Leseprobe zu City of Heroes

Kapitel 1

Lars

 

Während das gerahmte Foto mit Dads Gesicht zu Boden fällt, kommt alles wieder zurück zu mir. Die Kameras, die mir ins Gesicht gedrückt wurden. Die Medienberichte. Der leere Sarg, den wir beerdigen mussten.

Die Leute sagen, dass er ein Held ist, aber es ist mehr als das. Sein Tod hat ihn unsterblich gemacht – zu einer Legende, einem Mythos, der mir an jeder Straßenecke dieser verdammten Stadt entgegenblickt. Das meine ich wortwörtlich. Vor ein paar Tagen habe ich ein Graffiti mit seinem Gesicht an einer Wand in der Miller Street entdeckt. Er ist überall. Man kann ihm nicht entkommen – und glaub mir, ich habe es mehr als einmal versucht.

Ich zucke zusammen, als der Bilderrahmen auf dem Wohnzimmerboden aufkommt und das Glas in Tausend Stücke zerbricht. Der Rahmen liegt mit dem Bild nach unten auf dem Boden, sodass Dads Gesicht nicht mehr zu sehen ist. Besser so, denke ich mir. Er würde sich im Grab umdrehen, wüsste er, was hier gerade abgeht.

»Lars Riley Evans.« Mum bäumt sich vor mir auf, auch wenn sie sich auf Zehenspitzen stellen muss, um mit mir auf Augenhöhe zu kommen. Sie hält sich die Hand, mit der sie das Foto zu Boden geschmissen hat, und keucht. Sie hat es nicht mit Absicht getan, schätze ich, aber seit Dads Tod bekommt sie manchmal diese unkontrollierten Wutausbrüche. Dr. Allen hat gesagt, dass es irgendetwas mit unterdrückten Emotionen zu tun hat. Was weiß ich schon. Auf jeden Fall hasse ich es, wenn sie mich bei meinem vollen Namen nennt. Es soll mich wohl wissen lassen, dass sie es ernst meint, aber das hatte ich spätestens dann bemerkt, als sie zu schreien anfing.

»Karen«, mischt sich Dave nun ein und legt eine Hand auf Mums Schulter. Sie drückt ihn schnaubend weg. Er tritt einen Schritt zurück, als befürchte er, dass sich ihre Wut gegen ihn richten wird. Das wäre witzig. Aber nicht sehr realistisch. Die beiden sind immerhin verliebt. Oder so was in der Art.

»Lass mich das allein regeln«, sagt Mum, ohne sich zu Dave umzudrehen. Ihr Blick ist immer noch auf mich fixiert.

Dave schweigt. Fast hätte ich zu schmunzeln begonnen. Er steht da wie ein kleines Kind, das im Tesco seine Mutter aus den Augen verloren hat. So viel zum Thema großer, böser Polizeiermittler, was?

»Du hast keinen Grund, so auszuflippen, junger Mann.« Mum hebt den Zeigefinger. Als könnte mich das beeindrucken. Ich bin nicht mehr fünf. »Ich will nicht mit dir darüber diskutieren. Dave und ich haben das miteinander abgesprochen.«

Ich verziehe das Gesicht. Dave und ich. Würg. »Und euch ist nie eingefallen, nachzufragen, ob das für mich in Ordnung ist?«

Mum drückt den Zeigefinger gegen meine Brust. Ich spüre, wie sich der lackierte Nagel in den Stoff des Kapuzenpullis bohrt. Seit sie mit Dave zusammen ist, hat sie wieder begonnen, Make-up und schicke Kleider zu tragen und ihre Fingernägel zu lackieren. Als ob sie das zuvor je nötig gehabt hätte.

»Ich muss nicht meinen minderjährigen Sohn um Erlaubnis bitten, um mit meinem Partner zusammenzuziehen«, stellt Mum klar. Sie atmet dreimal tief ein, bevor sie weiterredet. Das ist irgendein Mantra ihres Psychologen, um ruhig zu bleiben, glaub ich. »Solange du unter meinem Dach lebst, gelten meine Regeln. In Ordnung?«

Sie spricht es zwar als Frage aus, aber mir ist klar, dass sie keinen Widerspruch duldet.

»Du lebst hier nicht allein«, protestiere ich trotzdem. Ein Schreikrampf von Mum ist mir immer noch lieber als die Vorstellung, mit Mr. Ich-epiliere-mir-die-Haare-am-Hintertürchen das Bad zu teilen. »Denkst du nicht, dass ich wenigstens die Möglichkeit haben sollte, meine Meinung dazu zu äußern?«

»Du hast sie klar und deutlich geäußert«, murmelt Dave. 

Ich rolle mit den Augen.

»Ich kenne deine Meinung zu diesem Thema«, meint Mum. Ihr Gesicht ist eine ausdruckslose Maske. »Aber du hast Dave noch nicht einmal eine Chance gegeben.«

Ich verdrehe die Augen. »Weil er ein Idiot ist, Mum.« So. Jetzt habe ich es ausgesprochen. »Außerdem«, füge ich schnell an, »sind wir bisher gut zu zweit zurechtgekommen. Warum müssen wir etwas daran ändern? Wir brauchen niemanden, Mum, außer uns beide. Wir gegen den Rest der Welt, schon vergessen?«

Mum antwortet nicht. Ich weiß, dass ich einen wunden Punkt getroffen habe. Sie presst ihre Kieferknochen aufeinander und beugt sich dann hinab, um das zerbrochene Foto von Dad aufzuheben. Vorsichtig wischt sie das Glas weg und betrachtet sein Gesicht. Ich bin das perfekte Ebenbild von ihm. Dieselben krausen Locken, dieselben nachtschwarzen Augen, dieselben buschigen Brauen und markanten Kieferknochen. Meine Haut ist nicht ganz so dunkel wie seine, aber davon mal abgesehen hätte ich problemlos eine jüngere Version von ihm in einem Film spielen können.

Nach seinem Tod hat Mum mir mal gestanden, dass sie es hasst, dass ich genauso aussehe wie Dad. »Jedes Mal, wenn ich dich ansehe, ist es, als stünde er wieder hier mit uns im Raum. Wie soll ich akzeptieren können, dass er weg ist, wenn du mich vierundzwanzig Stunden am Tag an ihn erinnerst?« Das hatte sie gesagt. Keine Ahnung, warum mir diese Worte ausgerechnet in diesem Augenblick wieder einfallen. Ich weiß, dass sie es nicht so gemeint hat. Sie war betrunken und sie hat sich am nächsten Tag bei mir entschuldigt. Aber vergessen habe ich es trotzdem nicht.

»Lars«, sagt Mum. Sie lässt das Foto sinken und seufzt. Die Wut ist aus ihrem Gesicht verschwunden. »Ich weiß, wie wichtig dir dein Vater war, und dass du nicht willst, dass sich irgendetwas zwischen uns ändert. Aber denkst du nicht, dass er das für uns wollen würde?«

Mir entweicht ein trockenes Lachen. »Dass wir mit einem durchweichten Waschlappen zusammenleben? Nein, Mum, ich glaube nicht, dass er das wollen würde.«

Mums Blick verhärtet sich wieder. »Dave macht mich glücklich. Und ehrlich gesagt ist es mir egal, was du davon hältst, aber dein Vater würde sich niemals meinem Glück in den Weg stellen.«

»Dad hat nichts mit all dem zu tun!«

»Natürlich hat er das«, widerspricht Mum. »Mir ist klar, wie schwer dir das fällt, aber das Leben geht weiter. Ohne ihn – so schmerzhaft das auch sein mag. Im Gegensatz zu dir versuche ich wenigstens, mein Leben weiterzuleben.«

Das sitzt. Wie eine Pistolenkugel im Herz. 

»Wie kannst du behaupten, dass du Dad jemals geliebt hast, wenn du dich bei der erstbesten Gelegenheit einem Typen wie Dave an den Hals schmeißt?«, entfährt es mir. Mir ist klar, dass das nicht fair ist. Aber ich kann die Worte nicht mehr zurücknehmen.

Meine Mutter starrt mich aus aufgerissenen Augen an. Sie glänzen und ihre Unterlippe bebt. Für einen schrecklichen Moment lang befürchte ich, dass sie gar nichts mehr sagen wird. Schließlich stellt sie den Bilderrahmen zurück auf die Kommode und bleibt, mit dem Rücken mir zugewandt, im Raum stehen.

»Also gut«, sagt sie mit ruhiger Stimme. »Du lässt mir keine andere Wahl. Entweder verhältst du dich nun wie ein erwachsener Mensch und entschuldigst dich bei Dave.«

»Was? Nie im Le –«

»Oder du brauchst nicht mehr in diese Wohnung zurückzukehren.«

Der Rest meines Satzes bleibt mir im Hals stecken. Mum hat sich immer noch nicht zu mir umgedreht, aber ich sehe, dass sie ihre Hände auf der Kommode zu Fäusten geballt hat. Hilflos blicke ich zu Dave hinüber, doch er weicht mir aus und starrt stattdessen auf seine polierten Lackschuhe. War ja klar, dass ich von ihm keine Hilfe erwarten kann.

»Mum«, setze ich an und gehe ein paar Schritte auf sie zu. »Das ist nicht dein Ernst.«

Sie hebt eine Hand, um mich davon abzuhalten näher zu kommen. »Doch, Lars. Das ist mein voller Ernst.«

»Wir können darüber reden«, wage ich einen neuen Versuch. »Bitte, Mum. Du kannst mich nicht einfach rausschmeißen.« 

Endlich dreht sie sich zu mir um. »Ich schmeiße dich nicht raus. Ich gebe dir eine Chance, dich wie ein vernünftiger Erwachsener zu verhalten.«

»Du willst also ihn«, ich zeige mit dem Kinn auf Dave, »gegen mich ausspielen?«

»Denkst du, das macht mir Spaß?« Mum schüttelt den Kopf. »Aber es ist der einzige Weg, dich zur Vernunft zu bringen.«

»Mich zur …?« Wieder lache ich. Dieses Mal ist es eine Verzweiflungstat. »Du redest gerade davon, mich auf die Straße zu setzen.«

Sie schweigt. 

»Wow«, entfährt es mir. »Das ist … Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Es ist keine schwere Entscheidung, Lars.«

»Wirklich?« Ich fahre mir durch die Haare und schüttle den Kopf. Sie meint das ernst. Sie stellt diesen verwaschenen Dad-Ersatz tatsächlich über ihren eigenen Sohn. »Weißt du was? Wenn es dir tatsächlich so egal ist, was mit mir geschieht, dann hat es vermutlich eh keinen Sinn mehr hierzubleiben.« Mir ist klar, dass das ein wenig dramatisch ist.

»Lars …«

»Nein«, schneide ich ihr das Wort ab. »Es ist okay, Mum. Ich bin alt genug, nicht wahr? Vielleicht sollte ich wirklich anfangen, mein eigenes Leben zu leben.«

Dazu sagt sie nichts mehr. Dave zwingt sich zu einem müden Lächeln, das in der Situation etwa so angebracht ist wie ein Pelikankostüm auf einer Beerdigung. Für ein paar Sekunden hoffe ich, dass Mum es sich anders überlegen wird. Genau genommen zähle ich sogar darauf, dass sie der Gedanke, ihren einzigen Sohn auf die Straße gestellt zu haben, weich werden lässt.

Aber nichts passiert.

Ich stehe in der erdrückenden Stille, die das Wohnzimmer eingenommen hat, und spüre, wie der Druck auf meiner Brust immer größer wird. Also gut. Sie hat es nicht anders gewollt.

Ohne ein weiteres Wort stürme ich an Mum und Dave vorbei in mein Zimmer, reiße den Schrank auf und beginne damit, die Klamotten in meine Sporttasche zu schmeißen. Plötzlich kommt mir die Straße immer noch besser vor als diese bescheuerte Wohnung.

 

 

Ich weiß, was du jetzt vermutlich denkst. Wie kannst du nur so herzlos sein, Lars? Willst du wirklich auf der Straße landen wegen deinem Stolz? Gib Dave doch eine Chance, du kennst ihn ja kaum!

Glaub mir, ich kenne Typen wie ihn. Adrett gekleidet, gut verdienend, jemand, der seinen Job weder liebt noch hasst, aber ihn vor allem des Geldes wegen macht. Typen, die beim ersten Date eine Rose mitbringen, die Tür aufhalten und die Rechnung bezahlen. Nur um dann nach der Hochzeit den ganzen Feierabend auf dem Sofa herumzuliegen und sich darüber zu beschweren, dass man unmöglich dabei helfen könne, die Kinder ins Bett zu bringen, weil man ja den ganzen Tag so schwer gearbeitet habe. Solche Typen.

Während ich mit meiner gepackten Sporttasche den Apartmentblock verlasse, frage ich mich, wie um alles in der Welt sich Mum auf einen solchen Idioten einlassen kann. Vielleicht ist es das Geld. Ziemlich sicher ist es das. Ich kann mir keinen anderen Grund vorstellen, warum man seine Erwartungen so sehr herunterschrauben sollte, wenn man zuvor fünfzehn Jahre mit jemandem wie Dad verheiratet gewesen war.

Kopfschüttelnd verdränge ich den Gedanken. Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung, wo ich hingehe, auch wenn ich laufe, als wollte ich einen Marathon gewinnen. Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass es kurz nach vier ist. Ich habe also noch zwei Stunden Zeit bis zur Arbeit. 

Ich brauche eine Unterkunft. Wäre ja noch schöner, wenn ich heute Nacht vor Kälte zitternd vor Mums Apartment auftauche und sie darum anbettele, mich zurückzunehmen. Das wird nicht passieren.

Ich biege in die Downshire Lane ein und laufe in Richtung Stadtzentrum. Die Straße geht den Hügel hinauf, sodass ich bereits nach wenigen Metern ins Schwitzen komme. Bescheuerte englische Raumplanung. Wer baut denn eine Stadt auf einen Hügel, bitteschön? Nicht, dass es viel gebracht hätte, weil sie ja sowieso am Fluss unten noch weitergeht. Das machen selbst die kleinen Cafés und die alten Steingebäude nicht wett, die mir auf meinem Weg begegnen.

Es kommen mir wenige Leute entgegen, was mir nur recht ist. Auch an gewöhnlichen Tagen starren mich die Bewohner dieser Stadt an, als wäre ich ein exotisches Tier aus Australien. Es gibt immer nur zwei Ausdrücke, mit denen sie mich ansehen: Entweder Mitleid, meist gefolgt von einem Es tut mir so leid, was mit deinem Vater passiert ist. Oder schlichtweg Überforderung, die manchmal sogar darin gipfelt, dass sie die Straßenseite wechseln, um mir nicht begegnen zu müssen. Sehr erwachsen.

Ich laufe einige Minuten ziellos durch die engen Gassen des Stadtzentrums, bevor ich schließlich vor der Schule stehen bleibe. Ich habe letztes Jahr mal ein paar Tage in der Turnhalle übernachtet, als Mum und ich diesen großen Streit hatten wegen Dads alter Klamotten. Vielleicht kann ich wieder hier unterkommen, bis ich eine bessere Lösung gefunden habe. Dann fällt mir ein, dass es dieses Mal nicht ganz so einfach werden wird, weil ich da kein Schüler mehr bin, und ich verziehe das Gesicht. Auch egal. So toll war der Gestank von Gummi, alten Socken und schweißgetränkten T-Shirts sowieso nicht.

Trotzdem bleibe ich stehen. Das Gelände ist so groß, dass es praktisch eine Seite der Straße für sich allein einnimmt. Ein paar Bäume stehen auf dem Pausenhof und obwohl der Sommer gerade erst begonnen hat, sind sie bereits mit gelben Blättern gesprenkelt. Die meisten Schüler sind wohl schon zu Hause. Da ist lediglich eine kleine Traube, die sich vor der Treppe beim Eingang versammelt hat. Ein paar Jungs schubsen gerade einen rothaarigen Jungen ins Gebüsch und lachen dabei. Ein Mädchen steht daneben und filmt das Ganze.

Der Junge ist Marvin Hoffmann. Vor ein paar Jahren ist er von Deutschland hierher gezogen und hat schon am ersten Tag die Außenseiter-Lotterie gewonnen. Ich meine, rote Haare und ein deutscher Akzent? Gott muss einen echten Kater gehabt haben, als er die Mischung hervorgebracht hat. Marvin und ich waren in derselben Klasse und haben manchmal Gruppenarbeiten miteinander erledigt. Er hat mich sogar einmal zu sich nach Hause eingeladen, aber es wäre falsch zu behaupten, dass wir Freunde sind. Dabei hätte er die dringend nötig gehabt. Als vor ein paar Monaten herausgekommen ist, dass irgendein Perverser Kameras in der Mädchengarderobe platziert hat, hat jeder sofort Marvin verdächtigt. Klar, er ist merkwürdig und hat die sozialen Fähigkeiten eines Kakadus. Aber bis heute hat niemand auch nur ein einziges Indiz dafür gefunden, dass er wirklich der Perverse ist. Ich persönlich glaube nicht daran. Aber meine Meinung zählt sowieso nicht, seit ich kein Schüler mehr an der Avonby High bin. 

Sicher fragst du dich jetzt, was passiert ist, dass ich nicht mehr zur Schule gehe. Wurde ich vom Rektor verwiesen? Gab es einen riesigen Skandal, bei dem ich ungerechterweise rausgeworfen wurde? Habe ich versucht, die Turnhalle in Brand zu stecken? 

Ich muss dich enttäuschen. So spektakulär war mein Abgang nicht. Um ehrlich zu sein, habe ich vor ein paar Wochen einfach beschlossen, nicht mehr hinzugehen. Ziemlich lahm, oder? Aber es hat sich richtig angefühlt. Welchen Sinn hat es denn, für eine Zukunft zu lernen, die vermutlich eh nie eintreten wird? Ich bin nicht gemacht für die High School – und schon gar nicht für Unis und diesen ganzen Mist.

Tja, da hast du es also: Obdachlos, vaterlos und ohne Abschluss oder Ausbildung in der Tasche. Willkommen in meinem Leben.

 

 

Es beginnt zu regnen. Nicht dieser sintflutartige Regen, der nach fünf Minuten verschwindet und der Sonne wieder Platz macht. So was gibt es hier in East Sussex nicht. Es ist vielmehr dieser nervige Tröpfchen-Regen. Kein Grund, um wirklich den Regenschirm auszupacken, aber dennoch genug, um deine Haare nach wenigen Minuten am Schädel kleben zu lassen.

Ich ziehe mir die Kapuze meines Pullovers ins Gesicht und halte mich an den Rand des Gehsteigs, um unter den Vordächern ein wenig Schutz zu suchen. Nützt nicht viel, aber es ist besser als nichts. Nach ein paar Minuten wird der Regen stärker und ich bleibe vor dem Schaufenster eines Wettbüros stehen, um zu warten, bis das Wetter vorüberzieht. Die gibt’s hier wie Sand am Meer. Ich weiß, dass Dave mal gesagt hat, dass sie den historischen Wert der Altstadt vernichten würden. Oder so was in der Art. Sie sind scheußlich anzusehen, mit den abblätternden gelben Fassaden und den blinkenden Neonlichtern beim Eingang, die den ganz großen Gewinn versprechen. Ich schätze, in einer Stadt wie Avonby ist das das Einzige, was die Hoffnung der Menschen aufrechterhält. Jeder, den ich kenne, wünscht sich, er könnte aus der Stadt fliehen. Viele haben es getan, schon vor der Sache mit Dad und dem Puppenspieler. Aber die meisten hier können es sich nicht leisten wegzuziehen. 

Im Schaufenster, direkt unter den blinkenden Neonlichtern, steht ein Fernseher, der aussieht, als wäre er in letzter Sekunde vom Schrottplatz gerettet worden. Es laufen die News. Irgendein bärtiger Mann mit mehr Zahnlücken als ein Kind, das gerade die Primary begonnen hat, gestikuliert wild zum Himmel über ihm. Darunter steht in fettgedruckten Buchstaben: Spektakuläres Naturschauspiel – Komet Fortuna zieht heute Nacht über den Himmel von East Sussex.

Ach ja. Davon berichten sie schon seit Tagen. Kein Wunder, es ist vermutlich das Spannendste, was hier in der Gegend in den letzten drei Jahren passiert ist. Bei dem Wetter haben wir Glück, wenn wir überhaupt den Mond heute Nacht zu sehen bekommen.

Ich ziehe den Pullover enger um mich und erschaudere. Der Regen macht keine Anstalten, weniger zu werden. Ganz im Gegenteil. Vielleicht hätte ich doch meine Jacke einpacken sollen. Aber wer rechnet bitteschön Mitte Juni mit dieser sibirischen Kälte? 

Ich brauche dringend einen Ort für die Nacht, wenn ich morgen früh nicht als Wasserleiche am Flussufer enden will.

Seufzend greife ich in meine Tasche und ziehe mein Handy hervor. Es ist eins dieser unzerstörbaren alten Nokias, die selbst einen Atomkrieg unbeschadet überstehen würden. Dad hat es mir nach seinem Tod vermacht und weil ich eh kein Geld habe, um mir ein neues zu kaufen, habe ich es behalten.

Mir ist klar, dass es eine bescheuerte Idee ist, sie anzurufen. Wir haben seit drei Monaten nicht mehr miteinander geredet. Aber sie ist der einzige Mensch, auf den ich mich verlassen kann. Und ja, ich weiß, wie erbärmlich das klingt.

Ich wähle die Nummer und drücke mir das Handy gegen das Ohr. Mit jedem Klingeln wird das Loch in meinem Bauch größer. Warum nimmt sie nicht ab? Vermutlich will sie nicht mit mir reden. Was ich ihr nicht einmal verübeln kann, denn ich war ein echt beschissener bester Freund.

Die Mailbox schaltet sich ein und ich drücke auf den roten Hörer, bevor ich irgendetwas sagen kann, das ich später bereuen werde. Soviel dazu.

Ich stecke das Handy weg und setze mich auf die Treppenstufen vor dem Eingang des Wettbüros. Der Regen benetzt die Straßen und schwemmt den Dreck der letzten Tage abwärts. Mein Blick fällt auf die Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite. Kleine Cafés, in denen sich die Leute eng aneinanderdrängen, um Schutz vor der Kälte zu suchen. Ein paar Souvenirläden mit diesen billigen I Love Avonby-Shirts, die keiner kaufen will. Und das alte Kino an der Ecke von Byward Hill, das schon so lange verlassen ist, dass es sich wohl bald in die Sammlung der historischen Gebäude in der Stadt einreihen wird. Kümmern tut sich auf jeden Fall keiner mehr darum.

Plötzlich kommt mir eine Idee. Das Kino könnte die Kulisse eines schlechten Horrorfilms sein, mit seinen alten Sitzen, den vereinzelten Ratten und den endlosen dunklen Gängen. Es riecht nach Dreck und dem Gras, das die Jugendlichen der Avonby High manchmal dort rauchen. Aber zumindest ist das Dach dicht und das Innere warm genug, um keinen langsamen Erfrierungstod zu finden. Vielleicht bringe ich sogar die alte Popcornmaschine zum Laufen.

Ich stehe von den Treppenstufen auf und schultere meine Sporttasche. Scheint, als hätte ich gerade die perfekte Unterkunft für die Nacht gefunden. 

 

Kapitel 2

Nadia

 

Ich starre auf das Display des Handys. Der Idiot, steht da in weißen Lettern, während das Smartphone in meiner Hand hörbar vibriert. Natürlich ist das nicht sein korrekter Name. Das wäre Lars Evans. Aber nach allem, was er sich in den letzten Wochen und Monaten geleistet hat, ist diese Betitelung zweifellos passender.

Für einen kurzen Augenblick bin ich versucht, den Anruf anzunehmen. Meine letzte Unterhaltung mit Lars liegt genau 91 Tage zurück. Das war an meinem siebzehnten Geburtstag. Ich lud ihn aus einem unerklärlichen Pflichtgefühl zur Party ein, aber zwischen dem Hi, wie geht’s dir? bei der Begrüßung und dem Geh nach Hause, du bist betrunken! nach seinem Rausschmiss vier Stunden später, wechselten wir kaum ein Wort miteinander.

Ich lege das Handy vor mir auf die Küchenzeile und lasse den Anruf unbeantwortet ausklingen. In meinem Kopf rechne ich mir vier Möglichkeiten aus, weshalb er mich erreichen wollte, und ordne sie nach der Wahrscheinlichkeit.

1. Er ist betrunken (sehr wahrscheinlich)

2. Ihm ist langweilig (ebenfalls sehr wahrscheinlich)

3. Er braucht meine Hilfe (weniger wahrscheinlich, weil er zu stur ist, um sich von irgendjemandem helfen zu lassen)

4. Es ist ein Notfall (nicht sehr wahrscheinlich – es sei denn, er ruft in den nächsten paar Minuten erneut an)

Ich warte einen Moment, aber Lars meldet sich nicht mehr, also streiche ich Möglichkeit vier von der imaginären Liste. Ich stecke das Handy in die Außentasche meines Rucksacks, den ich neben dem Kühlschrank abgestellt habe, und wende mich dem Smoothie-Mixer zu. Während ich die Avocado und die Ananasstücke im Inneren platziere, höre ich Schritte aus dem oberen Geschoss des Lofts. Jemand steigt über die Treppe von der Galerie ins Wohnzimmer hinab. Zwei schwere Schritte, dann ein hüpfender. Ich kenne diesen Gang besser als meinen Trainingsplan der letzten Monate.

»Howdy, Schwesterlein.« Bea stützt ihre Ellbogen auf der Küchentheke ab und schenkt mir eins ihrer strahlenden Lächeln. Sie hat Farbe in den Haaren und auf ihrer Jeansjacke.

»Hey«, sage ich und schalte den Mixer ein.

In der Spiegelung des Backofens kann ich sehen, dass sich das Grinsen meiner Schwester vertieft. Man braucht wahrlich kein Wahrsager zu sein, um zu erkennen, dass wir dieselben Gene in uns tragen. Wir sind beide blond, haben metallblaue Augen und teilen denselben feinen Strich in unserer rechten Braue, der aussieht wie eine winzige Narbe. Dennoch bevorzugen es die meisten Leute, mit Bea Zeit zu verbringen. Sie ist aufgeschlossen und hat Humor. Ich bin meistens so sehr mit dem Training beschäftigt, dass sich meine sozialen Kontakte auf das gegenseitige Liken von Bildern auf Instagram beschränken.

Ich schalte den Mixer aus, öffne den Deckel und leere den Smoothie vorsichtig mit dem Trichter in meine Trinkflasche. Bea grinst nach wie vor. Das ist Große-Schwester-Code für Ich will etwas von dir.

»Hast du eine halbe Stunde Zeit?«, bestätigt sie meine Vermutung wenige Sekunden später.

»Kommt darauf an«, antworte ich und drehe den Deckel der Trinkflasche zu.

»Ich hatte heute Nachmittag eine echt abgefahrene Idee für ein neues Bild«, erklärt Bea. »Du hast doch von diesem Meteor gehört, oder? Ich habe in der Zeitung davon gelesen und plötzlich hatte ich diese epische Kulisse vor mir.« Sie legt mir einen Arm um die Schulter und zeichnet mit der Hand ein unsichtbares Bild vor uns in die Luft. »Es ist mitten in der Nacht. Der Komet erhellt einen sternenklaren Himmel. Eine junge Frau starrt auf eine zerstörte Stadt zu ihren Füßen.«

Ich reagiere nicht, also fährt Bea fort: »Es ist eine Metapher, verstehst du? Die zerstörte Stadt, das sind wir, die Gesellschaft. Der Komet symbolisiert den Reichtum und den Konsum. Und die junge Frau ist die Menschheit, die sich so sehr auf diesen glänzenden Kometen fokussiert, dass sie nicht bemerkt, dass sie auf Ruinen steht.«

»Wow«, sage ich trocken, ohne es so zu meinen. Bea fragt nicht nach meiner Meinung. Sie sucht lediglich nach einer Bestätigung.

»Nicht wahr?« Meine Schwester dreht sich zu mir um. »Alles, was ich jetzt noch brauche, ist ein Modell.«

Ich verkneife mir einen Seufzer. Bevor ich gezwungen bin, Bea eine undurchdachte Ausrede zu liefern, vibriert die Smartwatch an meinem Handgelenk. Ich werfe einen kurzen Blick aufs Display und schalte den Wecker aus.

»Sorry«, wende ich mich an Bea. »Ich muss zum Training.«

Meine Schwester zieht eine Schnute. »Komm schon, Nadia. Kannst du es denn nicht einmal ausfallen lassen? Für mich?«

Ich lasse die Trinkflasche in meinem Rucksack verschwinden und schultere ihn. »Du weißt, wie wichtig mir das ist. Denkst du, Aries wäre je soweit gekommen, wenn sie ihr Training einfach hätte ausfallen lassen? Nein«, beantworte ich meine eigene Frage. »Beharrlichkeit und eine gute Routine sind das A und O.«

Bea verdreht die Augen. »Das heißt nicht, dass du ab und zu nicht auch ein wenig Spaß haben darfst. Wir könnten uns einen gemütlichen Mädchen-Abend machen. Du stehst mir Modell und danach trinken wir Wein und schauen Sex and the City, bis wir vor dem Fernsehen einschlafen. Na, wie klingt das?«

»Dir ist klar, dass ich genau genommen noch nicht alt genug bin zum Trinken, oder? Außerdem«, füge ich an, »ist Alkohol eine klassische Anfängerdroge. Es schadet dem Körper und dem Nervensystem längerfristig. Der einzige Unterschied zu Crack oder Kokain ist, dass es gesellschaftlich akzeptiert ist zu trinken.«

Bea stöhnt genervt auf. »Mach dich doch mal locker, Schwesterlein. Als ich so alt war wie du –«

»Ich weiß«, unterbreche ich sie. Ich kenne die Geschichte und will sie nicht noch einmal hören. Bea ist sechs Jahre älter als ich. Vor dem Tod unserer Eltern war sie eine unverbesserliche Partygängerin und das beliebteste Mädchen des Abschlussjahrgangs an der Avonby High. Dann musste sie sich plötzlich um ihre kleine Schwester kümmern und innerhalb von wenigen Wochen erwachsen werden, weil Mum und Dad nicht mehr da waren. Sie behauptet stets, dass sie ihre A-Levels eines Tages nachholen wird. Inzwischen glaube ich nicht mehr daran.

Bea nimmt mein Gesicht in ihre Hände und drückt meine Wangen zusammen. »Also gut. Ich will unserer künftigen Olympiasiegerin nicht im Weg stehen.«

Ich verdrehe die Augen und löse mich von ihr. 

»Bist du zum Abendessen wieder hier?«, ruft Bea mir nach, als ich bereits bei der Tür angekommen bin.

»Vermutlich nicht«, antworte ich. »Ich möchte noch an meiner Technik feilen. Ich esse dann später.«

»In Ordnung«, sagt Bea leise. »Pass auf dich auf, ja?«

Ich drehe den Schlüssel im Schloss. »Das tue ich immer«, antworte ich und trete nach draußen. 

Lars

 

»Ihr werdet alle sterben!«, schreit die Frau vor dem Eingang des Fast Food-Ladens. »Heute Nacht ist die Zeit der Entrückung gekommen. Ihr werdet für eure Sünden bezahlen, o Stadt der Sündiger.«

Okay. Ich weiß, so was rückt Avonby nicht in ein gutes Licht. Religiöse Fanatiker, die auf der Straße das Ende der Welt verkünden – so was gibt’s doch nur in Amerika! Aber bestimmt nicht in East Sussex, im Königreich der Queen!

Ja, träum weiter.

Ich verrate dir ein kleines Geheimnis über diese Stadt: Avonby ist voll von Irren. Irre, nicht Iren. Kleiner, aber wichtiger Unterschied. Und gefühlt lebt an jeder Straßenecke ein weiterer Verrückter. Die Frau vor dem Eingang, zum Beispiel. Carole Blaire ist ihr Name. Sie ist Teil dieser neuen Kirche, die vor ein paar Jahren in der Stadt gegründet wurde. Sie glauben an Gott – oder IHN, wie sie ihn nennen – und Sünden und den Weltuntergang. Und dass der Rest der Normal-Denkenden in dieser Stadt errettet werden muss. Oder irgend so einen Mist.

»Der Komet naht«, ruft Carole, als ich mich an ihr vorbei ins Innere von Otto’s Burgers drängen will. »Das ist deine allerletzte Chance, errettet zu werden, bevor wir alle sterben.«

Carole hält mich mit einer Hand an der Schulter zurück und drückt mir mit der anderen einen Flyer gegen die Brust. Sie hat lange dunkle Haare, die zur Hälfte aus Spliss bestehen, und trägt eins dieser knöchellangen Kleider, die bis zum Kinn zugeknöpft werden. Als sie den Mund öffnet, blitzt mir eine schiefe obere Zahnreihe entgegen.

Neben ihr steht eine junge Frau in meinem Alter, hellhäutig und blond. Sie lächelt mich beinahe schon entschuldigend an. Das ist Caroles Tochter, Elise. Wir waren zusammen in einer Klasse, bevor ich alles hingeschmissen habe. Ich wusste, dass sie Teil der Sekte ist, aber mir war nie klar, dass sie in ihrer Freizeit dazu genötigt wird, hier draußen herumzustehen.

»Komm zum nächsten Sonntagsbrunch in zwei Wochen«, sagt Carole. »Jeder ist willkommen. Auch Sündiger wie du.«

Ich nehme den Flyer entgegen und löse mich aus Caroles Griff. Ihre Fingernägel haben sich so tief in meine Schulter gegraben, dass ich sie immer noch spüre.

»Danke«, sage ich und schiebe mich an Carole und Elise vorbei zum Eingang. »Aber wenn wir heute Nacht sowieso alle sterben, lohnt es sich vermutlich nicht, Pläne zu machen.«

Ich höre Caroles Antwort nicht mehr, denn die schwere Glastür ist bereits hinter mir ins Schloss gefallen. Seufzend zerknülle ich den Flyer und werfe ihn in den nächsten Abfalleimer. Warum Lewis nichts dagegen unternimmt, dass solche Verrückten vor seinem Laden herumlungern, ist mir ein Rätsel.

»Hey, Mann«, begrüßt mich Sven, als ich meine Schürze vom Garderobenhaken nehme. Er steht bei der Tür, die zur Küche führt, und winkt mir zu. Er hat vor ein paar Jahren einen Finger verloren, weil er beim Frittieren eingeschlafen ist, was die Geste unbeabsichtigt gruselig macht.

»Hey«, antworte ich und schnüre die Schürze hinter meinem Rücken zusammen. Sven ist mein Arbeitskollege, knapp Mitte Vierzig und hat ein paar Wochen nach mir hier zu arbeiten begonnen.

»Kannst du mir einen Gefallen tun, Mann?«, fragt Sven, als ich an ihm vorbei in die Küche will. Seine Augen sind gerötet und er riecht nach Gras. »Ich weiß, dass Lewis mich heute zum Kassendienst eingetragen hat. Aber ich fühl‘ mich nicht so gut, Mann. Ich kann nicht mit Menschen umgehen heute, verstehst du? Die sind schlecht für mein Chi.«

»Du willst, dass ich für dich den Kassendienst übernehme?«

Sven stößt ein grunzendes Lachen aus und fällt mir dann um den Hals. »Danke, Mann! Du bist echt der Beste!«

Damit verschwindet er in der Küche, ohne mir die Gelegenheit zu geben zu protestieren. Ich drehe mich um. Die roten Sitzbänke des Ladens, die ein amerikanisches 60er-Jahre-Diner imitieren sollen, sind alle leer. Aber es ist noch früh. Fast wünsche ich mir, dass heute Abend viel los ist. Dann kann ich mich für ein paar Stunden wenigstens auf etwas anderes konzentrieren als die Frage, wie ich die nächsten paar Wochen über die Runden kommen soll.

 

 

Der Laden bleibt die nächsten Stunden größtenteils leer. Meine einzigen Kunden sind ein Lastwagenfahrer, der einen extra Chicken mit Double Bacon bestellt, eine Gruppe von Schülern und eine Familie mit zwei Kindern, die hergekommen sind, um den Kometen zu beobachten. 

Es ist Donnerstagabend. Da ist nie viel los, aber heute scheinen die Einwohner von Avonby noch weniger Lust auf fettige Burger und pampige Pommes zu haben als normalerweise. Ich kann es ihnen nicht verübeln. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Zustand von Lewis‘ Küche gegen mehrere Artikel des Lebensmittelgesetzes verstößt.

»Yo, Mann. Heute ist echt tote Hose, was?«

Ich drehe mich um. Sven hat die Tür zur Küche aufgeschoben und nun schlägt mir der Geruch von ranzigem Öl und verbranntem Fleisch in die Nase. 

Ich zucke mit den Schultern. Draußen senkt sich langsam die Sonne über die Stadt. Es ist kurz vor acht, meine Schicht dauert noch bis halb zehn.

Sven drückt die Tür hinter sich zu und lehnt sich neben mir an die Theke. Eigentlich hat Lewis uns streng verboten, während der Arbeit über Privates zu reden. Aber es wird mindestens noch eine Stunde dauern, bis er hier auftaucht. Wenn überhaupt.

»Was ist heute los mit dir?«, fragt Sven.

Ich blinzle. »Was?«

»Na, das frage ich gerade. Du bist so still, Mann. Grübelst herum. Ich sehe es in deinen Augen, Bruder.«

Ich lasse meinen Blick über den Laden schweifen. Auf dem Parkplatz hinter den Glasscheiben herrscht gähnende Leere. Sogar Carole hat ihre Flyer eingepackt und ist verschwunden.

»Es ist nichts«, antworte ich.

»Hattest du wieder Streit mit deiner Mutter?«

Ich schnaube leise. Dafür, dass er meist zu high ist, um Kunden zu bedienen, hat Sven ein erschreckend gutes Gedächtnis.

»Sie hat mich aus der Wohnung geschmissen«, erkläre ich.

Svens Augen weiten sich. »Das ist furchtbar, Mann.«

Wieder zucke ich mit den Schultern. »Sie will unbedingt mit diesem Dave-Typen zusammenziehen. Ich war dagegen. Also hat sie mich vor die Wahl gestellt.«

»Hart, Bruder. Hart.«

»Ich verstehe einfach nicht, was sie in ihm sieht«, fahre ich fort. Ich weiß nicht, weshalb ich Sven das überhaupt erzähle. Aber es löst den nervigen Druck auf meiner Brust ein wenig, der mich schon den ganzen Nachmittag lang begleitet. »Wie kann sie Dad durch ihn ersetzen? Er arbeitet bei der Polizei. Bei. Der. Polizei.«

»Oh, nein. Nein, Mann. Ich glaube nicht, dass sie ihn jemals ersetzen könnte«, meint Sven und winkt ab. »Dein Vater war ein Held. Toller Typ. Hat uns allen den Hintern gerettet. Solche Menschen sind unersetzbar.«

Ich verziehe das Gesicht. »Und wenn schon. Sie braucht Dave nicht. Sie hat ja mich.«

»Dave ist nicht dein Vater. Genauso wenig wie du dein Vater bist, Mann. Du bist deine eigene Person.«

Er hat recht. Ich bin nicht wie Dad. Manchmal frage ich mich, was er sagen würde, wenn er wüsste, dass ich als Burgerbrater bei Lewis arbeite. Ob er mich überhaupt noch als seinen Sohn sehen würde? Ich meine, ich habe versucht, mehr zu sein wie er. Aber wie tritt man in die Fußstapfen, die ein Riese hinterlassen hat? 

Bevor Sven mir weitere Gratistipps geben kann, klingelt die Glastür beim Eingang. Ein Mädchen mit schwarzem Lippenstift und ebenso dunkler Kleidung betritt den Laden. Sie trägt schwarze Stiefel mit goldenen Schnürsenkeln und ist so blass, dass wir sie einmal fast aus dem Laden hätten rausschmeißen müssen, weil ein paar Kinder im Bällebad sie für einen Geist gehalten haben. Lola ist ihr Name, soweit ich weiß. Sie kommt oft hierher. Gibt ihre übliche Bestellung auf und sitzt dann in der Ecke neben dem Notausgang, wo sie stundenlang in ihr Notizbuch kritzelt.

Sven klopft mir auf die Schulter und verschwindet wieder in der Küche. Ich richte meine Haube, die Teil der bescheuerten Uniform ist, und zwinge mich zu einem Lächeln.

»Eine extra große Packung Chicken Nuggets und eine XXL-Cola?«, rate ich, als Lola vor der Kasse zum Stehen kommt. Genau genommen ist es nicht einmal ein Raten, weil sie immer dasselbe nimmt. Aber Lewis sagt, dass die Kunden es wertschätzen, wenn man sich an ihre Bestellung erinnert. 

Lola nickt nur. Sie schaut mir nie in die Augen. Ich glaube, sie ist froh, dass ich für sie das Reden übernommen habe.

Ich tippe die Bestellung ein und drehe mich dann zur Getränkemaschine, um die Cola abzufüllen. Als ich mich wieder der Kasse zuwende, hat Lola ihr Notizbuch aus der Tasche gezogen und blättert gedankenverloren darin herum. Das meiste ist Text mit vereinzelten Bildern von skurrilen Monstern. Ich habe sie mal gefragt, was sie darin festhält, und sie hat mir erklärt, dass sie eine Fan-Fiction schreibt über dieses Buch, das kürzlich verfilmt wurde. Das mit den Dämonen und dem Mädchen, das sich in einen von ihnen verliebt und die Welt vor den Übermächten des Bösen retten muss. Oder so. Keine Ahnung, ich hab es nie gelesen. 

Ich stelle die Cola auf dem Tablett ab und öffne die Kasse. 

»Das wären dann 5 Pfund 30«, verkünde ich.

Lola klappt ihr Notizbuch zu und starrt mich an. »Habt ihr die Preise erhöht?«

»Ähm … ja«, antworte ich. »Lewis sagt, dass es irgendetwas mit der Mehrwertsteuer zu tun hat. Sorry.« Es sind fünfzig Pence mehr als sonst. Ich bin mir nicht sicher, ob die Mehrwertsteuer tatsächlich so viel ausmacht, aber dafür bin ich auch nicht angestellt. Ich bin nur der Typ an der Kasse.

»Ah, shit«, flucht Lola. Sie kramt ihre Geldbörse aus der Tasche und wühlt in den Münzen herum. Schließlich schüttelt sie den Kopf. »Ich hab nicht so viel hier.« Sie verengt die Augen und schiebt das Tablett über die Theke zurück zu mir. »Sag Lewis, dass er die Leute das nächste Mal gefälligst vorwarnen soll.«

Sie hat den Ausgang schon fast erreicht, als ich sie zurückrufe.

»Warte.« Ich schiebe das Tablett zurück. »Du hast recht. Lewis hätte was sagen sollen. Nimm es.«

»Was?«

»Deine Bestellung. Geht auf mich.«

Ich bin mir nicht sicher, weshalb ich das tue. Lewis macht jedes Mal ein riesiges Drama um Kundentreue oder so was. Aber darum geht es mir in diesem Augenblick gar nicht. Als ich noch zur Schule ging, habe ich Lola oft allein mittags in der Cafeteria gesehen. Sie wirkte stets so verloren zwischen all den anderen Schülern. Hier ist das anders. Ich habe das Gefühl, dass sie nur hier wirklich sie selbst sein kann, mit ihrem Notizbuch und ihrem Tisch in der Ecke. Vielleicht bin ich heute auch nur empfindlich und versuche irgendetwas zu kompensieren. Aber es scheint mir das Richtige zu sein.

Zögernd nimmt Lola das Tablett entgegen. »Tja … danke, schätze ich.«

Ich lächle. »Kein Ding.«

Kapitel 3

Lars

 

Lewis taucht irgendwann vor Feierabend auf. Er stolpert durch die Glastür beim Eingang, als ich bereits mit dem Putzen der Theke begonnen habe. Lewis ist ein großer Mann mit einem unregelmäßigen Stoppelbart, in dem sich die ersten grauen Haare festgesetzt haben, und einem weißen Hemd, das ihn wichtiger erscheinen lässt, als er in Wirklichkeit ist.

Lewis ist kein schlechter Chef. Er ist launisch und geizig und bei seinem letzten Wutanfall hat er die Eismaschine zerstört. Aber ich habe es Lewis zu verdanken, dass ich hier arbeiten kann. Jeder andere hätte einem Schulabgänger ohne Zeugnis und ohne Lebenslauf vermutlich keine Stelle angeboten. Lewis hingegen ist es egal, woher du kommst und was du getan hast, solange du arbeiten kannst. Das ist sein Geschäftsmodell: Den menschlichen Abfall in Avonby aufzusammeln und ihnen als Einziger in der ganzen Stadt einen Job anzubieten. Leute wie ich oder Sven, die es sich nicht leisten können, sich über die miserable Bezahlung zu beschweren.

»Gute Arbeit, ihr beide«, sagt Lewis zur Begrüßung. Er geht an mir vorbei und zieht die Kasse aus dem Register, um mit dem Zählen der Einnahmen zu beginnen. »Das nächste Mal werde ich etwas früher hier sein, versprochen. Aber ich sehe schon, dass ihr den Laden auch ganz gut ohne meine Hilfe schmeißen könnt.« Er grunzt über seinen eigenen Witz. Den macht er jedes Mal, wenn er hier auftaucht, und ich lache meist nur aus Höflichkeit.

Ich höre, wie Sven in der Küche mit den Pfannen und Töpfen hantiert. Ich selbst rubble zum gefühlt hundertsten Mal über den Fettfleck auf der Theke, der einfach nicht verschwinden will. Auf der glänzenden Oberfläche spiegeln sich die Umrisse meines Gesichts. Die Ringe unter den Augen sind dunkler geworden und meine Haare stehen wild von meinem Schädel ab. Ich brauche eine Dusche, soviel ist klar. Nur habe ich keine Ahnung, wo ich die finden soll. So ohne festen Wohnsitz.

»Lars?«

Ich drehe den Kopf zu Lewis. Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich mit dem Putzen aufgehört habe. Er schenkt mir sein Businessman-Lächeln. Du weißt schon – die Art von Lächeln, das nie die Augen erreicht.

»Es fehlt was in der Kasse«, sagt Lewis. Er lächelt immer noch, aber das täuscht nicht über den säuerlichen Unterton in seiner Stimme hinweg.

Ich versteife mich.

»Hör zu«, sagt Lewis, als ich nicht sofort antworte. Er geht ein paar Schritte auf mich zu und legt mir eine Hand auf die Schulter. »Ich weiß, dass sich irgendjemand von euch aus der Kasse bedient. Heute fehlen über zwanzig Pfund.«

Zwanzig? Das ist viel mehr, als Lola für ihre Bestellung hätte bezahlen müssen. Verdammt.

»Es ist in Ordnung«, fährt Lewis fort und bläst mir seinen Atem ins Gesicht. Er riecht nach Alkohol und Tabak. »Ich verurteile hier niemanden. Ich will nur wissen, wer von euch dafür verantwortlich ist.«

Sven ist immer noch in der Küche. Ich bin mir sicher, dass er uns durch die dünne Tür hören kann. Aber er macht sich nicht die Mühe aufzutauchen und mich aus dieser Situation zu befreien.

Ich schlucke und weiche einen Schritt von Lewis zurück. »Ich habe mich nicht aus der Kasse bedient, das schwöre ich dir. Lola war hier und sie konnte nicht für ihre Bestellung bezahlen, weil du die Preise erhöht hast, also habe ich gesagt, es sei in Ordnung so. Aber ich habe keine Ahnung, was mit dem Rest des Geldes passiert ist.«

Lewis‘ Gesichtsfarbe verändert sich von gelblich zu rot. »Lars«, sagt er und kommt wieder näher. Er macht eine ausladende Handbewegung. »Du weißt, was das hier ist, hm?«

Ich blinzle. »Ein Burgerladen?«

»Falsch«, antwortet Lewis schroff. »Es ist ein Geschäft. Und weißt du auch, wozu ein solches Geschäft dient?«

»Um, äh … Geld zu verdienen?«

»Ganz richtig.« Lewis nickt. »Was denkst du, woher mein verdammtes Geld kommt, wenn du meinen Kunden ihre Bestellungen kostenlos gibst, hm?«

Ah, shit. 

Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. »Ich dachte, das sei gut für die Kundentreue.« 

Lewis stößt ein frustriertes Schnauben aus und räumt die leere Kasse mit einer schwungvollen Bewegung von der Theke. Ich zucke zusammen, als sie mit einem lauten Krachen zu Boden stürzt.

»Lüg mich nicht an, Junge.« Lewis keucht und glänzende Schweißperlen rollen ihm über das aufgedunsene Gesicht. »Ich weiß, dass mehr in der Kasse fehlt als eine einzige lächerliche Bestellung. Du hast dich daraus bedient, nicht wahr?«

»Nein«, widerspreche ich. Ich bin vielleicht ein Loser ohne Dach über dem Kopf, aber kein Dieb.

Lewis schnalzt mit der Zunge. »Oh, Lars. Ich bin kein Idiot. Hier fehlt schon seit Wochen Geld aus der Kasse. Bisher habe ich die paar Pfund jeweils auf deine Unfähigkeit zum Rechnen geschoben, aber du bist gierig geworden. Das kann ich nicht mehr als einfachen Rechenfehler akzeptieren.«

»Was?«

Ich zucke erneut zusammen, als Lewis mit voller Wucht gegen den Kühlschrank schlägt. Er flucht und sein Gesicht läuft hochrot an, bevor er sich wieder einigermaßen in den Griff kriegt. Seine Äuglein mustern mich, als könnten sie jeden Moment aus ihren Höhlen springen.

»Es hat keinen Sinn, es weiter zu leugnen.« Lewis krallt seine Finger in meine Schulter und ich verziehe schmerzvoll das Gesicht. »Ich will verständnisvoll mit dir sein, Lars, wirklich. Du hast ein gutes Leben verdient nach dem, was deine Familie durchmachen musste. Aber du machst es mir gerade sehr, sehr schwer.«

»Ich lüge nicht«, beteuere ich. »Ja, ich habe Lola die Bestellung kostenlos gegeben – aber der ganze Rest hat nichts mit mir zu tun.«

Der Griff an meiner Schulter wird stärker. »Weißt du, warum ich dich eingestellt habe, Lars?«

»Weil ich einen Job gebraucht habe?«

Lewis seufzt. »Weil ich deinen Vater kannte, Lars, und weil ich dir eine Chance geben wollte. Ich dachte, wenn du auch nur ein kleines Stückchen wie dein Vater bist, dann bist du ein ehrlicher, zuverlässiger und kompetenter Mitarbeiter.« Er kneift die Augen enger zusammen. »Scheint, als hätte ich mich getäuscht.«

Ich reiße mich von ihm los. »Mein Vater hat nichts mit dem zu tun.«

»Das sehe ich nun.« Lewis wischt sich die Hand, die an den Knöcheln zu bluten begonnen hat, am Handtuch sauber. »Ich hatte wirklich Geduld mit dir. Wenn du ehrlich gewesen wärst, hätten wir über deine Anstellung reden können. Ich bin ein Mann, der gerne zweite Chancen vergibt. Aber ich will keinen Lügnern Geld bezahlen.«

Es dauert ein paar Sekunden, bis mein Gehirn verarbeitet, was Lewis soeben gesagt hat. Ich starre ihn an. »Du feuerst mich?«

Wieder dieses unechte Lächeln. »Ich sehe es viel eher als … temporäre Freistellung«, erklärt Lewis. »Wenn du bereit bist, dich zu entschuldigen und für deine Taten geradezustehen, werde ich mich bereiterklären, über deine Anstellung nachzudenken. Bis dahin, nun …« Er winkt in Richtung des Ausgangs. »Da ist die Tür.«

Für ein paar Sekunden bleibe ich wie festgefroren an Ort und Stelle stehen. Doch das ist kein Albtraum, aus dem ich erwachen könnte. Dafür fühlt sich das Rasen in meiner Brust und die Hitze, die durch meinen Körper brennt, viel zu real an.

»Lewis, bitte …«, setze ich an, aber er winkt ab.

»Es gibt nichts mehr zu sagen, Lars. Geh, bevor ich dich rausschmeißen muss.«

Ich lecke mir über die trockenen Lippen, versuche die Gedanken zu ordnen, die gerade auf mich einprasseln. Mir fällt nichts mehr ein, was ich sagen könnte. Ich balle die Hände an meiner Seite zu Fäusten, bis es wehtut. 

Ruhig bleiben, hat Dr. Allen immer gesagt. Lass die Wut mit jedem deiner Atemzüge entgleiten.

Ich atme, aber meine Brust fühlt sich dennoch mit jeder verstreichenden Sekunde enger an. Lewis hat sich inzwischen von mir weggedreht und sammelt die zerstörten Teile der Kasse vom Boden auf.

Ein paar Augenblicke verharre ich in meiner Position, dann drehe ich mich ruckartig um. Ich reiße mir die Schürze vom Körper, schmeiße sie in den Abfalleimer und stürme aus dem Laden.

 

 

Ich stolpere über die Schwelle des Ladens und falle beinahe auf dem Parkplatz hin, weil ich so schnell gehe. Ein Wort hämmert von innen gegen meinen Schädel.

Shit. Shit. Shit.

Ich weiß nicht, wo ich hinlaufe. Eigentlich will ich nur noch nach Hause, mich mit einem Sixpack Redbull – oder was Stärkerem – zudröhnen und die ganze Nacht Zombies auf meiner alten Xbox abschlachten. Das Problem ist, dass ich kein Zuhause mehr habe und ich schwer bezweifle, dass es im alten Kino, wo ich meine Sachen versteckt habe, so was wie Strom gibt. Oder einen Kühlschrank.

Ein Autofahrer tritt abrupt auf die Bremse und hupt, als ich auf die Straße strauchle und fast überfahren werde. Ich zeige ihm meinen Mittelfinger und laufe weiter. Mein Kopf fühlt sich an wie mit Watte ausgestopft. Irgendjemand da oben muss eine Menge Spaß dabei gehabt haben, sich auszudenken, wie er mir diesen Tag zur Hölle machen kann. Zumindest hoffe ich, dass es da jemanden gibt, dem ich die Schuld zuschieben kann. Alles andere würde nämlich bedeuten, dass ich selbst für diese Scheiße verantwortlich bin.

Mir ist klar, was du jetzt sagen willst. Ich hätte nicht aus der Wohnung geworfen werden müssen. Und vermutlich hätte ich Lola diese Bestellung nicht schenken müssen, auch wenn das Lewis‘ Reaktion sicherlich kaum geändert hätte. Manchmal tue ich Dinge in der Hitze des Gefechts, die ich im Nachhinein bereue. Aber weißt du, was das Verrückte daran ist? Ich bereue nichts davon. Ich bin nicht wütend auf das, was ich getan habe. Vielmehr hasse ich mich gerade für das, was ich eben nicht getan habe. Mum erklärt, dass ich mich bessern kann, zum Beispiel. Dass ich ein Sohn sein kann, auf den Dad stolz sein könnte. 

Ich hätte mich auch gegen Lewis stellen können. Für mich selbst einstehen. Selfcare und so. All dieser Mist eben, den viel zu gut aussehende Influencer in diesen Selbstverbesserungsratgebern verbreiten. 

Ich trete beim Vorbeigehen gegen eine Mülltonne und fluche, als ein plötzlicher Schmerz durch meinen Fuß fährt. Eine ältere Dame, die weiß Gott um diese Zeit nicht mehr auf der Straße unterwegs sein sollte, schwenkt ihren Gehstock in meine Richtung. Ich zwinge mich zu einem Lächeln und verschwinde in der nächsten Gasse.

Schweiß rinnt mir den Nacken herunter. Ich ziehe mir die Kapuze meines Pullis ins Gesicht und versenke meine Hände in den Taschen. Es ist heiß. Viel heißer, als es an einem gewöhnlichen Juniabend sein sollte. Verdammter Klimawandel. Dafür ist der Himmel inzwischen aufgerissen. Die Wolken vom Nachmittag sind verschwunden und stattdessen ergießt sich ein schwarzes Loch über meinem Kopf. Am Ende des Horizonts, wo die letzten Wolkenfetzen ausfasern, kann ich die Umrisse des halbvollen Mondes erkennen.

Ich irre ziellos durch die Stadt, weg vom Zentrum und von der Autobahn, die im Hintergrund vorbeirauscht. Die Luft ist angefüllt von der Hitze des vergangenen Tages, die vom Asphalt aufsteigt. Sie drückt gegen mein Gesicht, während meine Augen vom Schweiß brennen, der von meiner Stirn tropft. 

Vermutlich sollte ich zum alten Kino zurückkehren. Aber ich weiß nicht mehr, wo ich bin, und ehrlich gesagt ist es mir auch scheißegal. Meine Beine tragen mich wie von selbst, weg von dieser verfluchten Stadt und ihren Bewohnern. Ich strauchle von einer Nebengasse auf die Hauptstraße. Menschen drängen sich auf dem engen Bürgersteig zusammen, sodass ich stehen bleiben muss, um nicht in sie hineinzulaufen. Wo kommen die überhaupt alle her? Es sind Massen von ihnen, Männer und Frauen, mit ihren gezückten Smartphones, die sie gegen den Himmel richten. Einige von ihnen drängen sich gerade aus der Tür vom Marsh Inn.

Dann fällt mein Blick auf die ausgestellten Fernseher im Elektronikgeschäft auf der anderen Straßenseite und ich verstehe sofort, was los ist. Der Komet. Natürlich.

Ich recke den Kopf, aber zwischen dem Blitzen der Kameras und dem Licht der Straßenlampen kann ich kaum etwas erkennen. Spielt wohl auch keine Rolle. Was interessiert mich überhaupt eine kleine Sternschnuppe?

»Sorry«, murmle ich und dränge mich an einer Traube von Menschen vorbei, die den Zugang zur angrenzenden Straße versperren. Ich frage mich, ob ich auch mit meinen Freunden heute Nacht hier draußen unterwegs wäre, wenn mein Leben anders verlaufen wäre. Oder ich so was wie Freunde hätte.

Toll. Jetzt fühle ich mich gleich viel besser.

Je weiter ich laufe, desto leiser wird das Stimmengemurmel und das Gelächter der Leute, bis es irgendwann vollends verstummt. Ich lasse das Zentrum hinter mir und tauche ins Halbdunkel der weniger beleuchteten Straßen am Stadtrand ein. Plötzlich bin ich allein. Da sind nur noch meine Gedanken und ich in dieser verfluchten Stadt.

Jetzt weiß ich, wo ich hingehen will.

Ich durchquere ein paar schlafende Viertel, bevor ich das Rauschen des Flusses höre. Der Avon. Kreativ, ich weiß. Keine Ahnung, wie viel Met die Gründer getrunken haben, als sie sich den Namen für die Stadt ausgedacht haben. Innovativ waren sie auf jeden Fall nicht, denn es gibt mindestens sieben andere Flüsse mit dem Namen Avon allein in Großbritannien.

Seufzend lasse ich meine Kapuze in den Nacken sinken. Ich schlüpfe zwischen zwei Häusern hindurch und zwänge mich durch Gebüsch und Dickicht, bis ich am oberen Ende einer Böschung lande. Ein paar Meter vor mir fällt das Gelände ab und mündet im Fluss, wo sich das Licht des Nachthimmels spiegelt. Hier draußen kann man die Sterne tatsächlich sehen. Soweit haben diese betrunkenen Kometen-Beobachter vermutlich nicht gedacht.

Ich folge dem Ufer, bis ich zu den Brückenpfeilern gelange. Sie stehen wie die Füße von Riesen auf jeder Seite des Flusses. Das Metall hat an einigen Stellen schon zu rosten begonnen. Die Brücke hätte dringend eine Sanierung nötig, aber dafür fehlt der Stadt das Geld. Also lässt man sie weiter vor sich hin rosten, während man insgeheim hofft, dass sie bei einem Sturm zusammenkracht und die Versicherung die Kosten übernimmt. 

Eine kleine Treppe führt nach oben zurück zur Straße. Ich folge ihr, wie ich es schon hundertmal zuvor getan habe. Ist nicht das erste Mal, dass ich hierherkomme, wenn die ganze Welt sich gegen mich verschworen zu haben scheint. Und wird vermutlich auch nicht das letzte Mal sein.

Mein Atem rasselt, als ich das obere Ende erreiche. Der Fußgängerweg auf die andere Flussseite ist lediglich mit einem kleinen Gitter vom Rest der Straße abgetrennt. Nicht, dass das nötig gewesen wäre, denn hier kommen sowieso kaum Fahrzeuge durch. Früher war das der einzige Weg in die Stadt hinein, aber seit dem Bau der Autobahn nutzen die Leute diese Route, um aus Avonby zu fliehen. Das einzige Gebäude am anderen Flussufer ist die alte Stahlfabrik. Der Schandfleck der Stadt, und so weiter und so fort. Wenn du mich fragst, dann sieht es nicht anders aus als der Rest der Gebäude hier. Heruntergekommen und vom Wetter zerrüttet. Ein Andenken aus alten Zeiten, als die Menschen tatsächlich hierhergekommen sind, weil es Arbeit für sie gab.

Ich reiße meinen Blick von der Fabrik los und stütze meine Ellbogen auf dem Brückengeländer ab. Unter mir rauscht das Wasser des Flusses in zehn Metern Tiefe vorbei. Manchmal frage ich mich, wie es sich anfühlen würde, einfach zu springen. Loszulassen. Es gibt einen Begriff für dieses Gefühl, für diesen Sekundenbruchteil, in dem man alles hinter sich lassen will. High Place Phenomenon, nennen sie das. Es ist real. Google es ruhig.

Aber deswegen komme ich nicht hierher. Das ist nicht der Ort, an dem ich sterben will. Den hat Dad bereits für sich beansprucht.

Ich starre in die Tiefe. Wie er sich wohl gefühlt haben muss, als er gestürzt ist? Heldenhaft vermutlich. Immerhin hat er einen Serienmörder mit sich in den Tod gerissen. Wer kann das schon von sich behaupten?

Nicht, dass es ihm vom Grab aus viel nützt.

Ich fahre mir übers Gesicht. Es ist schweißnass und meine Haut glüht vom Tempo, das ich bis hierher hingelegt habe. Wind bläst mir ins Gesicht, aber er reicht nicht, um die Hitze ganz zu vertreiben.

»Weißt du«, rufe ich nach unten, »du hast ja keine Ahnung, was für ein Glück du hast.« 

Dr. Allen meinte, es sei gut für mich, einen Ort zu haben, wo ich mich Dad näher fühlen kann. Ich meine, er hat ein Grab. Aber das verliert irgendwie an Bedeutung, wenn man weiß, dass da lediglich ein alter Schuh in einem leeren Sarg beerdigt wurde.

»Du hast von uns allen das beste Los gezogen«, fahre ich fort. Ich bin froh, dass mich niemand hier draußen hören kann. Ich bin nicht verrückt. Wirklich. »Mum und ich? Wir müssen den Rest unseres Lebens mit dem Gedanken verbringen, dass du für immer weg bist. Aber du? Du hast dich einfach in Luft aufgelöst. Du bist nicht derjenige, der die Konsequenzen ertragen muss. Du hast es dir leicht gemacht.« Das tun sie doch alle irgendwie. Die Toten, meine ich. Ich bezweifle, dass sie als Geister in diese Welt zurückkehren oder von oben auf uns herabblicken. Das sagt man sich doch nur, um sich besser zu fühlen. Die Wahrheit ist, dass die Toten tot sind, und dass es sie vermutlich einen Dreck schert, was hier läuft, weil … na ja, weil es verdammt schwer ist, sich um irgendetwas zu kümmern, wenn man nicht mehr atmet.

Ich starre auf die Wasseroberfläche. Mir kommt es vor, als sei sie heller geworden.

»Was soll’s«, murmle ich und trete vom Geländer zurück. »Ist ja nicht so, als könntest du mich hören. Oder als würde es dich überhaupt interessieren.«

Jetzt fühle ich mich noch beschissener als vorher. Normalerweise beruhigt es mich, hierher zu kommen. Aber nicht heute. Was für ein mieser Tag.

Ich drehe mich um und kneife geblendet die Augen zusammen. War der Mond eben schon so hell? Vielleicht ist das einfach die Müdigkeit, die mich einholt. Oder ich werde langsam verrückt. Zumindest würde das erklären, warum diese verdammte Sternschnuppe so riesig ist.

Moment mal.

Ich schirme mir die Augen mit der Hand ab und lege den Kopf in den Nacken. Das ist nicht der Mond. Oder eine Sternschnuppe, auch wenn sich das Ding definitiv bewegt. Es ist ein glühender Streifen, der über den Himmel schießt, und mit jeder verstreichenden Sekunde heller wird. 

Mein Herz sackt in die Tiefe. Das ist der verdammte Komet. Inzwischen ist es so hell, dass man meinen könnte, es sei bereits früher Morgen. Muss das so sein? Ich bin mir nicht sicher. Was zur Hölle weiß ich schon über Kometen. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass es unmöglich ein gutes Zeichen sein kann, dass dieses Ding rot zu glühen beginnt. Und direkt auf mich zurast.

Oh, shit.

Ich laufe los. Shit. Ich muss hier weg. Schneller. Verdammt, schneller!

Ich stolpere vorwärts, weg von der Brücke und dem glühenden Weltallfelsen in meinem Rücken. Für den Bruchteil einer Sekunde kommt mir der Gedanke, wie ironisch es wäre, wenn ich am selben Ort wie Dad ins Gras beiße.

Dann schlägt das Teil ein.

Die Druckwelle reißt mich von den Beinen. Ich höre den Nachhall der Explosion, gefolgt von einem Pfeifen. Doch ich habe keine Zeit, es zuzuordnen, weil ich gerade in hohem Bogen über das Brückengeländer fliege. Mein Verstand schaltet sich aus. Irgendwo tief in meinem Bewusstsein registriere ich, wie die alte Stahlfabrik in Flammen aufgeht, bevor ich zu fallen beginne.

Ich stürze durch die Wasseroberfläche, nehme einen dumpfen Schmerz in meinem Rücken und meinem Kopf wahr, der so schnell verschwindet, wie er gekommen ist. Es wird dunkel um mich. Wasser rauscht in meinen Ohren, drückt auf meine Brust und reißt mich langsam mit sich in die Finsternis ...


Du willst wissen, wie es weitergeht? Finde es in City of Heroes: Episode 1 - Der Komet heraus!