklag dich nicht. Sei lieber froh, dass wir dich überhaupt mitnehmen.«

Ich schluckte, schnallte mich an und beschloss, dass es für den Rest der Fahrt wohl besser war, keine Fragen mehr zu stellen.