Meereswölfe

Ein magischer Roadtrip, eine vergessene Welt und übernatürliche Kräfte: Meereswölfe vereint klassische Märchenelemente und moderne Themen zu einem aufregenden Fantasy-Abenteuer!


Was würdest du tun, wenn die Monster deiner Kindheit real werden?

 

Marc ist siebzehn und schlägt sich als Straßenmusiker durch. Zwölf Jahre ist es her, seit seine Mutter vor seinen Augen angegriffen wurde und Marcs Leben völlig aus den Fugen geriet. Seitdem taucht in seinen Erinnerungen immer wieder ein körperloses Schattenmonster auf: Ein Produkt seiner kindlichen Fantasie, um das Trauma zu verarbeiten. Doch als jenes Monster an einem regnerischen Abend plötzlich vor Marc auftaucht, ist sich der junge Straßenmusiker nicht mehr sicher, was er noch glauben soll. Gemeinsam mit der störrischen Mirjam und ihren geheimnisvollen Brüdern, macht er sich in einem alten VW-Bus auf die Suche nach Spuren seiner Vergangenheit – und jener Fremden mit den meerblauen Augen, die ihm damals das Leben gerettet hat …

Leseprobe zu Meereswölfe

Prolog

 

Sie kam vor dem Schatten und sie kehrte nie wieder zurück.

Ich erinnere mich daran, wie sie aus dem Wasser stieg, ihre Augen so blau wie das Meer selbst. Die Gischt verblasste in ihren dunklen Haaren und ihre Gestalt zeichnete sich klar gegen das Licht der Sonne ab, die sich gerade über den Horizont senkte. Sie bewegte sich so anmutig und mühelos, als wäre sie Teil der Wellen, die gegen den Strand schlugen. Ihre Ankunft war unwirklich, ein Traum, der sich vor meinen Augen entfaltete, ohne dass ich je eingeschlafen war.

Ich stand mit nackten Füßen am Strand, ein paar Wochen zuvor gerade fünf Jahre alt geworden. Ein Kind, das die Kälte der Welt noch nie gespürt hatte. Ich starrte die Frau an, beobachtete, wie die glitzernden Schuppen auf ihrer Haut sich im Wind auflösten. Der Druck der Hand, die meine hielt, vertiefte sich. 

Meine Mutter neben mir zitterte und schluchzte, doch die Frau, die aus dem Wasser gestiegen war, war nicht der Grund dafür. Vielmehr war es die Dunkelheit, die sich am Ende des Strandes festgesetzt hatte. Ein schwarzer Farbklecks gegen den pinkroten Himmel. Eine Ansammlung von Schatten, die sich in unsere Richtung bewegten, gefolgt von einem Nebel, aus dem mir zwei glühende Funken entgegenblickten.

Für einen kurzen Moment blieb die Zeit stehen und der Strand wurde von Stille umhüllt. Ich konnte nicht mehr atmen, mich nicht mehr bewegen. War so starr wie die Szene selbst, die sich meinen Augen gerade bot.

Der Schatten setzte sich als Erstes in Bewegung. Die Frau rannte los und das Wasser folgte ihr, rauschte um ihre Beine und ihre Arme, als wollte es sie zurück ins Meer ziehen.

Doch es war bereits zu spät. 

Meine Mutter zog mich mit sich und ich lief, so schnell mich meine Beine tragen konnten. Da war ein Schrei, gefolgt von einem Würgen. Meine Finger entglitten der Hand meiner Mutter und ich stolperte, verlor den Halt und schlug mit dem Gesicht auf dem warmen Sand auf. 

Ein metallischer Geschmack breitet sich in meinem Mund aus. Ich drückte mich hoch, heiße Tränen auf den Wangen und ein Schluchzer, der sich bereits meine Kehle hinauf kämpfte. 

Sie sah mich an und streckte ihre Hand aus. Ich erwiderte ihren Blick, verlor mich in ihren Augen, in denen sich das Meer spiegelte, und ließ mich fallen.

 

Kapitel 1

 

Ich hasste Regen.

Das war nicht immer so. Eigentlich mochte ich das monotone Tropfen des Regens an den Fensterscheiben, wenn ich im geheizten Wohnzimmer saß, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, in der linken Hand eine Tüte Chips, in der anderen die Fernbedienung, mit der ich wahllos durch das Musikprogramm zappte. Es war eine seltsame Stimmung, die das Geräusch von Regen an solchen Tagen verbreitete; Wärme in einem Haus, das sonst immer von Kälte belegt war. An solchen Tagen mochte ich den Regen und das Gefühl der Geborgenheit, das er mir gab, während draußen der Sturm tobte.

Heute hingegen verfluchte ich das Wetter, die Nässe und die Kälte. Ich verfluchte den Gitarrenkasten, der tonnenschwer an meinem Rücken hing, meine Haare, die mir im Gesicht klebten, und die durchweichten Turnschuhe – aber vor allem verfluchte ich mich selbst für jene Entscheidung, die mich auf eine gottverlassene Straße mitten im Nirgendwo geführt hatte. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war, aber es musste dem Ende der Welt verdammt nahe kommen. Die Straße bestand aus grauem Asphalt, der in der Ferne im Nebel versank, und kilometerlangem Dickicht an beiden Rändern. Keine Spur von Häusern oder Zivilisation oder gar einem Hauch von Leben. Ich hätte vermutlich tot umfallen können und keiner hätte mich je hier draußen gefunden. Also tat ich, was jeder durchnässte Teenager in dieser Situation getan hätte: Ich ließ meinem Frust mithilfe meines beachtlichen Arsenals an Fluchwörtern freien Lauf – und begann dann, Autos zu stoppen.

Wie ich hierhergekommen war? Das war eine lange Geschichte. Genau genommen hatte sie bereits vor ein paar Wochen begonnen, als ich mich dazu entschieden hatte, von zu Hause – besser bekannt als der Ort, den ich die letzten siebzehn Jahre meines Lebens so bezeichnet hatte – wegzulaufen. Seitdem hatte mich jede meiner Entscheidungen, jede Nacht, die ich auf Parkbänken und in nach Urin stinkenden U-Bahn-Stationen verbracht hatte, auf diese beschissene Straße geführt. 

Dabei hatte der heutige Tag eigentlich ganz gut begonnen. Das Wetter war sonnig, es war Sommer und das bedeutete, dass Bergen rappelvoll mit Touristen war, die aus ganz Europa anreisten. Ich hatte mir sogar frühmorgens einen Platz auf dem Torgallmenningen sichern können, was mir normalerweise genug einbrachte, um die nächste Woche über die Runden zu kommen. 

Normalerweise.

Obwohl ich so lange spielte, bis meine Fingerkuppen beim Berühren der Saiten schmerzten, lagen bis am Abend nur einige wenige Münzen am Boden des Gitarrenkastens. Ich hatte keine Ahnung, was schiefgelaufen war. War es die Liederauswahl gewesen? Oder doch meine Stimme? Nach drei Tagen ununterbrochenem Singen hörte ich mich inzwischen an wie ein billiger Abklatsch von Louis Armstrong. 

Also hatte ich meinen Rucksack gepackt und das restliche Tageslicht genutzt, um den letzten Bus nach Leirvik zu erwischen. Oder zumindest war das der Plan gewesen. Nicht nur, dass ich in meiner Hektik in den falschen Bus eingestiegen war, nein – der Fahrer hatte mich auch noch ohne Ticket erwischt und kurzerhand hier, am Arsch der Welt, rausgeschmissen. 

Manchmal hatte das Schicksal einen echt kranken Humor.

Als ich meinen Daumen zum gefühlt hundertsten Mal in Richtung Straße ausstreckte, schlug mein Herz schneller. Für einen kurzen, vergänglichen Moment flammte Hoffnung in mir auf. Es war nicht so, als wäre ich wahnsinnig scharf darauf, bei irgendwelchen zwielichtigen Typen ins Auto zu steigen und zwei Tage später als Wasserleiche in den Nebenspalten der lokalen Zeitungen aufzutauchen. Aber im Moment hätte ich vermutlich alles getan, um von hier wegzukommen.

Der Wagen wurde kein Stück langsamer, als er an mir vorbeizog. Ganz im Gegenteil: Er erhöhte seine Geschwindigkeit noch und schlitterte über ein Schlagloch am Straßenrand. Schlamm und Pfützenwasser spritzte auf und klatschte mir ins Gesicht. Keuchend schnappte ich nach Luft. Ich blinzelte gegen den Schmutz, der mir in die Augen tropfte, und wischte mir mit dem Jackenärmel über die Wangen. Die Rücklichter des Wagens tauchten gerade in den Nebel ein. Ich streckte dem Fahrer meinen Mittelfinger entgegen, auch wenn ich wusste, wie sinnlos das war. Wenn man auf der Straße lebte, wurde man unsichtbar – das war unvermeidbar. An einigen Tagen glaubte ich, dass ich für manche Menschen sogar aufhörte zu existieren.

Leise seufzend zog ich meinen iPod – Modell: Steinzeit – aus der Jacke und wischte mit der Hand das Wasser vom Display. Meine Finger waren taub vor Kälte und jede Bewegung dauerte qualvoll lange. Ich steckte mir die Stöpsel in die Ohren und drehte die Lautstärke auf. Während mich Hotel California in Endlosschleife zudröhnte, setzte ich meinen Weg fort.

Wie lange war ich schon unterwegs? Zwei Stunden? Drei? Vielleicht sogar mehr, so genau konnte ich das nicht sagen. 

»Toll gemacht, Marc, wirklich«, murmelte ich. Da war ich nun also, durchgefroren und durchnässt bis auf die Knochen, mit leerem Magen und schmerzenden Füßen, und sehnte mich nur noch nach einer Packung Paprikachips und einer Wärmeflasche. Vermutlich sprach es nicht gerade für meinen mentalen Zustand, dass ich nun auch noch Selbstgespräche führte.

Ich hielt inne. Aus dem Augenwinkel erkannte ich, wie sich mir aus der Distanz ein Licht näherte. Ich drehte den Kopf und kniff die Lider zusammen, um die Konturen durch den dichten Nebel besser ausmachen zu können. Das war ohne Zweifel ein weiteres Fahrzeug. Verdächtig viel Glück innerhalb von wenigen Minuten. Lag ich vielleicht bereits halb tot in einem Straßengraben und halluzinierte gerade?

Ich schaltete meinen iPod aus. Das Brummen eines Motors dröhnte an meine Ohren und ich streckte erneut meinen Daumen in Richtung Straße aus. Der Wagen kam näher. Jetzt erkannte ich, dass es sich um einen alten VW-Bus handelte – einer der Sorte, die aussahen, als hätten sie schon jeden Flecken dieser Erde gesehen. Das Scheinwerferlicht blendete mich. Ich streckte meinen Daumen weiter hinaus, als der Bus auch schon mit enormer Geschwindigkeit an mir vorbeiraste und im Nebel verschwand.

Ich verzog das Gesicht. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich das Gefühl, dass der Bus tatsächlich langsamer wurde. Doch mir war klar, dass ich mir das in meiner Verzweiflung nur einbildete.

Oder?

Ich blinzelte gegen die Regentropfen, die sich in meinen Wimpern verfangen hatte. Konnte es sein, dass …? Ich erstarrte.

Das war keine Einbildung.

Ich rannte auf den Bus zu. Je näher ich kam, desto kleiner wurden meine Zweifel. Die Rücklichter des Wagens blinkten und ich beschleunigte rasch meine Schritte. Inzwischen war ich so nahe, dass der Nebel mir nicht mehr die Sicht versperrte. Der Bus hatte tatsächlich angehalten, doch irgendetwas stimmte nicht. Erst auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass der hintere Reifen seltsam verformt auf den Boden gesunken war. Ein Platten? 

Kurzerhand blieb ich stehen. Ich näherte mich dem Bus ein paar Schritte, bevor ich neben dem Reifen in die Hocke ging. Das war ohne Zweifel ein Platten. Wäre ja zu schön gewesen, wenn der Wagen tatsächlich für mich angehalten hätte.

»Hey! Was zur Hölle tust du da?«

Ich fuhr herum. Ein Paar heller Augen fixierte mich mit einer Mischung aus Überraschung und Abneigung. Die junge Frau, die vor mir stand, musste etwa in meinem Alter sein – hübsch, aber nicht auf Supermodel-Weise. Vielmehr war es eine natürliche Schönheit, ein perfektes Zusammenspiel ihrer rotblonden Haaren, die ihr locker über die Schultern fielen, und den Sommersprossen, die ihre Wangen bedeckten. Einzig die Härte in ihrem Blick, der unbeirrt an mir haftete, passte nicht zu ihrem unbeschwerten Äußeren. Da war etwas in ihren Augen, das ich nur allzu gut kannte, weil es mir jeden Tag im Spiegel entgegenblickte: Der Ausdruck eines Menschen, der viel zu schnell hatte erwachsen werden müssen.

»Hey!«, wiederholte sie, nachdem ich nicht sofort eine Antwort gab. »Hast du gehört, was ich gesagt habe?«

Meine Ohren liefen heiß an, als ich realisierte, dass ich sie gerade angestarrt hatte. Schnell riss ich meinen Blick weg. »Ich, ähm ...«

»Warst du das etwa?«, fuhr sie mich an. Ich verstand nicht sofort, worauf sie anspielte. Ich musste wie ein echter Trottel wirken, denn Rotschopf stieß ein genervtes Schnauben aus und hob das Kinn in Richtung des Autoreifens. »Hast du ein Nagelbrett gelegt oder so was?«

»Was? Ich ... Nein!«, stammelte ich und klang dabei wie der furchtbarste Lügner der Welt. 

»Und wieso sollte ich dir glauben, hm?« Die junge Frau musterte mich von oben bis unten, als wollte sie sichergehen, dass ich keine Waffe bei mir trug.

»Ach, komm schon. Sehe ich wirklich aus wie ein Verbrecher, der Nagelteppiche auf einsamen Straßen verteilt und Unschuldige ausraubt?«

Stille.

Rotschopf zog eine Braue hoch, während ich zögernd an mir herunter sah. Zerrissene Jeans, eine viel zu weite Jacke und Turnschuhe, deren Sohlen nur noch an ein paar Fäden hingen: Das war das Bild, das sich mir bot.

»Okay, vielleicht war das kein überzeugendes Argument«, gab ich zu. »Es kann sein, dass meine letzte Dusche schon ein paar Tage zurückliegt, aber –«

»Wohl eher ein paar Wochen«, murmelte Rotschopf und rümpfte die Nase. 

Charmant.

»Ich bin kein Krimineller, in Ordnung?«, beendete ich schließlich, was ich eigentlich hatte sagen wollen. »Ein bin ein ganz normaler Typ.«

»Ich bin nicht so naiv, um auf deine Spielchen hereinzufallen«, stellte sie klar. »Heutzutage weiß doch jeder, dass nur Vergewaltiger und Perverse Autos stoppen.«

»Ich bin kein Perverser«, antwortete ich, wenig überzeugend.

»Das kann jeder sagen. Findest du es nicht auch etwas verdächtig, dass du ganz allein in diesem Regen hier draußen herumirrst?«

»Du bist doch auch allein hier«, widersprach ich. Zumindest konnte ich keine Erwachsenen entdecken.

Die junge Frau kniff die Augen enger zusammen und verstummte für ein paar Sekunden. »Vielleicht hast du recht. Vielleicht bist du kein Perverser, sondern ein einfacher Autodieb.«

Ich seufzte. »Ernsthaft jetzt? Dann wäre ich ein echt beschissener Dieb, wenn ich mich für diese alte Blechdose hier entscheiden würde.« 

Mit dem Kopf wies ich auf den VW-Bus, für den die Bezeichnung Blechdose noch viel zu nett formuliert war. Schrott auf vier Rädern, hätte es viel eher getroffen. Daran konnte selbst das farbige Blumen-Graffiti an der Seite nichts ändern. Es war ein Wunder, dass der Wagen mit seinem verrosteten Auspuff und den mit Kreppband reparierten Seitenspiegeln überhaupt so weit gekommen war.

Rotschopf strafte mich mit einem Blick ab, als würde sie mich in Gedanken gerade ausweiden. Ich konnte es ihr nicht einmal verübeln. Bisher war unser Gespräch nicht gerade eine Charmeoffensive meinerseits gewesen.

»Du bist also wirklich hier draußen, um Autos zu stoppen.«

»So ist es.«

Erneut legte sich Stille über uns. Rotschopf kniete sich nieder und betrachtete den Platten nachdenklich. Nach einer Weile drehte sich zu mir um.

»Du bist immer noch da? Ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist, aber wir haben nicht angehalten, um dich mitzunehmen. Also mach endlich die Düse.«

Sie war tough, das musste man ihr lassen. Paranoid und etwas forsch vielleicht, aber zweifellos der Typ Mensch, der sich von nichts und niemandem einschüchtern ließ. Irgendwie machte sie mir das seltsam sympathisch.

»Brauchst du Hilfe?«, erkundigte ich mich.

Rotschopf kniete immer noch vor dem Platten am Boden und musterte ihn mit einer Intensität, als reparierte er sich von selbst, wenn sie ihn nur lange genug anstarrte. Sie schnaubte. »Sehe ich etwa so aus?«

»Vielleicht könnte ich dir zur Hand gehen. Zufälligerweise kenne ich mich mit Autos ein wenig aus. Aber wenn ich dir so zusehe, wird mir natürlich sofort klar, dass ich eine echte Profimechanikerin vor mir habe.« Ich versteifte mich. Der letzte Satz war mir so herausgerutscht. Das würde sie bestimmt von meiner Hilfe überzeugen.

Bevor sie darauf eine Antwort geben konnte, bemerkte ich, wie sich eine weitere Gestalt in mein Sichtfeld schob. Es war ein Junge in Jeans und einem einfachen Pullover, nicht viel älter als elf oder zwölf, mit nachtschwarzen Haaren und einem blassen, aber freundlich wirkenden Gesicht. Und dann sah ich seine Augen.

Es war nicht die Farbe, die mich innerlich erstarren ließ, auch wenn das Türkisblau zweifellos außergewöhnlich war. Vielmehr war es das Gefühl, das mich beschlich. Sand zwischen meinen nackten Zehen. Wellen, die gegen einen Strand schlugen. Das Rauschen des Meeres im Hintergrund. Es war, als würde ich direkt auf einen unendlich weiten Ozean hinaus blicken ...


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